Gequälte Kaninchen: Modehäuser verkaufen weiter Angora-Kleidung

Gequälte Kaninchen: Modehäuser verkaufen weiter Angora-Kleidung

von Charlotte Zink

Modehäuser wie H&M und C&A reagieren auf ein Video der Tierschutz-Organisation Peta - andere wie Zara weigern sich.

Ein herzzerreisender Schrei tönt durch die Halle, als der Mann eine Hand voll flauschiges Fell aus der papierdünnen Haut des Kaninchens reißt: Und noch eine, und noch eine. Das Tier mit dem weißen Pelz liegt vor ihm auf eine Bank gefesselt und schreit aus vollem Halse. Der Mann reißt weiter. Solange, bis nur noch Kopf, Pfoten und Schwanz mit Fell bedeckt sind. Dann wird das Kaninchen in einen kleinen Käfig mit Gitterboden gesperrt. Die nackte Haut ist leuchtend rosa.

Die Bilder stammen aus einem Video, das die Tierschutzorganisation Peta im November veröffentlicht hat. Es zeigt Szenen aus chinesischen Fabriken, in denen Angorawolle hergestellt wird. Laut Peta stammen 90 Prozent der weltweit verarbeiteten Angorawolle aus China. Modekonzerne wie H&M, Esprit und C&A haben jahrelang Pullis, Mützen und andere Kleidungsstücke aus dem beliebten Material verkauft. Als Reaktion auf die schockierenden Bilder soll bei diesen und weiteren Modehäusern damit jetzt jedoch Schluss sein. Jedoch längst nicht alle Marken planen auf Angora zu verzichten.

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Die Moderiesen Zara und Gap wollen einem Bericht der US-Huffington Post zufolge weiterhin Kleidung aus Angora verkaufen. In einer Stellungnahme gegenüber der Huffington Post heißt es von Seiten des Textilunternehmens Inditex, zu dem Zara gehört: Käufer könnten sich sicher sein, dass alle Kleidungsstücke verantwortungsbewusst und ethisch hergestellt würden. Das sind sich diese ganz offensichtlich jedoch nicht, zumindest lässt das der rege Zulauf der Online-Petition gegen Zaras Angora-Waren vermuten. Diese hat die Verbraucherorganisation "Sum of us" ins Leben gerufen. Bislang beteiligten sich bereits über 277 000 Menschen.

Auch gegen die Marke GAP, die sich bislang nicht zu den Vorwürfen äußerte, gibt es eine Online-Petition. Angezettelt hat diese Peta: Auf ihrer Internetseite können Unterstützer direkte Nachrichten and den GAP-Firmenchef verfassen. Laut Huffington Post ist es bislang nicht sicher, ob er ebenso wie die Chefs von Zara das Schockvideo überhaupt gesehen haben. Sicher ist nur, dass der Film im Hause H&M sowie bei dem Bekleidungsunternehmen PVH, zu dem Tommy Hilfiger und Calvin Klein gehören, gezeigt wurde. Die Modehäuser reagierten umgehend, und nahmen Angora aus dem Sortiment.

Alle drei Monate wird den Kaninchen das Fell ausgerissen"H&M akzeptiert nicht, dass Tiere schlecht behandelt werden", sagte eine Sprecherin des Unternehmens laut Zeit Online. H&M habe die Produktion von Produkten aus Angora-Wolle eingestellt. Die Produktionskette solle nun überprüft werden, um sicherzustellen, dass alle Angora-Kleidungsstücke ethisch korrekt produziert werden. Kunden könnten Angoraware umtauschen, hieß es weiter. Im Gegensatz zu den Konkurrenz-Unternehmen Gina Tricot, Lindex und MQ hatte der schwedische Moderiese nach Veröffentlichung des Videos nicht sofort erklärt, auf Angorawolle zu verzichten. Berichten von N-TV zufolge, hatte auch H&M zunächst an der Produktion von Angora-Kleidung festgehalten und verlauten lassen, seine Angora-Lieferanten hielten sich an die Standards und würden routinemäßig überprüft.

