Interview: „Es ist unsere Pflicht, den Klimawandel zu begrenzen“

Interview: „Es ist unsere Pflicht, den Klimawandel zu begrenzen“

Bild vergrößern

Die studierte Meteorologin forscht seit 2010 am Climate Service Center und übernahm im vergangenen Jahr dessen Leitung. (© Christian Schmid/HZG)

von Angela Schmid

Im Interview mit Wiwo Green spricht Professorin Dr. Daniela Jacob, Leiterin des Climate Service Center Germany, über die Auswirkungen des Klimawandels und welchen Einfluss Unternehmen und Industrie darauf nehmen können.

Das Klima ist eines der großen Themen unserer Zeit und wirkt sich längst auf die Gesellschaft aus. Was wird in Zukunft auf uns an Veränderungen noch zukommen?

Zusätzlich zu den schon jetzt spürbaren Veränderungen in klimatologischen Größen wie den Lufttemperaturen, Winden und Niederschlägen kommen meiner Meinung nach Veränderungen ganz anderer Natur auf uns zu: So sind nach dem jüngsten Klimaabkommen von Paris vom Dezember 2015  insbesondere die Industrieländer aufgerufen, ihrer Verantwortung nachzukommen, zielstrebig einen wirksamen Klimaschutz voranzutreiben. Gleichzeitig müssen die Fähigkeiten regionaler und lokaler Akteure wie Städte, Kommunen und Unternehmen gestärkt werden. Nur so können wir die Risiken der Folgen des Klimawandels verringern und die Chancen nutzen.

Anzeige

Welche Auswirkungen haben die Klimaveränderungen auf Investitionsentscheidungen von Unternehmen?  

Im Rahmen von Investitionsentscheidungen von Unternehmen wird der Klimawandel weiter an Bedeutung gewinnen: So erfordert beispielsweise eine neue EU-Richtlinie, dass ab 2017 im Rahmen der Umweltverträglichkeitspüfung (UVP) verbindlich geprüft wird, welchen Einfluss der Klimawandel auf geplante Vorhaben hat. Darüber hinaus können Unternehmen mit Hilfe geeigneter Klimainformationen bereits während der Planungsphase von neuen Standorten konkrete Anpassungsmaßnahmen zum Schutz vor Überflutung und Überhitzung oder zur Vermeidung von Asphaltschäden durch häufigere Frost-Tauzyklen entwickeln.

Auch für die Planung und Steuerung internationaler Lieferketten wird die Kenntnis detaillierter Klimainformationen zunehmend wichtiger: So prüfen Unternehmen der Lebensmittelbranche bereits heute anhand verschiedener Klimaparameter, ob und in welcher Form ihre Anbaugebiete für Obst, Gemüse, Kaffee, Kakao oder Tee durch die Folgen des Klimawandels beeinflusst werden könnten.

Ebenso können weltweit verteilte Standorte und Produktionsstätten von Unternehmen von klimatischen Veränderungen unmittelbar betroffen sein: Die Menge und die Qualität von Rohstoffen und die Verfügbarkeit und die Qualität der Ressource Wasser kann sich ändern. Auch kann sich die Produktivität von Arbeitskräften unter den Folgen des Klimawandels verändern.

 

Welche Erkenntnisse in der Klimaforschung gelten heute als gesichert?

 Dazu möchte ich auf die Ergebnisse des aktuellen Berichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) verweisen. Den Ergebnissen des letzten IPCC-Berichts (2013) zufolge sind die anthropogenen Treibhausgasemissionen seit der vorindustriellen Zeit angestiegen, hauptsächlich angetrieben durch das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Sie sind nun höher als jemals zuvor. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass dies die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist. Die Folgen sind: Atmosphäre und Ozeane erwärmen sich, die Schnee- und Eismengen gehen weltweit zurück, der Meeresspiegel steigt an und extreme Wetter- und Klimaereignisse nehmen zu.

Nordrussland Behörden machen Klimawandel für Anthrax-Ausbruch verantwortlich

Seit 75 Jahren hat es keinen Milzbrand-Ausbruch mehr in Sibirien gegeben - nun ist ein Zwölfjähriger gestorben.

Normalerweise herrschen am Polarkreis Minusgrade. (Symbolfoto) Quelle: AP

 

Wo sehen Sie den derzeit größten Forschungsbedarf?

Die Anpassung an den Klimawandel ist eine große gesellschaftliche Aufgabe. Bei den Entscheidern in den Landesregierungen, den Städten, Kommunen und Unternehmen besteht daher ein wachsender Informationsbedarf zu den vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels.

Ein Forschungsbedarf der Grundlagenforschung ist, die Klimamodelle immer stärker hinsichtlich der Wolkenprozesse oder der komplexen Wechselwirkungen im Klimasystem zu verbessern, um sicher zu stellen, das Erdsystem so komplett wie möglich verstehen und modellieren zu können.

