Großes Barmenia-Interview: "Wir wollen eine verantwortungsbewusste Kapitalanlage"

Großes Barmenia-Interview: "Wir wollen eine verantwortungsbewusste Kapitalanlage"

von Peter Vollmer

Der Versicherer will seiner Branche in puncto Verantwortung Vorbild sein.

Die Barmenia will ab 2016 CO2-neutral arbeiten. Außerdem hat sie sich strenge Regeln zum Investment gegeben – beides soll den Ruf als besonders verantwortungsbewusster Versicherer zementieren. In einem großen Interview haben Vorstand Martin Risse und Dieter Brübach vom nachhaltigen Unternehmensnetzwerk B.A.U.M. WiWo Green erklärt, wie man CO2-neutral wird und in welche Unternehmen man überhaupt verantwortungsbewusst investieren kann.

Martin Risse arbeitet seit 1980 für die Barmenia und ist im Vorstand unter anderem für den Bereich Kapitalanlagen zuständig.

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Dieter Brübach ist Vorstandsmitglied beim Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.), der sich für einen nachhaltigen Wirtschaftsstil einsetzt. Er sitzt dem Nachhaltigkeitsbeirat der Barmenia vor, der der Unternehmensführung – und damit auch Martin Risse - berät und eigene Impulse geben soll, die Versicherung nachhaltig aufzustellen.

WiWo Green: Herr Risse, nachhaltiges Investment ist schwierig. Wie findet man heraus, in welche Bereiche man investieren kann?

Martin Risse: Von Beginn an war es uns wichtig, dass sich unsere Mitarbeiter mit dem Thema nachhaltiges Investment inhaltlich identifizieren und auseinandersetzen können. Dazu haben wir Mitarbeiter – vom Azubi bis zum Vorstand – eingeladen, folgende Fragestellungen mit uns zu diskutieren: "Für welche Werte stehen wir? Wo können wir, und wo können wir nicht mehr anlegen?"

Ziel war die Formulierung eines gemeinsamen Leitbildes für eine verantwortungsbewusste Kapitalanlage. Dabei wollten wir nicht vorschreiben, was gut und was schlecht ist. Im Ergebnis haben wir Folgendes festgehalten: Wir orientieren uns an Dingen, die gesamtgesellschaftlich geächtet sind – etwa die Herstellung von Streubomben.

WiWo Green: Vor Monaten gewann VW noch Umweltauszeichnungen, nach dem Diesel-Abgas-Skandal ist das Unternehmen zwar nicht gesellschaftlich geächtet, aber nachhaltig war die Betrugssoftware nicht. Haben Sie bereits reagiert?

Risse: Unser Partner oekom research, der für uns Unternehmen bewertet, hatte VW schon länger nicht mehr als "best in class" gesehen. Aus diesem Grund haben wir keine Investitionen bei VW mehr getätigt.

"Wir suchen Unternehmen, die "best in class" sind ..."

WiWo Green

: "Best in class" – man muss Klassenbester sein, damit Sie investieren?

Risse: Wenn wir in eine Branche investieren, die nicht ohnehin absolut nachhaltig ist, dann suchen wir Unternehmen, die "best in class" sind, also eine Vorreiterrolle einnehmen. Um das beurteilen zu können, arbeiten wir mit Partnern zusammen, die für uns untersuchen, wie verantwortungsbewusst ein Unternehmen aufgestellt ist.

WiWo Green: Herr Brübach, wie oft müssen Sie bei Anlagen intervenieren und sagen: "Aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten geht dieses Investment nicht"?

Dieter Brübach: Wir sind als Experten natürlich dazu da, Bedenken einzubringen. Aber wir sind nicht Teil des Tagesgeschäftes und geben keine konkreten Anlagetipps. Wir geben Anregungen, etwa über Branchen nachzudenken. Wir äußern uns aber zu allen Nachhaltigkeitsbereichen, auch auf der Produktseite.

"Wir fordern Transparenz ein"

WiWo Green

: Wie sieht so eine Anregung konkret aus?