Das deutsch-belgische Modehaus C&A reagierte überrascht auf das Peta-Video: "Uns lagen bis zum jetzigen Zeitpunkt keine Erkenntnisse über Verstöße gegen Tierschutz bei den im Auftrag unseres Unternehmens gefertigten Angora-Produkten vor", sagte C&A-Pressesprecher Lars Boelke laut N-TV. Bis zur Aufklärung der Vorwürfe wolle das Unternehmen keine neuen Aufträge mehr für Ware mit Angora erteilen.

In einer Mail an Wiwo Green sagte das Unternehmen: Der Anteil von Angora-Waren am gesamten Produktionssortiment habe im letzten Jahr bei lediglich 0,02 Prozent gelegen. Derzeit werde den Vorwürfen nachgegangen und danach entschieden, ob Angora langfristig aus dem Sortiment genommen werde. Die gleichen Konsequenzen zog auch  Esprit. Ein Mitglied der Geschäftsführung sagte der Website ecouterre, die sich mit nachhaltiger Mode beschäftig, zufolge: "Esprit toleriert in seiner Produktion Methoden wie das Rupfen bei lebendigem Leibe nicht - weder bei Gänsen, Enten oder Kaninchen."

Derzeit hängen in den Esprit-Filialen ebenso wie bei H&M und C&A noch Restbestände von Mode aus Angora, denn die wollen die Unternehmen noch verkaufen. Bald soll jedoch auf keinem Etikett mehr "Angora" stehen: "Anfang 2014 sollen Kleidungsstücke, die Angora enthalten, aus den Regalen verschwinden", sagt Esprit-Sprecherin Mona Schmadl zu Wiwo Green. Derzeit prüfe das Unternehmen auch Alternativen für Angora. "Es muss gewährleistet sein, dass die Angora in unserem Sinne ethisch korrekt produziert wird. Das ist bislang noch nicht der Fall", heißt es weiter. "Wir können noch nicht abschließend sagen, ob es bei Esprit jemals wieder Kleidung aus Angora geben wird."

Ob die Agora-Wolle überhaupt ethisch korrekt gewonnen werden kann, bleibt fragwürdig: Neben dem grausamen Rupfen prangert Peta auch das Scheren von Angora-Kaninchen an. Die Maschinen würden die strampelnden Tiere oft verletzen. Zudem sei es für sie eine grausame Erfahrung an Vorder- und Hinterläufen fixiert zu sein, da sie einen ausgeprägten Fluchtinstinkt hätten.

Kunden müssen Etikette lesenIn China wiederholt sich diese Erfahrung für Angora-Kaninchen etwa alle drei Monate. In diesem zeitlichen Abstand wird nach Peta-Informationen das Fell der Tiere ausgerissen oder geschoren - und das über einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren. Danach würden die Tiere getötet und verkauft. Strafen für Tierquälerei gebe es in China nicht.

Obwohl zumindest einige große Modehäuser nun vorerst einen großen Schritt in Richtung Tierschutz getan haben, glauben Experten nicht, dass Angora völlig aus den Regalen verschwinden wird. Der Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels (BTE), Axel Augustin, sagt laut N-TV, dass es für den "klassischen Modehändler" schwierig sei zu reagieren. Denn die meisten hätten keinen Überblick darüber, welche Kleidungsstücke Angora enthielten. Dass die Händler alle Etiketten nach Angora-Anteilen durchsehen, hält Augustin für eher unrealistisch.

Es muss sich also jeder Einzelne  ins Bewusstsein rufen, welchen Preis ein weicher Angorapulli wirklich hat: Dass das, was die eigene Haut umschmeichelt, einer anderen Haut Leid und Schmerzen bereitet hat. Es reicht nicht, sich auf die Tierliebe der Modepäpste zu verlassen, das zeigen die Beispiele Zara und Gap ganz deutlich. Nur indem Käuferinnen und Käufer wirklich Etikette lesen, können sie Angora aus den Schränken verbannen.

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