Da Entscheider detaillierte Informationen benötigen, setzen wir zunehmend regionale Klimamodelle ein. Mit ihnen können die erforderlichen kleinräumigen Klimainformationen berechnet und bereitgestellt werden. Der damit verbundene Wissenstransfer in die Praxis stellt eine große Herausforderung dar. Für jeden Anwender müssen passgenaue Informationsprodukte geschaffen werden. Dies sind ganz neue, bisher nicht bearbeitete Forschungsherausforderungen. Hier setzen der sogenannte Klimaservice und die Forschung zum Klimaservice an.

 

Deutschland will die Energiewende durch den Ausstieg aus der Atomkraft erreichen. Kritiker halten dem entgegen, dass dadurch stärker auf Kohle gesetzt wird und damit das Ziel, die Treibhausgas-Emissionen um 80 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, nicht zu erreichen ist. Wie sehen Sie das?

Sicherlich wird es kurzfristig zu einem Anstieg der kohlebedingten Emissionen kommen, da Kohle als eine grundlastfähige und in Deutschland etablierte Energieerzeugungsart kurzfristig nicht substituiert werden kann. Es ist daher eher unklar, ob eine Erreichung der kurzfristigen Reduzierungsziele bis 2020 – das heißt eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen um 40% gegenüber 1990 – realisiert werden kann.

Die Zielsetzung hingegen, die Treibhausgasemissionen um 80% gegenüber 1990 zu reduzieren, bezieht sich auf das Jahr 2050. Eine Betrachtung über einen solch langen Zeitraum ist von vielen unterschiedlichen Annahmen abhängig. Hierzu eine eindeutige Prognose zu formulieren, ist kaum möglich.

Dennoch wird bis zu diesem Zeitpunkt die Transformation des Energiesektors diese Zielerreichung nicht gefährden.  Dazu wird der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien, die Anpassung der Netze im Sinne einer dezentralen Energieversorgung, die technologischen Weiterentwicklung sowie ein verändertes Energienutzungsverhalten beitragen.

 

Glauben Sie, dass die Menschen überhaupt noch einen Einfluss auf die Veränderungen des Klimas haben?

Auf jeden Fall! Der IPCC sagt, dass fortgesetzte Emissionen von Treibhausgasen eine weitere Erwärmung und langanhaltende Änderungen aller Komponenten des Klimasystems verursachen werden. Damit würde die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden, weitverbreiteten und nicht umkehrbaren Folgen für Menschen und Ökosysteme erhöht.

Es ist also unsere Pflicht, vor allem auch im Sinne der folgenden Generationen, den Klimawandel durch erhebliche und anhaltende Minderungen der Treibhausgasemissionen zu begrenzen.

 

Was sollten aus Ihrer Sicht Industrie, Wirtschaft und Unternehmen tun?

Unternehmen sollten sich sowohl um Klimaschutz als auch um Anpassung an die Folgen des Klimawandels kümmern. Viele Unternehmen versuchen schon heute, durch energieeffiziente Maßnahmen ihren CO2 Ausstoß zu verringern. Das ist ein sehr guter erster Schritt. Allerdings sollten sich diese Maßnahmen nicht nur auf den offensichtlichen Energieverbrauch beziehen, sondern auch die täglichen Arbeitsweisen in Betracht ziehen. Es gibt zum Beispiel immer noch sehr viele Flugreisen zu Treffen, die nur wenige Stunden dauern.

Hier könnte man die - leider meist etwas teurere - Bahn nehmen oder etwa jedes 2. Treffen durch eine Videokonferenz ersetzen. Damit reduziert sich der Reisestress für die Mitarbeiter ebenso wie der CO2 Ausstoß und führt so zu einer Win-Win-Situation. Gleichzeitig sind die Unternehmen aufgefordert, zu analysieren, welche Chancen und Risiken der Klimawandel für sie mit sich bringt, um dann eventuell ihr Risikomanagement anzupassen oder auch neue Geschäftsfelder zu entwickeln.

Forschungseinrichtungen wie die Universität Hamburg und das Helmholtz-Zentrum Geesthacht Zentrum für Material und Küstenforschung (HZG) mit dem Climate Service Center Germany (GERICS) beschäftigen sich seit Jahren mit den Veränderungen und den Folgen des Klimawandels. Jetzt wollen sie im gemeinsam gegründeten „Helmholtz-Institutfür Climate Service Science“ (HICSS) ihre Forschung zum Klimaservice ausbauen, Nachwuchsförderung betreiben sowie den Wissens- und Technologietransfer intensivieren. Die gemeinsame Forschung soll dazu beitragen, ein tieferes Verständnis der Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels zu gewinnen und eine Wissensgrundlage für Entscheidungen zur Sicherung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen bereitzustellen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%