Interview OB Schuster: Wege in die grüne Stadt der Zukunft

Interview OB Schuster: Wege in die grüne Stadt der Zukunft

von Sebastian Matthes

Stuttgart ist die nachhaltigste Stadt Deutschlands. Wie er das angestellt hat, erklärt Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster im Gespräch mit WiWo Green.

Die Zahl der Autos ist mit der heutigen Infrastruktur kaum noch zu bewältigen, das Klima wandelt sich und in Entwicklungsländern ziehen immer mehr Menschen in die Metropolen. Keine Frage: Die Probleme der Städte sind gewaltig. Doch in der gesamten Diskussion verenge sich der Blick “viel zu sehr auf technische und ökologische Faktoren”, sagt Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster.

Um dieses Bild zu korrigieren, hat der 63-Jährige zum Ende seiner Amtszeit das Buch “Nachhaltige Städte - Lebensräume der Zukunft” geschrieben, das er heute in Berlin vorstellen wird. Wir haben mit ihm vorab über die wichtigsten Maßnahmen gesprochen, um Städte lebenswerter und, wie Schuster sagt, “zukunftsfester” zu machen.

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Schuster weiß, wovon er spricht. Vor wenigen Monaten erst zeigte eine Studie der Universität Kiel in Zusammenarbeit mit dem ifw und der WirtschaftsWoche, dass Stuttgart die nachhaltigste Stadt Deutschlands ist.

Herr Schuster, wie werden unsere Städte lebenswerter?Schuster: Wenn wir Nachhaltigkeit endlich als einen ganzheitlichen Ansatz verstehen. Es ist weit mehr als nur Umweltschutz und Effizienztechnologie. Das begreifen bislang die Wenigsten. Dadurch übersehen sie die eigentlich wichtigen Dimensionen der Nachhaltigkeit.

Dann öffnen Sie uns die Augen.Schuster: Das wichtigste ist doch, dass wir die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen das Miteinander in der Stadt verbessern. Deutschland ist seit Jahren ein Einwanderungsland. Und so sollten wir uns auch verhalten. Leider tun das viele Städte noch nicht.

1. Zum Ort für Einwanderung werdenWas sollten sie tun?Schuster: Wir müssen Menschen aus anderen Ländern alle Möglichkeiten geben, schnell ein Teil unserer Gesellschaft zu werden. Mehr als 60 Prozent der Stuttgarter Schüler stammen aus ausländischen Familien. Ein Großteil davon erhält nach der Schulzeit bei uns gute Jobs oder geht an die Universität. Um das zu erreichen, haben wir viele unterschiedliche Programme aufgesetzt, unter anderem das Programm Bildungspaten, in dem ältere Kinder aus Migrantenfamilien andere Kinder coachen. Hier Erfolg zu haben, ist ganz entscheidend für unsere Zukunft.

Warum genau?Schuster: Die kulturelle Unterschiedlichkeit sorgt für Kreativität und Innovationen. Wichtiger noch: Wenn wir in Deutschland keine Willkommenskultur entwickeln, gehen die klugen Köpfe woanders hin. Das wird unserer Wirtschaft künftig schwer schaden. Denn - und das sehen wir längst - wir werden in den nächsten Jahren einen kräftigen Arbeitskräftemangel erleben. Und damit sind wir bei der zweitwichtigsten Herausforderung für nachhaltige Städte der Zukunft:  Die demografische Entwicklung zu managen.

2. Demografischen Wandel managenWie könnte das gelingen?Schuster: Vor allem mit einer Maßnahme: Die Städte müssen kinderfreundlicher werden. Wir haben den Geburtenrückgang in Stuttgart vor allem dadurch gestoppt, verzeichnen mittlerweile steigende Babyzahlen. Auch hier haben wir die verschiedensten Programme eingeführt. Besonders erfolgreich sind diejenigen, bei denen wir unterschiedliche Generationen zusammenbringen. So haben wir Kitas in Altenheimen eingerichtet und Mehrgenerationenhäuser gebaut. Städte, die unserem Beispiel folgen, verzeichnen übrigens auch steigende Geburtenzahlen.

3. Experimentierfeld für Mobilität werdenAber viele Babys machen eine Stadt nicht automatisch nachhaltiger.Schuster: Doch in gewisser Weise schon. Sie verändern den Blick auf die Zukunft, machen es möglich, Politik viel perspektivischer zu gestalten. Ein Beispiel aus Stuttgart: Wir denken sehr intensiv über die Mobilität der Zukunft nach. Wir führen ab Januar eine Mobilitätskarte ein, mit der Sie lückenlos Elektrofahrräder, Mietautos, Busse und Bahnen nutzen können. Später sogar auch Taxis. Solche Lösungen machen die Stadt nachhaltiger, weil nicht mehr jeder ein Auto braucht.

Ein weiteres Problem: Viele Städte sind fürchterlich zersiedelt.Schuster: Das sehe ich auch so. Wir haben die Menge der geschützten Grünflächen deutlich ausgeweitet. Aber es ist schon hart: Wenn Unternehmen eine Wiese bebauen wollen, weil es billiger ist, drohen sie mitunter, in die Nachbargemeinde zu gehen. Aber da muss man standhaft bleiben.

4. Finanzielle Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellenSie können es sich ja auch leisten. Das gilt aber längst nicht für jede Stadt.Schuster: Als ich in Stuttgart anfing, war die Stadt mit mehr als 900 Millionen Euro hoch verschuldet. Jetzt haben wir einen ausgeglichenen Haushalt. Wir haben dafür alle städtischen Betriebe umstrukturiert, die Mitarbeiterzahl abgebaut und dennoch den Service verbessert.

Nebenbei sind Sie gesegnet mit ein paar mächtigen Steuerzahlern.Schuster: Ja, sicher. Aber Baden-Württemberg gibt pro Einwohner weniger für Bildung aus als Berlin oder Bremen, schneidet aber bei der Bewertung im Bildungsbereich trotzdem viel besser ab. Letztlich ist es eine Frage des guten Managements und der Bereitschaft, neue Ideen auszuprobieren.

Würden Sie es sich zutrauen, eine der hoch verschuldeten Ruhrgebietsstädte zu sanieren?Schuster: Das wäre sehr schwer, weil sie unter Jahrzehnten des Missmanagements leiden. Die meisten Kollegen dort machen einen guten Job. Den Weg müssen sie weitergehen. Aber es wird ein schmerzhafter Prozess. Und daher ist ebenso wichtig wie die bereits genannten Punkte, die finanzielle Nachhaltigkeit.

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