Interview: „Das Zwei-Grad-Ziel ist ein rein politisches Konstrukt“

Interview: „Das Zwei-Grad-Ziel ist ein rein politisches Konstrukt“

von Leonard Goebel

Selbst eine Erderwärmung von zwei Grad könnte dramatische Folgen haben, sagt der Klimaforscher Mojib Latif.

Bei den UN-Klimaverhandlungen steht unter anderem zur Debatte, ob eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad ausreicht, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereichs Klimadynamik am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, sieht selbst bei Einhaltung der Obergrenze große Gefahren für die Umwelt. Vom großen Gipfel in Paris erwartet der Forscher gar nichts.

Herr Latif, seit Jahren wird uns erzählt, dass die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet werden könnten, wenn sich die Erde im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung um nicht mehr als zwei Grad erwärmt. Jetzt mehren sich die Stimmen, wonach das sogenannte Zwei-Grad-Ziel längst nicht ausreiche. Auch im Entwurf des Pariser Klimaabkommens stehen schärfere Alternativen zur Auswahl. Hat sich die Wissenschaft vertan?Nein, die Wissenschaft hat sich nicht vertan. Uns war immer klar, dass eine Erwärmung von zwei Grad in vielen Bereichen gravierende Folgen haben würde. Für die Natur wäre es natürlich am besten, wenn die Erwärmung so gering wie möglich gehalten würde. Allerdings haben wir Klimaforscher gesagt, dass die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels wahrscheinlich zumindest die sogenannten Kipp-Effekte verhindern kann – also ein komplettes Umkippen einzelner Systeme. Das könnte etwa durch das vollständige Abschmelzen der Eisdecke in Grönland passieren, was den Meeresspiegel um sieben Meter erhöhen würde – ein unvorstellbares Szenario.

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War das Zwei-Grad-Ziel von Anfang an ein rein politisches Konstrukt?Ja. Und zwar aus Perspektive der Industrienationen, für die eine Erwärmung von zwei Grad vermutlich noch händelbar wäre. Viele Entwicklungsländer haben sich von Anfang an für eine Begrenzung auf 1,5 Grad eingesetzt, denn da beginnen für sie schon enorme Risiken.

Welche Folgen hätte denn eine globale Erwärmung von durchschnittlich zwei Grad?Viele Südseeinseln würden überflutet, die Menschen könnten dort nicht mehr leben. Das ist ja jetzt schon teilweise zu sehen. Außerdem würden fast alle tropischen Korallen sterben, was einen dramatischen Verlust an Biodiversität bedeuten würde – mit unabsehbaren Folgen für das ganze Ökosystem.

Auf der anderen Seite steuern wir momentan auf eine noch deutlich stärkere Erwärmung zu. Viele Experten halten es für praktisch unmöglich, das Zwei-Grad-Ziel – geschweige denn eine ambitioniertere Obergrenze – noch zu erreichen. Wie kann da eine gemeinsame Lösung gefunden werden?Ich bin nicht so pessimistisch. Solange es noch möglich ist, die Erwärmung zu begrenzen, sollte man es auch versuchen. Dafür müssten wir unsere Emissionen bis 2020 stabilisieren. Spätestens ab 2060 müssten sie dann auf null gesenkt werden. Dafür braucht es einen radikalen Umbau des Wirtschaftssystems und des Energiesektors. Das ist schwierig, aber die Lösungen dafür sind da.

„Ich glaube an eine Technologie-Revolution“Auf dem Weltklimagipfel werden diese Lösungen nun wieder verhandelt. Blicken Sie also optimistisch nach Paris?Nein, das kann ich wirklich nicht behaupten. Das ist die 21. dieser UN-Klimakonferenzen. Warum sollte da etwas herauskommen, was vorher 20 Mal nicht herausgekommen ist? Die Interessen sind einfach viel zu unterschiedlich, deshalb sind die Verhandlungen bislang immer gescheitert. Und wenn ich mir die Wortbeiträge der Politiker vom Beginn des Gipfels angucke, habe ich keine Hoffnung, dass es diesmal anders ist. Es wird am Ende einen Kompromiss geben, der das Papier nicht wert ist, auf das er gedruckt wurde.

Woher soll die Wende dann kommen?Ich glaube an eine Revolution der Technologie im Bereich der Erneuerbaren Energien. Da wird die Zukunft entschieden, nicht in Paris. In diesem Sektor ist in den letzten Jahren schon sehr viel passiert und das wird hoffentlich weitergehen.

Allerdings waren dafür oft Anschubfinanzierungen nötig – in Deutschland wurden die Erneuerbaren Energien nur durch Subventionen stark gemacht. Dafür braucht es dann doch wieder die Politik.Ja, staatliche Subventionen sind im Energiebereich natürlich wichtig, um Veränderungen zu beschleunigen. Wobei es gar nicht immer um eine Erhöhung der Subventionen für Erneuerbare Energien geht. Es wäre erst einmal viel wichtiger, die hohen Subventionen für fossile Energieträger wie die Kohle zu streichen. Dann würden die Energiekonzerne automatisch noch stärker auf Erneuerbare Energien setzen. Das passiert im Übrigen aber auch jetzt schon – vor allem die Investoren merken langsam, dass die herkömmlichen Energieträger keine sichere Zukunft haben. Das lässt hoffen.

Herr Latif, vielen Dank für das Gespräch.

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