Frage der Woche: Wie gefährlich sind Nanopartikel?

Frage der Woche: Wie gefährlich sind Nanopartikel?

von Felix Ehrenfried

Sie sorgen für bessere Deos, Sonnencremes und Wandfarben - doch sind Nanoteilchen wirklich so ungefährlich, wie Unternehmen behaupten?

In unserer Rubrik „Frage der Woche“ gehen wir regelmäßig einer spannenden Frage nach. Hier geht es um die Gefahren von Nanopartikeln. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie uns an die Adresse green@wiwo.de.

Sie schützen die Haut vor dem Sonnenbrand, den Autolack vor Kratzern und die Regenjacke vor eindringendem Wasser. Nanopartikel sind winzige Teilchen, befinden sich heute in vielen Produkten und bringen große Vorteile mit sich. Einige Mediziner verwenden kleinste Silberpartikel sogar als Bakterienkiller.

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Doch sind diese Teilchen, die höchstens ein Hundertstel Millimeter groß sind, wirklich so toll und ungefährlich, wie es auf den ersten Blick scheint?

Das lässt sich nach aktuellem Stand der Forschung sehr schwer sagen - denn die Folgen für den Menschen sind bisher kaum untersucht. Der Spiegel erklärt zu diesem Thema treffend: "Die Erforschung von möglichen Risiken und Nebenwirkungen hinkt der Vermarktung der Produkte stark hinterher."

Umweltorganisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordern die Europäische Union zwar schon länger dazu auf, den Gebrauch von Nanopartikeln zu regulieren - passiert ist bisher wenig.

Zwar haben schon mehrere Studien, wie die der Cornell University in Ithaca, aufgezeigt, dass Nanopartikel einen negativen Einfluss haben können. Die Forscher der Universität versetzten das Futter von Laborhühnern mit Nanopartikeln aus Polystyrol. Polystyrol ist ein Plastik, das zunehmend in Lebensmittelverpackungen verwendet wird.

Die Erkenntnis der Forscher: Diejenigen Hühner, die mit Nanopartikeln versetztes Futter gegessen hatten konnten wesentlich schlechter Eisen aufnehmen als die Kontrollgruppe, die normales Futter bekam. Nach einigen Wochen ließ dieser Effekt zwar nach, da sich der Darmtrakt der behandelten Hühner verändert hatte, jedoch zeigt dies deutlich: Nanopartikel können den Organismus beeinflussen.

Die Forscher behandelten auch menschliche Darmkulturen mit Nanoteilchen aus Polystyrol, mit ähnlichem Ergebnis. Die Nanopartikel beeinflussten die Darmkulturen. Das Gefährliche an den Partikeln: Eigentlich "prallen" Fremdstoffe, die der Körper nicht aufnehmen will, an der Darmschleimhaut ab und werden durch den Kot ausgeschieden, die Zwergpartikel können diese Schranke aufgrund ihrer Größe jedoch überwinden. So erklärten zwei Nanopartikel-Forscher jüngst gegenüber der Welt: "Je kleiner die Nanopartikel sind, umso größer ist die Gefahr der Ablagerung in diversen Organen."

Eine aktuelle Studie der Universität Koblenz-Landau könnte jetzt Aufschluss über weitere Gefahren geben. Die Studie, die dieses Mal an Wasserflöhen durchgeführt wurde, zeigt, dass die bisherige Forschung eventuell am falschen Punkt angesetzt hat. Die Experten der Hochschule entdeckten, dass die mit Nanopartikeln behandelten Tiere zwar keinerlei Auffälligkeiten zeigten, jedoch deren Nachkommen erheblich eingeschränkt waren. Diese seien wesentlich weniger schwimm- also überlebensfähig, als eine neutrale Kontrollgruppe, so die Erkenntnis.

Nanopartikel beeinflussen NachkommenAuch zeigten die Flöhe, deren Eltern mit Nanopartikeln aus Titandioxid behandelt wurden, eine niedrigere Stressschwelle für andere Belastungen auf als Nachkommen gesunder Flöhe. Titanoxid findet sich in Produkten wie Farbe, aber auch Sonnen- oder Zahncremes.

Die Forscher der Uni Koblenz-Landau sehen durch ihre Studie Handlungsbedarf in der Politik: „Denn herkömmliche Untersuchungen und Risikobewertungen reichen nicht aus." Damit beziehen sie sich auf die aktuellen Kontrollen, die Zulassungsstellen anwenden, um das Risiko von Nanopartikeln zu bewerten. Die Forscher fordern nun, dass Zulassungsstellen, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR), ihre Tests anpassen, um so auch die langfristigen Risiken und Gefahren - auch für Folgegenerationen - besser bewerten zu können.

Das BFR erklärt bislang, dass keinerlei Fälle vorliegen, bei denen "Gesundheitsschäden nachweislich durch Nanopartikel oder Nanomaterialien ausgelöst wurden." Jedoch gibt man dort auch zu, dass es bei der Bewertung gesundheitlicher Risiken durch Nanopartikel "noch viele offene Fragen" gibt.

Auch das Bundesumweltamt gibt zu, dass über mögliche Risiken der Stoffe bisher wenig bekannt ist.

Eine Kennzeichnungspflicht besteht jedoch bis heute nicht. Sollte man also als Konsument auf Nanopartikel verzichten wollen, ist dies schwer umzusetzen. Während bei Deos beispielsweise ein Hinweis auf "Silberionen" noch relativ leicht auf Nanopartikel als Inhaltstoff hinweist, ist das bei anderen Produkten wesentlich schwerer nachzuvollziehen.

Zudem ist unklar, inwieweit sich Nanomaterialien in Lebensmitteln befinden. Eine Recherche des BUNDs aus dem Jahre 2008 ergab, dass mehr als 100 Lebensmittel Nanopartikel enthielten. Diese Zahl dürfte mittlerweile gestiegen sein. Beim BFR erklärt man zu diesem Thema schwammig: "Es wird berichtet, dass Nanomaterialien in Lebensmitteln als Hilfs- und Zusatzstoffe zum Einsatz kommen."

Zeit also, dass sich die Politik des Themas annimmt.

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