Interview: „Wir können unsere Städte bis 2020 emissionsfrei machen“

Interview: „Wir können unsere Städte bis 2020 emissionsfrei machen“

von Leonard Goebel

Nur noch Solarstrom und Elektroautos in deutschen Städten? Werner Sobek hält diese Vision für umsetzbar - sehr schnell.

Werner Sobek gilt als einer der bedeutendsten Bauingenieure und Architekten der Welt. Kürzlich wurde er mit dem renommierten Fritz-Leonhardt-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In seiner Dankesrede forderte der Schwabe, der als Professor an der Stuttgarter Universität lehrt, das Verbot jeglichen „gasförmigen Abfalls“. Es sei möglich, unsere Städte bis 2020 emissionsfrei zu machen. Im Interview mit WiWo Green erzählt er, wie das gehen könnte.

Herr Sobek, Sie halten es für möglich, die Emissionen von Städten bis 2020 auf null zu senken. Woher kommt ihr Optimismus?

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Das ist kein Optimismus, sondern in erster Linie eine Forderung, die aus einer bitteren Erkenntnis rührt: Wir dürfen keine fossilen Energieträger mehr verbrennen, sonst wird die Erderwärmung nicht mehr zu stoppen sein. Wir müssen unsere Energieversorgung komplett auf Photovoltaik, auf Erd- und auf solare Wärme umstellen. Wenn uns dies gelingt, dann haben wir das große Ziel einer emissionsfreien Stadt erreicht.

Die Sonne strahlt 10.000 Mal mehr Energie auf die Erde ein, als wir insgesamt benötigen. Wir müssen also nur lernen, diese Energie zu ernten, zu speichern und sie dann zu verbrauchen, wenn das Gesamtsystem dies am besten verträgt. Dann ist das Problem gelöst.

Ihre Idee ist ja nicht ganz neu. Sir Norman Foster arbeitet in Abu Dhabi schon seit mehreren Jahren an einer emissionsfreien Stadt. Und auch in Deutschland gibt es einzelne Vorzeigeprojekte wie Ihr B10-Haus in Stuttgart. Aber die Energierevolution in Städten ist bislang ausgeblieben.

Norman Foster plante in Abu Dhabi eine neue Stadt. Das ist gut, aber das ist nicht unser Problem. Es geht nur beschränkt um neue Städte, es geht vielmehr um die Behandlung des Gebäudebestandes und dessen Verknüpfung mit weiteren Neubauten. Das ist die relevante, aber die schwierigere Fragestellung. Wir haben bis heute große Fehler gemacht, indem wir immer nur das einzelne Gebäude betrachtet und von jedem Gebäude die gleiche energetische Qualität gefordert haben. Dieser Ansatz ist Unfug, von seinen Nebenwirkungen einmal ganz abgesehen, die häufig genug in der Verunstaltung schöner Fassaden und der Unterbrechung des Feuchtigkeitsaustauschs durch die Außenwände bestehen.

Man sollte klüger vorgehen und sagen: Es kommt gar nicht auf das einzelne Gebäude an – wichtig ist, dass wir energetisch bessere und energetisch schlechtere Häuser als Gesamtheit betrachten und fordern, dass sie gemeinsam keine Emissionen mehr tätigen.

„Ausbaumöglichkeiten bei Windkraft sind begrenzt“Welchen Vorteil hat das?

Ein Cluster von – nehmen wir einmal an – zwei oder zweihundert oder zweihunderttausend Häusern könnte, um genügend Strom zu produzieren, dort Photovoltaikanlagen errichten, wo es wirklich Sinn macht. Zum Beispiel auf Dächern mit guter Süd- und Westorientierung oder auch auf Dächern von Supermärkten, Fabrikanlagen oder Tankstellen.

Ähnliches gilt für die Batterien. Wenn man diese Häuser nun so miteinander vernetzt, dass sie ihre Stromproduktion, ihren Stromverbrauch und ihre Stromspeicherkapazitäten untereinander ausbalancieren, dann sind wir in der Lage, eine elektrische, emissionsfreie Stadt zu erreichen. Dafür müssen in den beteiligten Häusern keine Leitungen verlegt werden. Das geht alles per Funk.

Sie setzen dabei hauptsächlich auf die Sonne als Energiequelle. Was ist mit Windkraft?

Man kann Windkraft sicher bis zu einem bestimmten Prozentsatz integrieren. Die Ausbaumöglichkeiten sind aber begrenzt, insbesondere im urbanen Raum. Damit entsteht das Problem des Energietransports über große Entfernungen. Bei meinem Konzept geht es hauptsächlich um lokal und regional platzierte Photovoltaik und Solarthermie. Das geht natürlich nicht mit kleinen Anlagen, die verschämt auf wenige Quadratmeter Ziegeldach verteilt werden. Stattdessen müssen wir die Photovoltaikelemente städtebaulich und architektonisch integrieren. Wir müssen sie großflächig und auch farblich passend in Fassaden und Dächer einbauen. Das geht alles. Allerdings müssten dafür manche Bausatzungen geändert werden.

