Gegen die soziale Rezession: Wie eine Wirtschaft aussieht, in der alle gewinnen

Gegen die soziale Rezession: Wie eine Wirtschaft aussieht, in der alle gewinnen

von Martin Roos

Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum? Wie das möglich ist, beschreibt Grünen-Politiker Gerhard Schick in einem neuen Buch.

Wir sind permanent gestresst, wir werden immer dicker, der Blutdruck steigt, wir leiden unter Depressionen und Burn-out. Kurzum: Glaubt man den zahlreichen Studien und Umfragen zu diesen Themen befindet sich unsere Gesellschaft in einer sozialen Rezession. Nach wie vor glauben wir jedoch, dass Wohlstand und Wachstum für unsere Wirtschaft zentral sind.

Doch was bringen Geld, Vermögen und materieller Reichtum, wenn es mit der mentalen und körperlichen Verfassung der Menschen bergab geht?

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Natürlich kann man mit Geld einen besonders guten Therapeuten bezahlen, man kann sich jeden Tag zur Ablenkung eine exquisite Mahlzeit leisten oder eine schöne lange Auszeit auf den Malediven nehmen. Doch vielleicht wäre es auch eine  Lösung, die einseitige Fixierung auf Geld und Vermögen zugunsten größerer Empathie und sozialer Teilhabe aufzugeben?!

Der Grünen-Politiker und Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick kann sich durchaus eine Gesellschaft vorstellen, in der wir Wohlstand ohne Wachstum erreichen: „Heute werden die negativen Tendenzen dieses einseitigen Strebens nach materiellem Mehr deutlicher denn je – unabhängig von der Einkommensgruppe“, schreibt er in seinem Buch Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient (Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014).

Schick, der Mitglied des Finanz- und Haushaltsausschusses im Bundestag ist, plädiert dafür, sich „behutsam“ vom dominanten Wachstumsdiktum zu entfernen. Er hält es zudem für sinnvoll, zumindest einmal zu simulieren, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Wohlstand ohne Wachstum möglich ist. Denn ein solches Szenario würde uns tatsächlich erst einmal die Bedingungen und auch die Konsequenzen einer Postwachstumsgesellschaft vor Augen führen.

Zu wissen aber, dass eine solche Nullwachstumsökonomie zunächst ein Traum bleiben muss, ist er Realist genug. Der Weg dorthin wäre für ihn folgender: Die Gestaltung einer fairen Wirtschaft, die der Gesellschaft und ihrer Entwicklung wirklich nachhaltig nutzt. Und darum geht es in seinem Buch: Schick fordert eine Abkehr von einer Wirtschaft, in der nur Macht und Geld zählen (eben die „Machtwirtschaft“), in der man Gewinne machen kann, ohne Gegenleistungen zu erbringen, die Kunden und der Gesellschaft von Nutzen sind.

Nicht immer reflexartig nach dem Staat schreienAuch wenn Schick selbst manchem Grünen mit solchen Ansichten als zu links gilt, ist er tatsächlich ein „überzeugter Marktwirtschaftler“. Selbstbestimmung und Freiheit der Marktteilnehmer gehören zu seinem ökonomischen Selbstverständnis. Soweit er glaubt, dass sich heute der Staat eher um die Wenigen (in der Oberschicht) und nicht die Vielen (im Mittelstand und tiefer) kümmert, so sehr lehnt er genauso diejenigen ab, die reflexhaft nach mehr Staat rufen, „um ungerechte Marktergebnisse auszubügeln“.

Für ihn besteht die Lösung für ein faires Wirtschaften darin, frühzeitig die Regeln des Marktes so zu gestalten, dass er gerechtere Ergebnisse produziert. Er fordert eine Neuregulierung der Finanzmärkte, den ökologischen Umbau der Wirtschaft und einen neuen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft. Die notwendigen Maßnahmen beschreibt er detailiert in seinem Buch.

Technologisch „grüne“ Innovationen hält er durchaus für ein Mittel, um ein nachhaltigeres Wirtschaften zu erreichen. Allerdings: „Während relative Entkopplung, also ein Weniger an Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung pro Einheit des Bruttoinlandprodukts, durch technische Neuerungen tatsächlich stattfindet, sind wir weit davon entfernt, Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut zu senken.“ Kurz: Zwar gehen wir mit Ressourcen heute sparsamer um als noch vor ein paar Jahrzehnten, doch der Gesamtverbrauch wächst immer noch. Und weil dies kaum zu ändern sein wird, geht Schick auch davon aus, dass wir uns zukünftig auf eine wachstumsärmere Wirtschaft vorbereiten sollten.

Während der Lektüre hat der Leser des Buches wohl immer im Hinterkopf, dass Schick auch Politiker ist. Beim Lesen kommt man also nicht umhin, immer auch das Parteiprogramm zwischen den Zeilen zu suchen. Dennoch: Das Buch ist anregend geschrieben, mit viel Sachkenntnis und ohne Polemik – eine Empfehlung für Freund und Feind. Denn: Dass sich hier ein Bundestagsvertreter ziemlich fachkundig und detailliert zu einem Thema äußert, ist eine Seltenheit und hat allein deshalb schon viele Leser verdient.

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