Gießkannenprinzip adé: Studie fordert Zwei-Klassen-Naturschutz

Gießkannenprinzip adé: Studie fordert Zwei-Klassen-Naturschutz

von Thiemo Bräutigam

Das Geld für den Naturschutz ist knapp. Eine Studie rät dazu, hoffnungslose Projekte aufzugeben. Ist das vernünftig?

Lohnen sich Investitionen in den Natur- und Landschaftsschutz in besonders empfindlichen Ökosystemen? Natürlich, würde man denken. Eine aktuelle Studie der Wildlife Conservation Society (WCS), eine der ältesten US-Amerikanischen Artenschutzorganisationen, sagt aber jetzt: Nein, das ist rausgeschmissenes Geld.

Vielleicht noch überraschender: Die Forscher argumentieren für einen Zwei-Klassen-Naturschutz. Möglichst viele Projekte mit ein bisschen Geld zu fördern, ist demnach keine gute Idee. Aber der Reihe nach.

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Zu Anfang listet die Studie verschiedene Ökosysteme auf und wie stark sie gefährdet sind. Manche Regionen in Europa und Asien sind durch den Klimawandel und menschliche Eingriffe sehr stark gefährdet, andere Naturräume in Afrika weniger.

Die Wissenschaftler bildeten die Ergebnisse auch mithilfe einer Weltkarte ab. Sie zeigt die am stärksten und am wenigsten gefährdeten Regionen:

Neben den Veränderungen, die der Klimawandel für die betroffenen Gebiete mit sich bringt, werden in der Karte auch landwirtschaftliche und urbane Nutzung durch den Menschen abgebildet. So ist es nicht erstaunlich, dass in einigen besonders stark besiedelten Regionen, auch die gefährdetsten Ökosysteme liegen.

Wie empfindlich und wie stark gefährdet die Natur in einer Gegend ist, bestimmen die Autoren vor allem anhand von zwei Faktoren: Wie sehr gefährdet der Klimawandel Flora und Fauna und wie stark gefährdet sie der Mensch. Dass sich Ökosysteme, die für beide Gefahren anfällig sind, künftig erhalten lassen, glauben die Forscher nicht. Das Problem aber: Gerade Gebiete, die doppelt bedroht sind, sind oft der Lebensraum von besonders vielen Tierarten.

Was also tun? Sollen Naturschützer versuchen, mit viel Aufwand zu retten, was wohl nicht mehr zu retten ist, oder sollen sie ihr Geld in die Gegenden investieren, für die am meisten Hoffnung besteht. Anders ausgedrückt könnte man fragen: Soll man einem ohnehin Todgeweihten aufwendig das Leben verlängern, wenn die Ressourcen auch einem Patienten mit Hoffnung auf Heilung zu Gute kommen könnten?

Wenn man den Empfehlungen der Studie folgt, sollte das Geld genau den Projekten mit den meisten Chancen auf Erfolg zukommen. „Fakt ist, dass es nur begrenzte Gelder gibt und wir beginnen müssen, sehr intelligent zu investieren“, sagt James Watson, Direktor des WCS Klimawandelprogramms und einer der Autoren der Studie. Es müsse darum gehen, Entscheidungsträgern ein wirksames Mittel an die Hand zu geben, wo sie ihre Gelder in den Natur- und Artenschutz investieren sollen.

Mehr Geld für die GesundenRegierungen, Umweltbehörden und Kreditgeber, sagt Watson, sollten nur dort in Natur- und Landschaftsschutz finanzieren, wo die ökologische Rendite und die Aussicht auf Erhaltung am höchsten ist.

Gerade Ökosysteme mit intakter Vegetation und einer hohen Stabilität gegenüber Klimaeinflüssen kommen hierfür in Frage. Als Maßnahmen zum Erhalt der Natur raten die Experten zu Habitaterhaltung, Renaturierung und Landschaftspflege.

Die Wirtschaftlichkeit von Ökosystemen zu erfassen, ist nicht neu. Ein derart offener Appell zur Investition in Umweltschutz mit Rendite jedoch schon. Die Überlegung, dass besonders intakte Ökosysteme einen vielversprechenden Artenschutz bieten, liegt nahe.

Im Umkehrschluss könnte man zu der Interpretation gelangen, instabile und ohnehin schon stark geschädigte Gebiete aufzugeben. Das ist durchaus zynisch. Denn beim Menschen gebietet es die Menschlichkeit, alle Möglichkeiten zur Rettung eines Lebens auszuschöpfen - warum sollten für die Natur um uns herum andere Maßstäbe gelten?

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