Genug Essen und Wärme: Zugvögel überwintern auf Müllkippen

Genug Essen und Wärme: Zugvögel überwintern auf Müllkippen

von Leonard Goebel

Menschliche Eingriffe in die Natur bringen die Routen vieler Zugvögel durcheinander, doch manche Arten profitieren davon.

Zugvögel sind genetisch darauf gepolt, verschiedene Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten zu verbringen. Sogar die Dauer und Richtung ihres Fluges sind im Erbgut gespeichert. Dennoch lässt sich immer wieder beobachten, dass sie ihre Routen bei äußeren Veränderungen anpassen - viele davon sind menschengemacht.

Forscher haben nun herausgefunden, dass diese Veränderungen durchaus vorteilhaft für einige Zugvögel sein können: So überwintern viele Störche mittlerweile auf Müllhalden in Südeuropa oder Nordafrika, anstatt die Sahara zu durchqueren.

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"Die Vögel verbrauchen dabei weniger Energie und scheinen davon zu profitieren", sagt Andrea Flack. Die Forscherin vom Max-Planck-Institut für Ornithologie ist Hauptautorin der Studie, die im Fachmagazin Science Advances erschienen ist. Demnach sparen die Vögel einerseits durch die kürzere Route Energie. Andererseits müssen sie auch vor Ort geringere Strecken zurücklegen, um an Nahrung zu kommen - die Abfälle der Menschen haben genügend zu bieten.

Die Wissenschaftler verfolgten unter anderem eine Gruppe junger Weißstörche aus Süddeutschland, die den Winter auf einer Müllkippe in Marokko und nicht wie üblich im Süden Afrikas verbrachten. Andere Gruppen überwinterten in Usbekistan oder Spanien.

Die Änderung des Vogelzugs könne die biologische Fitness und die Lebensrate der Störche erhöhen, so die Autoren. Allerdings gibt es offenbar auch negative Folgen für die Vögel: Denn auf den Müllhalden besteht für sie ein höheres Risiko, sich zu verletzen oder zu vergiften.

Verlagerung der Flugrouten könnte die Ausbreitung von Krankheiten verschärfenDoch Müllkippen sind längst nicht der einzige menschengemachte Faktor, der den Vogelzug beeinflusst. Auch der Klimawandel scheint die traditionellen Routen vieler Arten durcheinanderzubringen. So verbringen ursprüngliche Zugvögel wie Kiebitz, Singdrossel und Star den Winter inzwischen häufig in Mitteleuropa.

Andere Arten fliegen im Winter erst später in den Süden oder im Frühling früher wieder nach Norden. Laut dem Naturschutzbund Nabu kehren beispielsweise Mehlschwalben inzwischen durchschnittlich zehn Tage früher aus Nordafrika nach Deutschland zurück als noch vor 30 Jahren.

Auch andere Eingriffe in die Natur wie Straßen- oder Dammbau, Waldrodung oder die Errichtung von Windkraftwerken beeinflussen den Vogelzug. Noch ist nicht absehbar, wie sich die Verlagerung der Winterquartiere auf das Ökosystem auswirkt.

So könnten sich beispielsweise an Orten, zu denen die Vögel nun nicht mehr kommen, Insekten unkontrolliert ausbreiten. Gerade in Afrika könnte dies auch die Ausbreitung von Krankheiten beeinflussen. "Wir wissen nicht, was das für Langzeitfolgen hat", sagt Flack.

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