Green Economy: "Umweltschutz und ökonomischer Erfolg passen zusammen"

Green Economy: "Umweltschutz und ökonomischer Erfolg passen zusammen"

von Benjamin Reuter

Der Leiter des UN-Umweltprogramms erklärt, wie Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zu versöhnen sind.

Deutschland ist in der ganzen Welt für seine Energiewende bekannt. Das Wort steht inzwischen sogar im Englischen synonym für einen Umbau hin zu einer klimafreundlichen Stromversorgung. Aber die wird bei weitem nicht reichen, um in den nächsten Jahrzehnten die Welt als einen lebenswerten Ort zu erhalten. Zu groß sind inzwischen die Folgen durch Umweltverschmutzung, ungehemmten Rohstoffabbau, Entwaldung – um nur einige der Probleme zu nennen.

Seit einigen Jahren macht deshalb in Expertenkreisen die Idee einer Green Economy die Runde, die wirtschaftlichen Erfolg, Umweltschutz und soziale Entwicklung versöhnen will. Auch die Bundesregierung engagiert sich - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - auf dem Feld einer Grünen Wirtschaft.

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Schon im Jahr 2012 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) einen Agendaprozess zur Green Economy gestartet. Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Forschung, Politik und Zivilgesellschaft haben in den vergangenen zwei Jahren dafür einen Forschungsplan erarbeitet, dessen Details am 18. November in Berlin vorgestellt werden. WiWo Green ist Medienpartner der Veranstaltung.

Im Vorfeld der Konferenz haben wir mit Achim Steiner, einem der Vordenker der Green Economy und Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), über die notwendigen Veränderungen in der Wirtschaft in den kommenden Jahren gesprochen. "Weil die Umweltveränderungen Auswirkungen auf fast alle Bereiche in unserer Gesellschaft haben, ist Umweltpolitik im 21. Jahrhundert nicht nur Umweltschutz, sondern auch Wirtschaftspolitik, Ressourcenpolitik und Außenpolitik", sagt der weltweit oberste Naturschützer.

Wie eine Green Economy im Detail aussehen kann und welche Herausforderungen auf sie warten, erklärt Achim Steiner im Interview.

Herr Steiner, eines der größten Probleme für eine nachhaltige Entwicklung ist aktuell, dass Umwelt- und Wirtschaftspolitik oft als Gegensätze betrachtet werden.

Das ist schon richtig. Auch wenn wir noch so fundierte wissenschaftliche und ökologische Argumente für eine Maßnahme haben, dann wird sie häufig mit Argumenten verworfen, dass sie Arbeitsplätze oder das Wirtschaftswachstum gefährde. Deshalb, so glaube ich, ist die Resonanz auf die Idee einer der Green Economy auch so groß, weil sie versucht, beide Aspekte zu vereinen.

Diskussionen sind ja schön und gut, aber wo ist in der Praxis schon etwas davon zu sehen?

Es gibt aktuell eine weltweite politische Kehrtwende mit einem ökologischen Ansatz. Seit 2012 zum Beispiel sind die Investitionen in erneuerbare Energien größer als die in fossile oder nukleare Kraftwerke. Vor zehn Jahren hätten selbst Energieexperten diese Möglichkeit als abstrus abgetan. Und nicht nur reiche Länder wie Spanien, Portugal, Dänemark oder auch Deutschland gehen diesen Weg, die teilweise schon Anteile von bis zu 50 Prozent erneuerbarer Energien am Strommix haben. Auch die Entwicklungsländer steuern um.

In Asien, Afrika und Lateinamerika gibt es viele Beispiele einer Kehrtwende bei der Energiepolitik. Marokko importierte vor fünf Jahren noch 95 Prozent der Brennstoffe für seine Stromversorgung. Mit einem massiven Investitionsprogramm sollen die erneuerbaren Energien bis 2020 nun einen Anteil von 40 Prozent bekommen. Selbst in Südafrika, das günstige Kohlevorkommen besitzt, werden in den kommenden Jahren 14 Milliarden Euro in eine nachhaltige Stromversorgung investiert. Auch Mexiko und China wären in diesem Zusammenhang zu nennen.

