Internet der Dinge: Wie plaudernde Maschinen das Klima retten

Internet der Dinge: Wie plaudernde Maschinen das Klima retten

von Benjamin Reuter

Vernetzte Hausgeräte, Autos, Industrie- und Landwirtschaftsmaschinen schützen das Klima.

Am heutigen Montag startet mit der Cebit die weltgrößte IT-Messe in Hannover. Sogar Kanzlerin Angela Merkel wird hinfahren, die ausgestellten Gadgets bestaunen und einige Grußworte bei einer Abendveranstaltung sprechen. Dabei wird sie, wie auch in den vergangenen Jahren, die Faszination der Computerisierung und die Chancen von Smartphone, Internet und Co. für die Menschen betonen. Fehlen wird in ihrer Rede natürlich auch nicht das Potenzial der IT für die Wirtschaft. Was die Kanzlerin wahrscheinlich nicht sagen wird: Das Internet vernetzt nicht nur Menschen, sondern auch immer mehr Maschinen und könnte so auch das Klima retten.

Wie das gehen soll? Schon seit Jahren wabert wie eine große Verheißung der Begriff vom „Internet der Dinge“ durch einschlägige Magazine und Tech-Rubriken von Blogs und Tageszeitungen. Gemeint ist damit, dass sich Maschinen über das Internet gegenseitig mit Informationen versorgen – sie also miteinander über das Internet kommunizieren, wie die Menschen derzeit schon.

Anzeige

Würden die Milliarden von Maschinen, die dem Menschen im Haushalt, in Fabriken, im Verkehrs- und Gebäudesektor und in der Landwirtschaft zur Hand gehen, sich miteinander unterhalten können, würde das den CO2-Ausstoß auf der Erde jährlich um 9,1 Gigatonnen senken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Carbon War Room (CWR), eines Klima-Think-Tanks, der vom umtriebigen Milliardär Richard Branson gegründet wurde.

9,1 Gigatonnen – das ist knapp ein Fünftel der aktuellen jährlichen Treibhausgas-Emissionen. Oder anders ausgedrückt: Es ist so viel Klimagas, wie es die USA und Indien zusammen pro Jahr ausstoßen und eine so starke Reduktion, dass die Erderwärmung doch noch auf zwei Grad begrenzt werden könnte. Alarmistische Klimaforscher würden sagen: Damit wäre die Welt gerettet.

Die Weltrettung fängt schon im Haushalt an. Denn das wohl bekannteste Beispiel für das Internet der Dinge sind Kühlschränke, Waschmaschinen und Geschirrspüler, die ihren Energieverbrauch selbstständig ohne das Zutun der Besitzer an die Stromproduktion anpassen.

Wenn die Waschmaschine mit dem Windrad tuscheltWird also an einem Sommertag um die Mittagszeit sehr viel Sonnen- und Windstrom produziert, fallen die Preise für Elektrizität (zumindest ist das die Idee dahinter, die in den USA schon funktioniert). Teilt der Energieversorger das den Geräten durch ein Signal über das Internet mit, fangen sie an zu waschen. Der Kühlschrank wiederum würde stärker kühlen, um später – wenn der Strom teurer ist – Energie zu sparen. Dieses System ist auch als Smart Grid bekannt, als intelligentes Stromnetz. Waschmaschine und Windrad arbeiten also zusammen. Die Vernetzung der beiden Sphären treiben deutsche Startups wie Rockethome und GreenPocket voran, aber auch die Deutsche Telekom und die großen Energieversorger.

Hausgeräte der neuesten Generation sind zu dieser Art Kommunikation schon fähig. Hinzu kommen Startups wie Tado aus München, die die heimische Heizung mit dem Smartphone vernetzen, sodass sie sich von unterwegs an- oder abschalten lässt. Das spart nicht nur Energie, sondern macht auch die Umstellung auf Erneuerbare Energien insgesamt einfacher – und schützt so das Klima.

Ebenso wie Geräte im Haushalt auf ihre Umwelt reagieren können, gilt das für die meisten anderen Maschinen auf der Welt. Auch in Fabriken zum Beispiel können sich Eisenschmelzen oder große Kühlhäuser an die Stromproduktion anpassen und damit ganze Kohlekraftwerke überflüssig machen. Schon heute, so der CWR-Report, gibt es auf der Welt mehr als 100 Millionen Schnittstellen zwischen Maschinen – allein in Europa könnten es bis 2020 3,5 Milliarden Verbindungen sein.

Neben dem Energiesektor, der Haushalte und Fabriken beliefert, haben sich die Experten vom Carbon War Room Einsparpotenziale der Maschinen-zu-Maschinen-Kommunikation in drei weiteren Sektoren angesehen: Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft.

VerkehrAllein durch Vernetzung und intelligentere Streckenplanung bei Flugzeugen, Autos und in der Logistik, ließen sich weltweit pro Jahr 1,9 Gigatonnen CO2 einsparen. Zwei offensichtliche Beispiele: Durch intelligente Streckenführung könnten Staus vermieden und die Parkplatzsuche in Städten beschleunigt werden. Staus will zum Beispiel das Startup Graphmasters aus Hannover bekämpfen, in der Logistik zeigt wiederum der Mischkonzern Unilever in einem Pilotprojekt gerade, wie viel Klimaschutzpotenzial im Warentransport steckt.

GebäudeHier liegt laut der CWR-Studie ein Einspar-Potenzial von 1,6 Gigatonnen pro Jahr. Beispiele sind: Heizungen, Kühlung, Lüftungen und Lichter, die darauf reagieren, ob Menschen im Raum sind oder nicht. Sie regeln ihre Aktivität zum Beispiel anhand von Bewegungsmeldern. Büro-Gebäude der neuesten Generation passen ihre Lüftung, Heizung und Beleuchtung zudem automatisch den Wetterbedingungen außerhalb des Hauses an.

LandwirtschaftAuch in der Landwirtschaft schlummert ein Klimaschutzpotenzial durch vernetzte Maschinen von 1,6 Gigatonnen. So könnte die Viehzucht effizienter werden und auch der Ackerbau. So müssten Landwirte in der Lebensmittelproduktion insgesamt weniger Rohstoffe einsetzen.

Die Revolution der Maschinen-Kommunikation ist aber keine einseitige Erfolgsgeschichte. Das betonen auch die Autoren der CWR-Studie. Denn um die neuen Maschinen zu produzieren, die riesigen Datenberge zu speichern und die Netze zu betreiben, wird eine Menge Energie verbraucht. Allein die weltweiten Rechenzentren waren 2011 für einen CO2-Ausstoß von 0,9 Gigatonnen CO2 verantwortlich. Aber auch hier setzen Unternehmen an: So arbeitet zum Beispiel Google daran, seine Rechenzentren zunehmend mit Grünstrom zu betreiben.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%