Gesundheit: Web-Dienste retten Tausende Menschenleben

Gesundheit: Web-Dienste retten Tausende Menschenleben

von Susanne Kutter

Mobile Web-Angebote verbessern die medizinische Versorgung der Menschen überall auf der Welt. Besonders Entwicklungsländer profitieren.

Wer in Ghana weitab der Städte eine sogenannte Clinic, eine Gesundheitsstation, aufsucht, wartet meist vergeblich auf den Doktor. Manch eines dieser Krankenhäuser mitten im Dschungel ist für 180 000 Menschen zuständig - und hat nur einen ausgebildeten Arzt. Meist stellen Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen die Diagnose und behandeln die Kranken.

"In diesen Hospitälern fehlt es nicht so sehr an Medikamenten oder Betten, sondern vor allem an Bildung und fachlicher Unterstützung", sagt Christian Johner, Chef des Konstanzer Instituts für Informationstechnologien im Gesundheitswesen. Beides will der Mitgründer des Vereins Healthcare IT for Africa (HITA) jetzt in die Landspitäler bringen - über das Handynetz.

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Mit staatlichen Stellen in Ghana haben Johner und seine Mitstreiter zwei wegweisende Projekte aufgebaut: Rufen die Pfleger und Pflegerinnen bei Call2Learn an, können sie sich dort Audio-Lerneinheiten in Form von Podcasts anhören. Oder sie machen ihr Handy zu einer mobilen Medizinbibliothek und bespielen es bei einem Anruf mit Podcasts, Texten, Bildern und Videos, die ihnen bei der Behandlung der Kranken helfen - auch dann, wenn sie wieder außerhalb des Mobilfunknetzes sind.

Ärzte spendieren BeratungszeitGerade startet der Verein sein nächstes Projekt: einen telemedizinischen Hilfsdienst. Über einen Server, der ans Mobilfunknetz angeschlossen ist, sollen Ärzte auf der ganzen Welt bald Beratungszeit spendieren. Fragt eine Schwester aus dem Regenwald dann per Handy um Rat, wird sie mit einem Arzt der passenden Fachrichtung verbunden. Der kann in Europa, den USA oder in Ghana praktizieren.

Das westafrikanische Land steht für einen Trend. Überall auf der Welt nehmen dank billiger Handys und einem rapiden Ausbau der Funknetze mobile Gesundheitsangebote zu - auch in den Industrienationen, wo die neuen technischen Möglichkeiten helfen sollen, die Gesundheitskosten nicht ausufern zu lassen. Ärzte stehen heute mit ihrem iPhone am Krankenbett und lassen von einer App die Labordaten oder die EKG-Kurven interpretieren. Seit Neuem laden sich Chirurgen digitale Operationspläne aufs Smartphone. Patienten besorgen sich Informationen über die beste Behandlung ihrer Erkrankung aus dem Internet und tauschen sich untereinander in Foren wie krankheitserfahrungen.de oder patientslikeme.com aus.

Am stärksten aber profitieren die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern vom Boom mobiler Gesundheitsdienste. Sie werden medizinisch so gut versorgt wie nie zuvor.

App rettet KinderlebenBeispiel Peru: Dort schicken die Macher des Projektes WawaRed Schwangeren regelmäßig per SMS Informationen darüber zu, wie sich ein Embryo entwickelt. Auch Ratschläge halten sie parat - von der richtigen Ernährung bis zur Warnung vor schwerer körperlicher Arbeit. Bei Fragen können sich die Frauen telefonisch beraten lassen.

An junge Eltern auf der ganzen Welt wenden sich auch die Forscher der kalifornischen Stanford-Universität. Eric Leroux and Homero Rivas entwickeln eine Mobiltelefon-App, die aufklärt, wie Eltern ihren Nachwuchs in den ersten 1000 Lebenstagen am besten ernähren. Das Problem, das sie damit lösen wollen: Selbst Familien, die ausreichend Lebensmittel zur Verfügung haben, gaben ihren Säuglingen und Kleinkindern oft das Falsche zum Essen - mit schlimmen Folgen. 2011 starben weltweit 6,9 Millionen Kinder im Alter unter fünf Jahren. Viele von Ihnen hatten wegen falscher Ernährung kaum Abwehrkräfte.

Ähnlich oft bedroht ein weiteres Problem das Leben von Müttern und Säuglingen: Schwangeren in Entwicklungsländern fehlt meist das Geld, um sich ärztlich behandeln zu lassen oder im Krankenhaus entbinden zu können. Aus dem gleichen Grund ist kaum eine junge Familie krankenversichert. In Kenia arbeitet die Versicherung Changamka MicroHealth daran, den Familien einen bezahlbaren Schutz zu ermöglichen. In Supermärkten, Einkaufszentren und Krankenhäusern verkauft sie für umgerechnet 4,50 Euro eine aufladbare Geldkarte. Sie enthält ein Startguthaben von vier Euro, das den Eltern und ihren Kindern eine Grundversorgung in kooperierenden Kliniken garantiert. Die Versicherten brauchen nicht regelmäßig ihren Beitrag zu bezahlen wie bei einer klassischen Police. Sie füllen die Karte auf, wenn sie gerade Geld übrig haben, und verlängern so ihren Schutz.

Mehr als 800 000 Kenianer haben die Karte schon erworben. Dass seit ihrer Einführung die Zahl der Krankenhausgeburten in Nairobi um 30 Prozent gestiegen ist, wertet Changamka als großen Erfolg. Trotzdem bringen noch immer 53 Prozent der kenianischen Frauen ihre Kinder zu Hause zur Welt. Nicht selten kommt es zu Komplikationen, an denen jedes Jahr 7000 Mütter sterben.

Web-Service enttarnt gefälschte PillenEine große Gefahr geht besonders für ärmere Bevölkerungsschichten von gefälschten Medikamenten aus. Der Ghanaer Ashifi Gogo hat mit seinem US-Unternehmen Sproxil einen Service entwickelt, der Arzneien auf ihre Echtheit prüft. In Ghana, Nigeria, Kenia und Indien hat Gogo den Dienst schon eingeführt. Pharmariesen wie Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline und Merck finanzieren ihn. Sie drucken einen Zahlencode auf die Verpackung, verborgen unter einem Rubbelfeld. Bevor der Patient die Packung anbricht, kratzt er das Feld frei und schickt den Code per SMS an eine länderspezifische Nummer. Sproxil überprüft sie und meldet zurück, ob das Medikament echt ist.

Für Entwicklungsländer ist der simple Service ein wahrer Segen, der Leben rettet. Denn dort werden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gut 30 Prozent der Medikamente gefälscht. Ihre Einnahme hat oft tödliche Folgen: Nach Schätzungen der britischen Denkfabrik Policy Network sterben jedes Jahr 700 000 Menschen, weil sie gepanschte Malaria- und Tuberkulosemittel schlucken.

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Lesen sie über Ostern bei WiWo Green, wie das Internet dabei hilft, die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Im ersten Teil ging es um den Verkehr der Zukunft, im zweiten um Ernährung, im dritten um Bildung. Die Texte stammen aus der Magazin-Ausgabe von WiWo Green. Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.

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