Aber wo außerhalb des Energiesektors könnte die Entwicklung noch greifen?

In der Stadtentwicklung zum Beispiel. 60 Prozent aller urbanen Gebäude, die 2050 in den Metropolen der Welt stehen werden, sind noch nicht gebaut. Das bietet ein enormes Potenzial zum Beispiel für die Energieeffizienz. In der Landwirtschaft ist es ähnlich. Das Beispiel Energieversorgung zeigt hier: Wir haben die Möglichkeit, auch in diesen Sektoren sehr viel schneller Kurskorrekturen vorzunehmen als viele denken und das nicht auf Kosten der Wirtschaft und der Arbeitsmarktentwicklung.

Ohne Zweifel gibt es auf all diesen Feldern Fortschritte. Doch um zum Beispiel die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, genügt das nicht. Was können die Regierungen noch tun, um eine nachhaltige Wirtschaft voranzutreiben?

Ein ganz wichtiger Hebel, um den Wandel zu beschleunigen, ist das Einpreisen von externen Kosten in Produkte oder Produktionsprozesse. Unternehmen machen ansonsten ihre Gewinne auf Kosten des Gemeinwohls und der Natur - denn die Kosten werden letztlich vom Steuerzahler getragen. Ein gutes Beispiel ist die Entsorgung von Elektroschrott: In der Schweiz hat der Gesetzgeber veranlasst, dass im Verkaufspreis eines Produktes bereits eine Abgabe für das Recycling enthalten ist.

Aber die externen Kosten, die Sie ansprechen, sind kaum genau zu berechnen. Wie will man denn zum Beispiel die Folgen des Klimawandels einpreisen?

Ob ich die externen Kosten einpreise oder ob ich sie übersehe, die Schwierigkeit ist doch die gleiche. Die Rechnung bezahlen wir am Ende in jedem Fall. Die Frage ist nur, wer sie bezahlt? Für mich ist es kein Argument, wenn wir zum Beispiel die Folgekosten des Klimawandels nicht auf den Cent genau berechnen können. Der Status quo findet ja auch nicht in einem Vakuum statt. Die Kosten nicht einzurechnen, ist auch eine politische Setzung und alles andere als selbstverständlich.

Das Ziel sollte sein, dem Markt ein Signal zu geben: Wenn wir die externen Kosten in Produkte einpreisen, dann können wir das Verhalten von Produzenten und Konsumenten dahingehend beeinflussen, dass Schäden an Umwelt und Gesundheit vermieden werden - und dies in einer Art und Weise, die mit den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft vereinbar sind.

Welche Instrumente würden Sie sich neben dem Einpreisen der externen Kosten noch wünschen?

Unsere Steuerpolitik oder besser gesagt -logik ist ein weiteres Beispiel. Weltweit ringen wir mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit - vor allem bei Jugendlichen. Das besteuern des Faktors Arbeit über die Einkommensteuer und Abgaben führt letztlich dazu, dass der Faktor Arbeit immer teurer wird und die Wirtschaft vorranging in Automatisierung als in Arbeitsplätze investiert. Gleichzeitig leben wir mit heute sieben und bald zehn Milliarden Menschen, in einer Zeit, in der Ressourcenknappheit und Effizienz immer bedeutender werden – und damit auch entscheidend die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen.

Nimmt man beides zusammen, dann leitet sich daraus ein dringender Bedarf zu fiskalpolitischen Reformen ab. Konkret heißt dies: Den Faktor Arbeit fiskalpolitisch entlasten und die geringeren Einnahmen über gezielte Belastung von besonders ineffizienten oder umweltschädlichen Produktionsverfahren zu kompensieren. Das Nettosteueraufkommen bliebe das gleiche, aber mit ganz anderen Anreizen und Vorzeichen für unsere wirtschaftliche Entwicklung. Ein weiteres Beispiel sind Subventionen.

