Grüner Bauen: Friede den Bambushütten, Krieg den Glaspalästen

Grüner Bauen: Friede den Bambushütten, Krieg den Glaspalästen

von Jonas Gerding

Eine Wiener Ausstellung zeigt nachhaltige Bauwerke und fordert Architekten zum Umdenken auf.

Die Architektur muss sich neu erfinden. Denn schon heute lebt die Hälfte der Bevölkerung der Erde in Städten. 2050 sollen es mehr als zwei Drittel sein. Hinzu kommt: Auch die Wohnqualität der Landbevölkerung in vielen Teilen der Erde ist dramatisch schlecht.

"Es stellt sich daher die drängende Frage, welche Lösungen die Architektur für jene Teile der globalen Bevölkerung zu bieten hat, denen der Zugang zu einer gut gestalteten Umwelt derzeit verwehrt ist", sagt der Kunsthistoriker und Kurator Andres Lepik. In Wien hat er dieser Herausforderung eine Ausstellung gewidmet, die im Architekturzentrum der Stadt bis Ende Juni zu sehen war: "Think global. Build Social. Bauen für eine bessere Welt."

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Wie diese Welt aussehen könnte, zeigt er exemplarisch an 22 Bauwerken. Sie sind ein Gegenentwurf zur modernen Architektur und weisen Auswege aus der Armut in Entwicklungsländern, bieten Schutz vor Konflikten, fördern Bildung und schaffen auch mit geringen Ressourcen lebenswerte Unterkünfte.

Traditionelles Handwerk einbinden

Im afrikanischen Mali zum Beispiel hat der italienische Architekt Emilio Caravatti für seine Projekte auf ressourcenintensive Materialien wie Stahl, Glas und Beton verzichtet. "Gerade in den besonders armen Ländern ist die Nutzung von einfach verfügbaren Materialien wie Lehm und Bambus ökologisch und ökonomisch wesentlich angemessener, doch es fehlt meist an der Wertschätzung", erklären die Kuratoren.

So können die verfügbaren Rohstoffe der Region und das Wissen erfahrener Menschen vor Ort genutzt werden. Für die Anwendung selbst sind nur wenige simple Hilfsmittel notwendig - Lehmformen beispielsweise.

Bambus und Biogas

Die Rückbesinnung auf altgediente Traditionen ist eine Vorgehensweise, die auch andere Architekten wählen, deren Bauwerke in Wien gezeigt werden. In Manabí, einem an der Pazifikküste gelegenen Ort Ecuadors bauen Arbeiter eine Schule mit Techniken, die die ansässigen Fischer bereits vom Bootsbau kennen - ohne dabei auf fließendes Wasser oder Elektrizität angewiesen zu sein. Die Schule ist mit Stroh überdacht und steht auf Bambusrohren, die sie vor möglichen Flutwellen schützen.

Auch im indonesischen Bali wächst Bambus schnell und ohne viele Ressourcen zu verbrauchen. Aber bislang hatte der Rohstoff beim Bau von größeren Gebäuden kaum Verwendung gefunden (außer für Gerüste). Nun stemmt das Material das Hauptgebäude der dreigeschössigen Green School Bali, in der fast 300 Schüler unterrichtet werden.

Die Decken sind mit Gras gedeckt und die Wände bestehen aus Erde, Vulkangestein oder Lehm. Die Luft zirkuliert, so dass trotz tropischer Temperaturen keine Klimaanlage nötig ist. Der verbleibende - ohnehin geringe - Energiebedarf kommt aus einer regenerativen Kuhdung-Biogasanlage.

Kurator Andres Lepik hat seine Ausstellung in fünf Kategorien unterteilt: in Material, Wohnen, Partizipation, Kultur und Design-Build Programme. Dass diese Aspekte sich nicht ausschließen, zeigt die finnische Nichtregierungsorganisation Ukumbi. Sie setzt sowohl auf traditionelle und ressourcenschonende Materialien als auch auf die Förderung von Frauen in der Gesellschaft Senegals, die nach wie vor von alten Geschlechterrollen dominiert ist.

Die Frauen treffen sich in dem eigens errichteten Gebäude, um sich beruflich fortzubilden, Netzwerke zu knüpfen und Hilfe zu erlangen, um sich persönliche und finanzielle Unabhängigkeit zu erarbeiten.

Das 5000-Dollar-Haus

Aber nicht nur Menschen, die an einem Ort fest verwurzelt sind, können von den neuen Konzepten in der Architektur profitieren, sondern auch Menschen auf der Flucht. In Thailand hat das junge Architektenteam a.gor.a Flüchtlingsunterkünfte aus dem recycelten Baumaterialien gebaut. Innerhalb von nur etwa vier Wochen wurden die temporären Bleiben errichtet, die rund 25 Schüler beherbergen, die aus dem angrenzenden Myanmar geflohen sind.

In Chile hat das Architekturbüro Elemental das Pilotprojekt der "wachsenden Häuser"” initiiert, die sich flexibel an die finanziellen Möglichkeiten der Bewohner anpassen. Die quaderförmigen Wohnungen reihen sich aneinander und bieten den Bewohnern eine Grundfläche zum Leben.

Sobald die Familien mehr Geld verdienen, Kinder bekommen oder Familienangehörige aufnehmen, lässt sich das Gebäude erweitern. Wie bei einem Baukastensystem können die Bewohner in Eigenarbeit ein Stockwerk ergänzen oder nur einzelnes Zimmer anbauen. Nur 5000 Dollar kostet so ein Haus.

Kurator Lepik möchte mit seiner Ausstellung auch eine Debatte darüber anstoßen, "dass Architektur nicht Design für diejenigen ist, die es sich leisten können, sondern dass sie die ganze Gesellschaft angeht."

Umdenken an der Universität

Anzeichen für ein Umdenken lassen sich bereits in einigen Design- und Architekturstudiengängen finden. Ökologische und soziale Aspekte spielen in der Lehre eine immer größere Rolle. "Design Build Programme" nennt sich die Ausrichtung fachintern. So kooperieren Studenten der TU München, RWTH Aachen oder der TU Wien oft mit Hochschulen in Afrika, Asien oder Lateinamerika.

In Europa mag die Not nach den sowohl ökologisch als auch sozialen Bauten nicht so groß sein wie in Entwicklungsländern. Allerdings könnte eine Architektur, die radikal umdenkt und sich neu erfindet auch hier enormes Potential entfalten. Auf einer Pariser Brache beispielsweise entwickelten die Architekten Constantin Petcu und Coina Petrescu des Atelier d’architecture autogérée; eine ökologische Großstadtoase mit gemeinsam bewirtschafteten Gärten.

In der Nähe von Frankreichs Hauptstadt erproben sie außerdem ein sogenanntes "R-Urban"-Projekt, das die aufwendigen Produktions- und Wiederverwertungsabläufe einer Gesellschaft im Kleinen nachahmen soll - mit einem urbanen Landwirtschaftsbetrieb, einem eigenen Gemüsemarkt, eigenen Recyclinganlagen und genossenschaftlich organisierten Wohnungen.

Die Kuratoren Andres Lepik und Sonja Pisarik erklären im Video Motive und einzelne Projekte der Ausstellung. 

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