Brübach: Beim Thema Waffen gab es etwa Diskussionen. Bislang hat sich die Barmenia auf explizit geächtete Waffen konzentriert. Man könnte das natürlich auch ausweiten. Und wir fordern dann auch die Transparenz ein: Dass die Barmenia glaubwürdig ist, indem sie konkret benennt, nach welchen Kriterien sie anlegt.

WiWo Green: Herr Risse - kann es, etwa wie im Fall VW, nicht auch sinnvoll sein, als Großanleger seinen Einfluss zu nutzen, um Verbesserungen zu fordern?

Risse: Bei Staaten ist unser Einfluss gering, wenn man etwa an das Beispiel Kinderarbeit denkt. Insgesamt legen wir rund elf Milliarden Euro Kapital an. Das Volumen in einzelne Anlagen bzw. Staaten beträgt ca. zehn Millionen Euro, das senkt unseren Einflussmöglichkeiten insbesondere bei diesen Themen enorm. Bei Firmen wiederum kann man als Investor schon einwirken – was wir auch tun. Jedoch investieren wir selten direkt in Unternehmen. Der Grund dafür sind Kapitalanlagevorschriften für unser Geschäftsmodell, die uns keine unbegrenzte Flexibilität gestatten, was wiederum dazu führt, dass die Unternehmen ein Rating haben müssen.

WiWo Green: Gibt es für Kunden eine Möglichkeit zu sehen, welche Unternehmen das sind?

Risse: Wir planen unsere Ausschlusskriterien zeitnah zu veröffentlichen. Das ist ein Katalog, den wir mittlerweile auch schon anwenden. Unternehmen, in die wir nicht investieren, werden wir aber nicht benennen. Außerdem ist die Frage, wie aufschlussreich das wäre. Wir haben bei der Anlage viele Bewegungen, viele kleine Posten, die eine solche Liste schnell unübersichtlich machen würden.

Wir richten uns bei den Kapitalanlagen nach den gesetzlichen und aufsichtsrechtlichen Anforderungen. Dabei berücksichtigen wir, dass es eine ausgewogene Mischung und Streuung der Anlagen sowie eine sorgfältige Auswahl der einzelnen Engagements gibt. Danach schauen wir auf Sicherheit, Rentabilität und Liquidität – das liegt im Interesse der Versicherungsnehmer. Darüber hinaus haben wir die UNPRI unterzeichnet und berichten unserem Nachhaltigkeitsbeirat.

WiWo Green: Was heißt UNPRI?

Risse: Zusätzlich zum Mitarbeiter-Leitbild und der "Best in class"-Methode bekennen wir uns zu den Grundsätzen für nachhaltiges Investieren der Vereinten Nationen (sog. UNPRI - United Nations-supported Principles of Responsible Investments). Das ist eine von Kofi Annan ins Leben gerufene Initiative. Das in den sechs Grundsätzen verwendete Kürzel "ESG" steht dabei für "Environment, Social, good Governance", Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung. Wir haben uns dazu verpflichtet diese Grundsätze bei all unseren Aktivitäten zu beachten und zu kommunizieren.

"Nachhaltiges Engagement zahlt sich aus"

WiWo Green

: Und wie gut funktioniert das Berichten an den Nachhaltigkeitsbeirat, Herr Brübach?

Brübach: Gut. Wir halten die Barmenia für vorbildlich in ihrer Branche. Bei B.A.U.M. glauben wir ohnehin, dass Versicherungen natürliche Verbündete im nachhaltigen Bereich sind, weil langfristiges Denken quasi zum Geschäftsmodell gehört.

Den Konflikt zwischen unserer Ungeduld und den ökonomischen Notwendigkeiten, denen die Barmenia ausgesetzt ist, gibt es natürlich manchmal. Aber ich glaube, dass sich der nachhaltige Ansatz für Versicherungen, wenn auch nicht unmittelbar, dann doch langfristig auch ökonomisch auszahlt.

Risse: Da stimme ich zu, nachhaltiges Engagement zahlt sich langfristig aus und ist ein zusätzliches Qualitätsmerkmal.

Wie die Barmenia ihr Ziel, CO2-neutral zu werden, erreichen wird, können Sie morgen im zweiten Teil des Gespräches lesen.

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Hinweis: Zum Zeitpunkt des Gespräches war die Barmenia Sponsor von WiWo Green.

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