Generation Z: "Chef, mach das mal ohne mich"

Generation Z: "Chef, mach das mal ohne mich"

von Nora Marie Zaremba

Der Ökonom Christian Scholz erklärt im Interview, warum jungen Menschen Freunde und Freizeit wichtiger sind als ein hochbezahlter Job.

Nach den Generationen X und Y steht nun die Generation Z in den beruflichen Startlöchern. Die heute knapp Zwanzigjährigen sind mit Wirtschafts- und Finanzkrise aufgewachsen.

Es ist für sie selbstverständlich, 24 Stunden online zu sein. Und der Ausdruck "YOLO - You only live once" gilt als wichtige Leitlinie. Wie möchte diese Generation leben und arbeiten?

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Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement, forscht an der Universität des Saarlandes zu den Berufstätigen von morgen. Von ihm ist kürzlich das Buch "Generation Z" erschienen, das die Lebenswelt der nach 1990 Geborenen und ihre Vorstellungen zu erklären versucht. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

WiWo Green: Herr Scholz, wie tickt die Generation Z?

Christian Scholz: Ein markantes Wort für diese Generation ist „realistisch“. Sie macht sich keine Illusionen darüber, wie ungerecht das Arbeitsleben beschaffen ist. Die heute Anfang Zwanzigjährigen sehen Massenentlassungen auf der einen und Managergehälter im Millionenhöhe auf der anderen Seite. Und sie sehen, dass sich trotz der vielen Diskussionen nichts geändert hat und glauben auch nicht daran, dass sich etwas ändert.

Dann muss die Generation Z ja ziemlich pessimistisch sein. 

So überraschend es ist: Sie sind überhaupt nicht pessimistisch. Das hat wohl mit ihrer Fähigkeit der Entkopplung zu tun. Sie lassen die Probleme nicht zu nah an sich heran. Anders als ihre Vorgänger haben die Z-ler auch nicht den Anspruch, die Welt zu retten – und deshalb sind sie auch nicht enttäuscht, wenn es nicht gelingt.

Haben Sie da ein Beispiel?

Sie gehen sehr pragmatisch an ein Problem heran. Natürlich sehen sie, dass der VW-Vorstandsvorsitzende unverhältnismäßig viel Geld verdient. Aber sie wissen auch, dass der Golf nicht dadurch billiger wird, wenn Martin Winterkorn einige Millionen weniger bekommt.

Wie hätten die Vorgänger-Generationen reagiert?

Für die Babyboomer, die ungefähr ab 1950 Geborenen, waren solche Gehaltsunterschiede überhaupt nicht tragbar. Die hatten ja eine sehr idealistische Grundhaltung. Für die Generation Y schließlich waren und sind Spitzengehälter von Top Managern Ansporn, richtig loszulegen und viel zu arbeiten.

Bald tritt die Generation Z selbst in die Arbeitswelt ein, manche arbeiten schon. Ihr Buch soll Unternehmen darauf vorbereiten, was da auf sie zukommt. Womit müssen die älteren Chefs rechnen?

Viele meinen ja, dass da eine Heerschaar hoch leistungsbereiter und technologiekompetenter junger Arbeitnehmer auf den Markt drängt. Das stimmt zum Teil ja auch. Aber es gibt eben ein paar andere, bedenkenswerte Punkte. Die jungen Menschen arbeiten sehr gerne in einem festen Rahmen, beispielsweise von 9 bis 17 Uhr. Außerhalb dieses Zeitraums aber möchten sie eher nicht an Job oder Firma denken.

Die Idee von den Jungen als immer verfügbare Arbeitnehmer ist also eine Illusion. Auch sehen Vertreter der Generation Z den Beruf nicht als Selbsterfüllung und zentralen Lebensinhalt.

Das ist ja eigentlich positiv, wenn man bedenkt, dass Burnout eine der häufigsten Krankenbilder unserer Leistungsgesellschaft ist.

Ja, das stimmt. Auf Seminaren sagen mir ältere Arbeitnehmer auch, dass sie die Einstellung der Jüngeren, sich nicht zu Grunde arbeiten zu wollen, gar nicht schlecht finden. Die Älteren sehen dadurch auch, dass Überforderung nicht produktiv ist und dass man nicht immer der Karotte hinterherlaufen muss.

Genauso stellen viele fest, dass die Jungen sich schnell überfordert fühlen und wenig flexibel sind. Wenn dann also am Wochenende kurzfristig eine Präsentation ansteht, muss der Chef mit der Aufgabe letztlich alleine klarkommen. Auf Unterstützung seiner jungen Arbeitgeber kann er nicht unbedingt setzen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch dann auch, wie die 24-jährige Emily an einem Freitag pünktlich ins Wochenende geht, obwohl der Chef sie dringend braucht. Haben die Jungen überhaupt Lust auf Verantwortung?

