Gerechte Landwirtschaft: Berliner Projekt pflanzt das "Pro-Kopf-Feld"

Gerechte Landwirtschaft: Berliner Projekt pflanzt das "Pro-Kopf-Feld"

von Peter Vollmer

Jedem Erdenbürger stehen rechnerisch 2000 Quadratmeter Feld für seine Ernährung zu. Mehr als genug.

Wenn man die Ackerflächen auf der Erde durch die Weltbevölkerung teilt, dann stehen jedem Erdenbürger 2000 Quadratmeter für seine Ernährung zu. Das entspricht etwa einem Drittel eines Fußballfeldes. Diese Fläche könnte jeder Mensch für den Anbau seiner Lebensmittel nutzen, wenn es gerecht zuginge und jeder die gleiche Fläche zur Verfügung hätte.

Theoretisch wachsen auf 2000 Quadratmeter 15 Tonnen Tomaten, 8,5 Tonnen Kartoffeln oder einer halbe Tonne Soja pro Jahr. Aktuell ist die Welt aber von solch einer gerechten Teilung weit entfernt – Bewohner in Industriestaaten verbrauchen ein Vielfaches der Fläche, vor allem wegen ihres Fleischkonsums, der viel Land benötigt.

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Eine gerechtere Nutzung von Land, das will das Projekt 2000m² in der Nähe von Berlin erreichen, das von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen gegründet wurde.

In Berlin-Spandau haben die Projektteilnehmer um die Koordinatorin Luise Körner deshalb einen 2000 Quadratmeter großen Beispielacker angelegt, den sie im April bepflanzen wollen. Mit an Bord bei dem Projekt sind unter anderem auch eine Landwirtin und ein Koch. Jeder Interessierte kann das Feld besichtigen.

Das Ziel des Projekts, laut den teilnehmenden NGOs, die das Projekt 2013 erdacht haben: Die abstrakten Themen Ernährung, Landwirtschaft und Fläche sollen für die Besucher anschaulich gemacht werden.

Das Welt-FeldAuf dem Beispielfeld pflanzten Körner und ihre Mitstreiter im vergangenen Jahr erstmals Nahrungsmittel an und zwar eine Abbildung des weltweiten Durchschnitts. Überwiegend ist das Weizen und Mais, aber auch Reis würde eine bedeutende Rolle spielen – wüchse er denn in Berlin. „Den haben wir durch Amarant ersetzt“, erklärt Körner.

Ebenfalls wuchsen zahlreiche wilde Kräuter. Dieses Jahr soll die Ernährung nicht mehr den Weltschnitt wiederspiegeln. Dafür werde mehr getauscht, mit ähnlichen Projekten in anderen Ländern. „Dazu bauen wir bewusst Dinge an, die es woanders nicht gibt“, sagt Körner.

Rund 1,8 Menschen soll das Feld am Ende des Jahres ernährt haben, also sogar mehr als statistisch gerecht wäre. Tatsächlich wird das Essen verteilt, etwa an die Erntehelfer oder Schulklassen. Aber die theorerische Möglichkeit, fast zwei Menschen auf der Fläche in Spandau zu ernähren, ist interessant. Denn manche Forscher sprechen der Erde ab, in Zukunft genügend Lebensmittel für neun oder zehn Milliarden Menschen bereitstellen zu können.

Die Hersteller von Saatgut sehen wegen dieses vermeintlichen Mangels an Ackerfläche ihre Stunde gekommen, durch Zucht und Genmanipulation ertragreichere Sorten zu vermarkten. Der Grünen-Landwirtschaftsexperte Harald Ebner hält das für unnötig: „Die Probleme der Welternährung sind nicht die zu kleinen Erträge.“

Ertragsprotokoll im Internet2000m² will diese Debatte mit Erfahrungen aus der Praxis auf eine empirische Grundlage stellen. Ein Blog wird protokollieren, wie groß der Ertrag am Ende ist. Tiere sind allerdings auf dem Acker nicht vorgesehen.

Es dürfte nämlich der halbe Acker benötigt werden, um ein Schwein zur Schlachtreife zu ernähren. Und das Tier müsste ja auf dem Feld noch leben. Für die Grundnahrungsmittel bliebe kaum mehr Platz. Das ist ein Pro-Argument für Vegetarier.

Allerdings: Normale, professionell bewirtschaftete Felder sind ertragreicher. "Kein Landwirt würde so anbauen, mit so viele Kulturen auf so kleinem Raum", sagt Körner. Grundsätzlich dürfte sich der Ertrag also unter dem europäischen Schnitt bewegen. Und das, obwohl eine häufige Reaktion der Besucher „Das ist aber groß“ gewesen sei, sagt Körner.

Tatsächlich macht man sich selten Gedanken, in welchem räumlichen Rahmen sich der eigene Nahrungsmittelkonsum bewegt oder bewegen sollte.

Um diese Vorstellung konkreter zu machen kann das 2000m²-Feld das ganze Jahr besucht werden - beginnend am 25. und 26. April. An diesem Wochenende wird nämlich ausgesät.

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