Internet: Über ein neues Web-Portal verschenken Menschen Essen

Internet: Über ein neues Web-Portal verschenken Menschen Essen

von Susanne Kutter

Über die Hälfte der Lebensmittel landen im Müll. Ein Kölner will dieses Problem mit einer neuen Internetplattform lösen.

Das Portal www.foodsharing.de ist die weltweit erste Online-Plattform, die das Verschenken von Lebensmitteln von privat an privat organisiert. Sie ging vor wenigen Tagen online. Wer also gerade während oder nach den Weihnachtsferien in den noch halb gefüllten Kühlschrank blickt, muss Aufschnitt-, Gouda- oder Toastbrot-Packungen nicht in die Mülltonne werfen oder zwischen Skistiefeln und Weihnachtsgeschenken in den Kofferraum quetschen, sondern kann sie kostenfrei zur Abholung auf der Portalseite anbieten.

Initiator des Foodsharing-Portals ist der Filmemacher Valentin Thurn aus Köln. Er hat 2011 in seinem Dokumentarfilm „Taste the waste“ und im darauf folgenden Buch „Die Essensvernichter“ auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht. Wie es zu dem Portal kam und wie es funktioniert erklärt Thurn im Interview mit WiWo Green.

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Was treibt Sie als Filmemacher, ein Webportal für das Verschenken von Lebensmitteln zu gründen?Thurn: Der Film und das Buch haben mich selbst für ein Problem sensibilisiert, das mir vorher in seinen Ausmaßen gar nicht klar war. Mindestens ein Drittel aller Lebensmittel landen weltweit auf dem Müll, in Industrienationen wie Deutschland ist es sogar die Hälfte. Allein 500.000 Tonnen Brot werden hierzulande pro Jahr weggeschmissen. Zehn Prozent des deutschen Haushaltsmülls besteht aus originalverpackten Lebensmitteln. Das ist doch Wahnsinn.

Also beschlossen Sie, etwas zu unternehmen?Thurn: Nicht direkt, aber ziemlich schnell kamen vor allem die jüngeren Leute aus meinem Team auf die Idee, dass man doch Lebensmittel genauso gut übers Internet tauschen und teilen könnte wie Autos, Klamotten oder Wohnzimmersofas beim Couch- und Car-Sharing.

War da vorher noch kein anderer drauf gekommen?Thurn: Nein, erstaunlicherweise nicht. Wir sind tatsächlich weltweit die Ersten, die solch eine Möglichkeit anbieten. Zurzeit gibt es aber schon Überlegungen in den USA und in den Niederlanden, die Idee zu übernehmen, was ich sehr gut fände.

Organisieren Sie persönlich das foodsharing-Portal?Thurn: Nein, nein – irgendwann will ich auch mal wieder Filme drehen. Wir brachten die Idee 2012 auf und es meldeten sich sehr schnell viele Unterstützer – engagierte Privatleute, aber auch von Unternehmen gab es reges Interesse. Deshalb haben wir im Mai einen gemeinnützigen Verein gegründet, der die Seite offiziell betreibt. Und für die Programmierung haben wir Fachleute eingestellt, die wir über Crowdfunding finanzieren konnten. Seit 12.12. ist das Portal nun am Start. Aktiv beworben wird die Aktion zurzeit aber erst in unseren Startregionen Köln, Berlin, Steinfurt und Ludwigsburg.

Und wie ist die Resonanz?Thurn: Viel größer, als wir erwartet hatten. Schon in den ersten Tagen kamen weit über 10.000 Besucher auf die Seite, so dass unser Server erst einmal in die Knie ging. Das Problem war schnell behoben, so dass wir jetzt mit täglich etwa 3500 Besuchern sehr gut klar kommen. Insgesamt waren schon knapp 50.000 Besucher auf der Seite, fast 2600 sind als Nutzer auch registriert – und die Zahl der angebotenen Essenskörbe ist vor Weihnachten stark angestiegen.

Essenskörbe, wie funktioniert das?Thurn: So nennen wir die Angebote auf der Seite. Jeder, der Lebensmittel übrig hat, beschreibt sie und packt sie in einen virtuellen Essenskorb. Dabei sind wir natürlich darauf angewiesen, dass jeder auch ehrlich ist, was Kaufdatum und Zustand der Ware angeht.

Kann jeder alles anbieten – von der angeschnittenen Salami bis zum offenen Gurkenglas?Thurn: Nein, das würde wohl keiner von fremden Menschen haben wollen. Wir haben ganz klare Regeln, die auf der Seite auch beschrieben sind. Und wir haben uns lange mit Lebensmittelhygienikern und Kontrolleuren unterhalten, wie wir das Weitergeben von Lebensmitteln so gestalten können, dass niemanden gefährdet wird. Deshalb haben wir besonders empfindliche Lebensmittel wie Hackfleisch, frischen Fisch und rohe Eier – zum Beispiel in Cremes und Torten vom Verschenken ausgeschlossen.

Wer verschenkt was auf der Seite?Thurn: Typischerweise sind es kleine Mengen von Einzelpersonen – vom zu viel eingekauften Obst bis zum originalverpackten Babymilchpulver oder einem Schokoladen-Nikolaus. Kürzlich hat ein Fotograf aber auch 35 Brote auf einmal übrig gehabt, die er zuvor fotografieren musste. Aber auch Unternehmen und Lebensmittelhändler können inzwischen mitmachen und Lebensmittel anbieten, sie können das dann aber mit der Option versehen, dass die Empfänger in irgendeiner Weise bedürftig sind. Generell spielt das sonst bei uns keine Rolle. Jeder, der Lust hat und die Sachen braucht, kann sie abholen.

Haben Sie selbst auch schon Essen über die Seite verschenkt?Thurn: Ja. Von einer Fete im Sommer hatte ich noch eine angefangene Kiste alkoholfreies Bier im Keller stehen – und das mag ich einfach nicht. Außerdem hatte ich noch jede Menge Äpfel aus meinem Garten übrig, die Nachbarn waren alle schon versorgt und reagierten bereits genervt. Eine Frau holte sie dann zum Kompottkochen ab – und schenkte mir im Gegenzug aus Ihrem Garten ein Körbchen mit Mangold. Das war einfach nett, aber es ist natürlich nicht die Bedingung. Es soll ja kein Tauschhandel werden. Aber ich glaube, neben der Rettung von essbaren Lebensmitteln kann unser Portal so auch dazu beitragen, nachbarschaftliche Netzwerke wieder aufzubauen oder zu erhalten.

Hier der Trailer von Thurns Dokumentarfilm „Taste the waste“. Einen Auszug aus seinem neuen Kochbuch “Taste the Waste – Rezepte und Ideen für Essensretter” bringen wir auf WiWo Green in den kommenden Tagen.



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