Welche haben sie genau im Blick?

Staaten geben im Schnitt 600 bis 700 Milliarden Dollar jährlich dafür aus, dass die Menschen fossile Brennstoffe billiger verbrauchen können. Bei erneuerbaren Energien belaufen sich die Subventionen auf 70 Milliarden Dollar.

Aber vom größten Teil der Subventionen profitieren Bürger in Entwicklungsländern, zum Beispiel durch billigeres Benzin. Der Benzinpreis ist mindestens so politisch wie der Brotpreis.

Die Frage hier ist doch: Wer profitiert von diesen Subventionen? Sie werden oft im Namen der Armen geleistet, aber in den meisten Entwicklungsländern sind Verbraucher fossiler Brennstoffe nicht die Ärmsten der Armen, sondern die Mittelschicht und die Reichen. 70 bis 80 Prozent der Subventionen kommen letztlich nur 20 Prozent der Gesellschaft zugute, haben wir herausgefunden. Dennoch, das ist richtig, kann man die Subventionen nicht über Nacht abbauen.

Kann man sie überhaupt abbauen, ohne Revolten zu riskieren?

Natürlich und viele Länder haben dies bereits getan - was auch ein Grund dafür ist, dass die G20 Gipfel dies wiederholt gefordert haben. Iran zum Beispiel hat seine Zuschüsse für Treibstoffe sehr erfolgreich abgebaut. Der Auslöser war, dass das billige Öl dazu führte, dass der Verbrauch exponentiell stieg. Die Gegenmaßnahme: als die Subventionen reduziert wurden und der Benzinpreis stieg, wurde für alle Haushalte eine Ausgleichszahlung eingeführt, um die zusätzlichen Kosten für einen Haushalt abzufedern. Das führte zu einem effizienteren Verbrauch. Unterm Strich machten vor allem die armen Haushalte also ein Plus.

Ein weiteres Beispiel ist Saudi Arabien. Steigt der vom Staat subventionierte Ölverbrauch im Land weiter so an, kann das Land in 30 oder 40 Jahren vielleicht kein Erdöl mehr exportieren. Deshalb investieren sie jetzt in Fotovoltaik zur eigenen Stromversorgung, um mehr Öl für den Export zu haben.

Diese vielfach autokratisch regierten Länder haben es aber auch einfach, Energiepolitik zu machen. Aber woher sollen Investitionen in den demokratisch regierten Staaten kommen?

In den meisten Ländern wird 60 bis 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes nicht durch öffentliche Haushalte in die Wirtschaft transferiert, sondern über die Privatwirtschaft. Wir müssen also Anreize schaffen, dass die Finanzwirtschaft sehr viel stärker in die Investitionen in grüne Technologien und Nachhaltigkeit einsteigt. Mehr als 37 Billionen Dollar werden in den nächsten 30 Jahren im Energiesektor investiert. Dieses Geld sollte zum Beispiel in erneuerbare und energieeffizientere Infrastruktur fließen. Die Frage ist: Warum sind die Anreize für die Kapital- und Finanzmärkte immer noch so, dass sie in die tradierten Energieformen investieren? Genau diese Frage wollen wir demnächst in einer großangelegten Untersuchung klären.

Eine Antwort ist vielleicht, dass sich mit fossilen Energieträgern immer noch viel Geld verdienen lässt. So findet derzeit in Afrika ein Ölboom statt. Sollen die Entwicklungsländer auf die Einnahmen verzichten?

Ich wäre vorsichtig, die Welt in dieser Frage in Industrie- und Entwicklungsländer aufzuteilen. Auch Polen setzt auf Kohle, Deutschland schützt seine Autohersteller, die USA fördern Rohstoffe aus Schiefergestein. Diese kurzfristigen politischen Interessen, sind in einer Demokratie zwar nachvollziehbar, aber nicht unbedingt rational und im langfristigen Interesse eines Landes. Solange fossile Brennstoffe kurzfristig einen Vorteil darstellen, ist die Versuchung groß, diesen Weg zu gehen.