Das ist wohl der kritische Punkt. Die Generation Z ist ein verlässlicher Arbeitnehmer, aber eben nur, wenn es in ihre Struktur passt. Wenn es brennt, zieht sie einfach weiter. Loyalität dem Unternehmen gegenüber ist ihr ein Fremdwort. Wenn etwas von ihnen verlangt wird, was vielleicht so nicht angesprochen war, verdächtigt sie den Chef gleich, er wolle sie verheizen.

Wie sollen die älteren Chefs damit umgehen?

Sie sollten verstehen, dass die Generation Z viel Feedback und Lob braucht, aber auch klare Vorgaben. Und dann muss man Kompromisse finden können. Eine längere Arbeit ist in Ordnung, aber nur dann, wenn das im voraus abgesprochen ist.

Am Ende ist aber weder ein Durchdrücken der Ansprüche des Unternehmens noch das Einrichten eines Ponyhofes für die Generation Z hilfreich. Was hilft, ist ein offener Diskurs, der zu verlässlichen Kompromissen führt.

Woher haben Sie die Informationen für Ihr Buch genommen?

Zum einen ist über die Generation Z schon viel geschrieben worden und es gibt eine  ganze Reihe an Studien, hier vor allem aus den USA und Australien, die sich mit der Generation Z beschäftigen. Zum anderen habe ich den absoluten Luxus, dass die Generation Z in meinem Hörsaal sitzt. Auf diese Weise bin ich mit ihr live in Kontakt. Als klar war, dass ich ein Buch schreiben werde, habe ich viele meiner Lehrveranstaltungen und Abschlussarbeiten auf Z ausgerichtet.

Welche Aufgaben haben die Studenten denn bekommen?

Beispielsweise haben sie ihre Lebenswelt in Fotos beschrieben. Da tauchen natürlich immer wieder das Smartphone und das berühmte Selfie auf – also das von sich selbst geschossene Bild. Auch mussten sie ein Wiki mit bestimmten Begriffen einrichten, die ihre Generation beschreiben.

Endet der Versuch, eine Generation zu beschreiben, nicht schnell im Schubladen-Denken? Zumal die heute Anfang Zwanzigjährigen sich ja auch noch entwickeln können.

Die Typologisierung mit Generationen dient dazu, den Blick für mögliche Unterschiede zwischen den Generationen zu schärfen. Nur so können sich Unternehmen dann auch darauf einstellen und sich entsprechend verhalten. Das hilft am Ende beiden Seiten. Problematisch hingegen wäre es, Unterschiede nicht anzusprechen oder gar zu ignorieren nach dem Motto: Es hat sich nichts verändert.

Welches Unternehmen oder welcher Beruf steht bei der Generation Z denn besonders hoch im Kurs?

Der öffentliche Dienst ist sehr gefragt: Er bietet Strukturen und Regelbeförderungen, es ist vorgeplant, wie die eigene Laufbahnentwicklung für die nächsten 30 Jahre aussieht und wie hoch das Gehalt ist. Ähnliche Gründe sprechen für die vielzitierten „großen und bekannten“ Unternehmen. Deutlich weniger attraktiv wirken kleinere und mittlere Betriebe.

Man meint ja, dass die heute 20-jährigen Uniabsolventen diejenigen seien, die die Startups gründen wollen.

Da sind die Befunde nicht ganz eindeutig, weil zwischen dem Wunsch und der Realisierung noch ein Unterschied liegt. Denn Freiberuflichkeit bedeutet viel Eigeninitiative und vor allem Verantwortung. Das bringt schon mal die ein oder andere schlaflose Nacht mit sich und wird deshalb von der Generation Z am Ende des Tages doch nicht so präferiert.

Trotzdem gilt für die Generation Z: Startup gerne, aber es sollte eher ein strukturiertes Gründungssystem sein, in einem kuscheligen Inkubator mit Rundumversorung, Altersversorgung und Loft-Atmosphäre.

Die Generation Z klingt etwas langweilig. Wo sind die Visionen, wo ist der Kampfgeist?

Ja, diesen Vorwurf hört man häufig und da ist auch etwas dran. Da fallen dann auch immer wieder Begriffe wie spießbürgerlich oder auch die berühmte Biedermeier-Romantik. Tatsächlich scheint die Generation Z weniger politisch interessiert und etwas weniger weitsichtig als ihre Vorgänger.

Ein Beispiel ist der Besuch bei großen Textilketten. Hier kauft die Generation Z ein, ohne dass sie sich vielleicht interessiert, wie diese Kleidung hergestellt wurde. Meine Erklärung dafür, dass die jungen Menschen einfach extrem realistisch sind: Das hindert sie daran, Visionen zu entwickeln. Dieses Verhalten ist bestimmt nachvollziehbar, aber schade ist es irgendwie schon.

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Christian Scholz: GenerationZ

Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt

Verlag Wiley-VCH, Weinheim

 

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