Ideen für Hochhaus-Farmen: Äcker sollen in den Himmel wachsen

Ideen für Hochhaus-Farmen: Äcker sollen in den Himmel wachsen

von Sabrina Keßler

Mit immer neuen Konzepten wollen Architekten Landwirtschaft in die Städte tragen - auch in Berlin.

Ob New York City, Tokio oder Mexiko Stadt: Fast alle Metropolen stehen künftig vor einem Problem. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden 2050 mehr als neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Knapp sechs Milliarden davon leben künftig in Städten.

Zugleich mahnen Wissenschaftler, die Nahrungsmittelproduktion steige zu langsam, um die Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren. Bereits in 35 Jahren müssten doppelt so viel Reis, Mais, Weizen und Sojabohnen geerntet werden wie derzeit. "Ein unerreichbares Ziel", resümieren die Forscher im Online-Journal PLS One.

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Die Welt braucht also Alternativen, um den künftigen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Findige Städter praktizieren deshalb schon lange „urban farming“, indem sie Obst und Gemüse selbst anbauen und ernten. Das Konzept der urbanen Landwirtschaft ist dabei sicherlich nicht neu – die Dimension, die sie inzwischen erreichen, hingegen schon.

Statt Kleingärten im Hinterhof und Gemüse auf dem Balkon, entwickeln Wissenschaftler, Architekten und Forscher inzwischen städtische Bauernhöfe, die hunderte Meter in den Himmel ragen sollen. Die visionären Entwürfe reichen von der Umgestaltung bereits bestehender Hochhäuser bis hin zum Neubau von Gebäuden, die die benachbarten Wolkenkratzer wie Einfamilienhäuser aussehen lassen. Drei Ideen stechen dabei besonders heraus:

1. Ein nicht ganz neues, aber immer noch vielleicht das visionärste Beispiel für ein grünes Hochhaus, ist das Projekt „Dragonfly“ in New York City. Dort, wo der East River die Stadtteile Queens und Manhattan trennt, soll nach den Vorstellungen des belgischen Architekten Vincent Callebaut schon bald New Yorks größter Bauernhof stehen: Auf 132 Stockwerken sollen Äpfel, Karotten oder auch Pilze wachsen, Fische und Hühner gezüchtet werden und Kühe auf Feldern grasen, die saftiger sind als es Wiesen je sein könnten. Mehr als 700 Meter würde sich der Wolkenkratzer in den Himmel über Roosevelt Island schrauben und mit seinen Erträgen 150.000 New Yorker ernähren. Doch das Projekt ist bislang nur ein Konjunktiv.

2. Auch in Berlin arbeiten die Architekten Agnieszka Preibisz and Peter Sandhaus derzeit an einem Projekt, um das Leben in der Stadt so natürlich wie möglich zu machen. Die „Grüne 8“, so der Name des Konzepts, bietet einen Mix aus Wohnungen, Arbeitsplätzen und Obstplantagen direkt am Alexanderplatz. Benzinschluckende Transportwege von Obst und Gemüse wären dank eigener Ernte passé, Wasser könnte wiederaufbereitet werden, pflanzliche Abfälle als Biomasse verbrannt und als Dünger recycelt werden.

Schädlinge und Krankheitserreger, die die Ernte zerstörten, blieben fern und die Pflanzen gediehen unter perfekten Bedingungen: Temperatur, Helligkeit, Luftfeuchtigkeit – all das könnte im Haus reguliert werden. Doch die Umsetzung ist fraglich – bisher fehlen zahlungswillige Investoren.

3. Die Idee dieser vertikalen Landwirtschaft basiert auf den Konzepten des Amerikaners Dickson Despommier. Der emeritierte Professor für Umweltgesundheit an der New Yorker Columbia University forscht seit 15 Jahren an dem Projekt und sorgt derzeit in der Urban-Farming-Gemeinde mit einem neuen Buch für Aufsehen.

Mit seinen Hochhausfarmen will er alle Nahrungsmittel-Probleme der Welt auf einen Schlag lösen. Verrückt? Nach seinen Berechnungen kann bereits ein Hochhaus mit der Fläche eines Fußballfeldes 50.000 Menschen pro Jahr versorgen. „Die meisten Menschen halten mich deswegen für einen Spinner“, sagte der Forscher vor einigen Jahren der New York Times. Doch er glaubt fest an die Idee, bald alle Menschen in den Städten mit urbaner Landwirtschaft versorgen zu können.

Die wichtigste Veränderung sieht Despommier hingegen sowieso nicht in den Städten, sondern in den frei werdenden Flächen, die von den Hochhäusern als Agrarfläche abgelöst werden.

Der Forscher ist überzeugt, dass er mit seiner Idee den Klimawandel stoppen kann. Dazu bräuchte es lediglich ein Areal von etwa 210 000 Quadratkilometern – die doppelte Fläche von Bayern und Baden-Württemberg. Dort könnten neue Bäume und Pflanzen angebaut werden, die das Kohlendioxid der Luft ausreichend binden würden.

Der ökologische Fußabdruck ist bislang ungeklärtPetra Hagen, Dozentin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Züricher Hochschule, sieht Despommiers Vorstoß positiv. „Es ist eine interessante Idee, die eine Antwort auf die Frage zu geben versucht, wie man den Hunger auf der Welt lösen könnte und wie die Nahrungsmittel wieder näher zu den Menschen kommen“, sagt Hagen dem Online-Portal nachhaltigkeit.org.

Vor allem in europäischen Ländern, die sich mit schrumpfenden Städten auseinandersetzen müssten, gebe es genug Platz für vertikale Landwirtschaft. Ganz so euphorisch wie die amerikanischen Forscher ist sie allerdings nicht. Schließlich ist die Ökobilanz der vertikalen Landwirtschaft bislang mehr als fraglich.

„Alle technischen und ökologischen Fragen sind noch ungelöst“. Weder die Kosten noch der Energieverbrauch solcher Gewächshäuser seien bislang geklärt. Und auch die Frage, inwieweit eine solch technisierte Nahrungsmittelproduktion überhaupt wünschenswert ist, sei noch offen. Antworten, so viel steht fest, wird es so schnell erstmal keine geben. Auch in seinem neuen Buch bleibt Despommier diese Antworten weitgehend schuldig. Aber Visionäre haben sich noch selten an den Fallstricken der Realität gestört.

In diesem Video erläutert Dickson Despommier seine Idee für Farmen in der Stadt:



Die Hochhaus-Farmen sind Teil einer Artikelserie, in der wir bei WiWo Green jede Woche ein Projekt für die nachhaltige Stadt der Zukunft vorstellen. Vergangene Woche haben wir uns die grüne Revolution in Kuba angesehen.

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