Lässt sich etwas dagegen tun?

Sicher, es geht auch anders. Indien könnte mit einer internationalen Technologiekooperation sehr viel im Bereich Energieeffizienz tun. Einige Kohlekraftwerke müssten dann gar nicht gebaut werden. In Kenia brauche ich keine fossilen Energieträger, weil ich günstige Geothermie habe. Die Strompreise sinken in Kenia, weil gerade ein solches Kraftwerk ans Netz gegangen ist.

Generell sollten wir Ländern ermöglichen, die Vor- und Nachteile und die kurzfristigen und langfristigen Kosten von Energiesystemen genau zu analysieren. Denn was sich kurzfristig rechnet, muss das nicht langfristig tun. Aber wir sollten uns hüten, den Afrikanern zu sagen, dass sie ihre Ölvorkommen nicht anrühren dürfen. Überall auf der Welt wird nach Öl gebohrt.

Auch Deutschland kann sich derzeit nur schwer von seiner Kohleverstromung lösen. Haben Sie den Eindruck, dass wir mit unserer Energiewende und den Anstrengungen in Richtung einer Green Economy immer noch ein Vorbild für andere Ländern sind?

Das glaube ich schon. Was andere Länder an der Situation in Deutschland fasziniert ist, dass es seit Jahren einen breiten Konsens in der Bevölkerung gibt, dem Thema Umweltschutz breiten Raum zu geben. Wichtig ist natürlich auch, dass Deutschland es geschafft hat, Nachhaltigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg zu verknüpfen.

Aber schauen sich die anderen Länder davon etwas ab?

Sie haben sich etwas abgeschaut. Aber eine Führungsrolle hat Deutschland bei Themen wie erneuerbaren Energien, Recycling und Energieeffizienz nicht mehr unbedingt. Da gibt es inzwischen Länder, die mehr tun. Dennoch beobachten andere Staaten Deutschland sehr genau im Hinblick darauf, wie eine nachhaltigere Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten leistbar ist.

In Deutschland treibt die Regierung das Thema Green Economy auch politisch und wissenschaftlich voran. Wo sehen sie den Fortschritt dieser Anstrengungen?

Was sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat ist, dass wir keine alternative Wirtschaftstheorie entwickeln, sondern dass wir unsere Wirtschaft neuen Realitäten und Prioritäten anpassen müssen. Der Faktor Umwelt wird für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft immer ausschlaggebender. Gleichzeitig muss die Umweltpolitik beweisen, dass sie mit sozialen und ökonomischen Zielen vereinbar ist. Nur so können wir mit mehr als sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten nachhaltiger wirtschaften und in Frieden miteinander leben.

Das klingt durchaus optimistisch. Beschleichen Sie nicht manchmal Zweifel, ob ein Umschwenken tatsächlich möglich ist?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Mensch in der Lage ist, das Leben auf unserer Erde fundamental zu verändern. Geologen sprechen hier vom Anthropozän. Es liegt in unserer Hand, ob wir dieses Zeitalter zu einem Albtraum für künftige Generationen machen oder ob wir eine Welt "ermöglichen", in der wir mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, die alten Widersprüche des 19. und 20. Jahrhunderts überwinden – wie zum Beispiel die These, dass menschlicher Fortschritt nur auf Kosten von Umwelt und Natur möglich ist. Wie fahrlässig diese These ist, hat uns inzwischen der Klimawandel vor Augen geführt.

Das erscheint mir im Übrigen die zentrale Aussage und Herausforderung beim Thema der Green Economy: Dass wir es hier nicht mit einer Ideologiedebatte zu tun haben, sondern einem Handlungsrahmen, innerhalb dessen wir wichtige Entscheidungen über unsere Zukunft verantwortlich treffen können und auch müssen. Verbraucher, Politiker, Unternehmer – keiner kann sich der Verantwortung entziehen das Zeitalter des Menschen nachhaltig zu gestalten.

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