Gesundheit: Neue Studien zeigen Gefahr durch Luftverschmutzung

Gesundheit: Neue Studien zeigen Gefahr durch Luftverschmutzung

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Forscher warnen vor Risiken durch verschmutzte Luft.

von Jonas Gerding

Allein im vergangenen Juni warnten vier Studien vor besorgniserregenden Folgen: psychischen Erkrankungen bei Kindern, Schlaganfällen und wirtschaftlichen Kosten.

Die zahlreichen Organisationen der Vereinten Nationen veröffentlichen so viele Studien, das einzelne schnell in Vergessenheit geraten. Egal, wie bedeutend die Ergebnisse für die Zukunft der Menschheit auch sein mögen. “Luftverschmutzung ist heute das größte ökologische Risiko für die Gesundheit”, hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus einer weltweiten Datenerhebung geschlussfolgert.

Das war im Jahr 2012. Seitdem haben die Warnungen der Wissenschaftler nicht nachgelassen. Immer mehr Gesundheitsrisiken werden entdeckt, für die die Luftverschmutzung verantwortlich ist. Im vergangenen Juni haben weitere Studien diese konkretisiert. Anlass genug, auf die größte aller ökologischen Gesundheitsgefahren zu blicken.

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Um deren Ausmaß zu verdeutlichen, hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jüngst zwei Zahlen gegenüber gestellt: Bereits im Jahr 2010 sind allein durch die Luftverschmutzung außerhalb geschlossener Räume weltweit drei Millionen Menschen frühzeitig gestorben. Im Jahr 2060 prophezeit sie zwischen sechs und neun Millionen Toten. Besonders gravierend werden die Folgen in China und Indien sein, wo der Trend zu Verstädterung stark ist.

Bronchitis und Asthma bei Kindern wird ansteigen

Das größte Problem sind Erkrankungen der Atemwege, die sich oft schon im jungen Alter bemerkbar machen: Bis 2060 wird Bronchitis bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, Asthma bei den 5 bis 19-Jährigen, die Anzahl der damit einhergehenden Krankenhausaufenthalte und die entgangene Arbeitskraft jeweils um etwa das Dreifache ansteigen.

Die OECD, die unter anderem gegründet wurde, um die Marktwirtschaft auf der Welt voranzutreiben, warnt explizit vor den wirtschaftlichen Kosten. “Die drei unterschiedlichen Markteinflüsse der Luftverschmutzung sind verringerte Arbeitskraft, höhere Gesundheitsausgaben und Ernteverluste”, schreiben die Autoren der Studie. Indien wird wirtschaftlich weniger stark beeinträchtigt sein als China, wo die Gesellschaft rapide altert.

“Es gibt keine allgemeingültige Lösung, um die Auswirkungen der Luftverschmutzung zu reduzieren, weil es große Unterschiede zwischen den Ländern hinsichtlich der vorherrschenden Verschmutzungsarten und Ursachen gibt”, bedauern die Macher der Studie. Ein paar grundsätzliche Ansätze geben sie dennoch mit auf den Weg: Sogenannte End-of-pipe-Technologien wie Partikelfilter, effizientere und sauberere Verbrennungsmotoren könnten den Schadstoffausstoß verringern. Helfen könnten auch Luftqualitäts-Standards, Abgasgrenzwerte und Steuern auf die Luftverschmutzung.

Gefahrenausmaß variiert bei den verschiedenen Studien

Das Ausmaß der Gefahren variiert von Studie zu Studie. Die WHO beispielsweise spricht heute schon von sieben Millionen Toten, weil sie auch die Luftverunreinigungen in geschlossenen Räumen mit einberechnet, die in Entwicklungsländern insbesondere beim Kochen auf offenem Feuer entstehen. Vor allem liegen die unterschiedlichen Ergebnisse daran, dass nicht immer die gleichen Schadstoffe als Luftverschmutzung gewertet werden. Die OECD-Studie beispielsweise hat Feinstaub und Ozon auf Bodenhöhe betrachtet.

In Schweden hat eine ebenfalls im Juni veröffentlichte Studie nicht nur die Auswirkungen von Feinstaub (PM2.5), sondern auch die von größeren Partikeln (PM10) und Stickstoffdioxid betrachtet. In verschiedenen Regionen des Landes, die insgesamt über eine halbe Million Minderjährige abdecken, haben die Wissenschaftler die entsprechenden Schadstoffwerte verglichen mit der Verschreibung von Medikamenten bei psychischen Erkrankungen.

Das besorgniserregende Resultat: Schon bei einem geringen Anstieg der Luftverschmutzung sind erhöhte psychische Krankheiten und Auffälligkeiten zu beobachten. Dies trifft insbesondere auf Stickstoffdioxid zu, das in der Regel auf Abgase im Straßenverkehr zurückzuführen ist.

Zusammenhang mit Autismus und Lernstörungen

Bereits im Jahr 2008 hatten Forscher auf eine Verbindung zwischen Autismus und Lernstörungen bei Kindern und Luftverschmutzung aufmerksam gemacht. “Diese Studie liefert weitere Belege, dass Luftverschmutzung eine schädliche Auswirkung auf das Gehirn von Kindern und Erwachsenen haben könnte”, folgern die schwedischen Wissenschaftler.

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Die OECD sieht vor allem für China gravierende Folgen durch Luftverschmutzung in den kommenden Jahrzehnten.

Ein Forscherteam um den Neurowissenschaftler Valery Feigin der australischen Auckland University wollte herausfinden, wie groß der Anteil der weltweiten Schlaganfälle ist, die selbstverschuldet und vermeidbar sind, beispielsweise weil Menschen rauchen. Die Fälle überwiegen, so das wenig überraschende Ergebnis, das sie im Lancelet veröffentlicht haben. Auffällig war jedoch der zweitplatzierte Verursacher der Krankheit: Luftverschmutzung, die für fast ein Drittel der Fälle verantwortlich ist. Für die umfangreiche Untersuchung haben sie die Daten in 188 Ländern über einen Zeitraum von 23 Jahren ausgewertet.

Bereits bekannt war, dass Luftverschmutzung gesamtwirtschaftliche Probleme mit sich bringt. Arbeiter, die im Freien den Partikeln direkt ausgesetzt sind, leiden nicht nur gesundheitlich, sondern sind auch weniger produktiv. Im Juni dieses Jahres hat das US-amerikanische National Bureau of Economic Research belegt, dass dies auch für Arbeiter in Büros zutrifft.

Produktivität verringert sich

Die Forscher haben die Leistungen von Mitarbeitern in zwei chinesischen Call-Centern mit den Luftverschmutzungswerten über einen längeren Zeitraum verglichen. Die Angestellten haben die Schadstoffe bereits auf dem Weg zur Arbeit oder durch geöffnete Fenster und Klimaanlagen eingeatmet. Die Partikel haben ihnen so zu schaffen gemacht, dass sie öfters Pausen einlegen mussten, was ihre Produktivität einbrechen ließ.

Manch ein Fortschrittsgläubiger argumentiert, dass die positiven Auswirkungen des Massentransport und der Industrie überwiegen - und die Luftverschmutzung als geringeres Übel legitimieren würde. Der Blick in die vier Studien liefert kräftige Gegenargumente. Denn die heutigen Lebensstandards verlangen früher oder später nicht nur einen gesundheitlichen, sondern auch wirtschaftlichen Preis.

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