„Wenn wir so weitermachen, brauchen wir noch 120 Jahre“Ein Auftrag an die Politik.

Ja. Das gilt noch mehr für die Vernetzung. Denn die Übertragung elektrischer Energie von einem Haus zum anderen ist bislang nur erlaubt, wenn beide Häuser auf einem Grundstück stehen. Sonst muss der Netzbetreiber eingeschaltet werden. Und unsere großen Energiekonzerne haben natürlich kein Interesse daran, an ihren Geschäftsmodellen etwas zu ändern. Dabei könnten die Netzbetreiber mit diesem neuen Modell mindestens genauso viel Geld verdienen wie bisher. Langfristig haben sie ohnehin keine andere Möglichkeit, denn: Wenn sie so weitermachen wie bisher, werden sie untergehen.

Wenn alles offenbar so einfach ist, wieso wurde es dann noch nicht umgesetzt?

Die Möglichkeit einer so weitreichenden Vernetzung von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern gibt es erst seit kurzem. Meines Erachtens ist das eine revolutionäre Lösung, die zudem noch extrem preiswert ist. So eine Vernetzung in Kombination mit einem intelligenten Energiemanagement für einzelne Wohneinheiten oder Gebäude kostet gerade einmal zehn Euro pro Quadratmeter. Dagegen gehen die Kosten für eine herkömmliche energetische Sanierung in die Hunderte - pro Quadratmeter, wohlgemerkt. Das kann langfristig keiner finanzieren. Und es dauert viel zu lang. Wenn wir mit der energetischen Sanierung so weitermachen wie bisher, dann brauchen wir hierfür noch ungefähr 120 Jahre. Wir müssen also auf Systeme setzen, die preiswert und schnell zu installieren sind.

Ganz preiswert kann es wohl nicht sein, die Energieversorgung einer ganzen Stadt zu verändern. Und bei einer Stadt soll es ja nicht bleiben.

Die Investitionskosten sind vergleichsweise gering. Die Vernetzung aller Gebäude der Bundesrepublik Deutschland kostet etwa 30 bis 40 Milliarden Euro. Zusätzlich müsste man die Gas- und Erdölheizungen auf elektrisch basierte Heizsysteme umstellen, auch da kommt man mit ein paar Hundert Milliarden schon ziemlich weit. Zum Vergleich: Die energetische Sanierung des deutschen Wohnungsbestandes wird 2.000 bis 2.800 Milliarden Euro kosten. Das kann sich nicht einmal Deutschland leisten, von anderen Ländern ganz zu schweigen. Warum die Politik an diesem Weg trotz besseren Wissens festhält, ist mir unerklärlich.

„Technisch ist alles umsetzbar, man muss es nur wollen“Bei Ihrer Idee der emissionsfreien Stadt sind die Autos inbegriffen. Wie wollen Sie denn auch noch die Autos auf emissionsfrei schalten?

Elektrofahrzeuge eine ideale Speichermöglichkeit. In New York sind 50 bis 80 Prozent aller Fahrzeuge, die Pakete ausliefern, elektrisch. In Mailand müssen Autofahrer hohe Gebühren zahlen, wenn sie in die Innenstadt fahren wollen. Davon profitieren dort die Taxis, die zur Hälfte aus Elektroautos bestehen. Oder nehmen wir das berühmte Google-Auto, das fahrerlos ein Paket ausliefert und dann wieder verschwindet: Wenn wir solche fahrerlosen, solarbetriebenen Autos zusammenbringen mit Carsharing-Konzepten, dann haben wir einen komplett anderen Autoverkehr in der Stadt. Solch ein emissionsfreier Autoverkehr ergänzt meine Idee der emissionsfreien Gebäude. Technisch ist das alles umsetzbar. Man muss es nur wollen.

Also glauben Sie tatsächlich daran, dass wir Ihrer Idee in fünf Jahren näher gekommen sind?

Ich bin ganz sicher. Das Ganze ist nur eine Frage des gesamtgesellschaftlichen Willens. Und die Politik müsste sich an dessen Spitze stellen und als erstes die Emission von gasförmigem Abfall verbieten und konsequent bestrafen. Sie müsste einfach sagen: Innerhalb der nächsten fünf Jahre müssen die Emissionen im Wohnungsbau auf null gesenkt werden. Diese Vorgabe kann man einhalten. Ohne Probleme. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Einführung der Katalysatorpflicht: Damals wurde von vielen Beteiligten behauptet, dass sie zum Untergang der deutschen Automobilindustrie führen würde. Letztlich aber war alles kein großes Problem.

Herr Sobek, vielen Dank für das Gespräch.

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