Inventur im Eis: Forscher kartieren erstmals ALLE Gletscher der Welt

Inventur im Eis: Forscher kartieren erstmals ALLE Gletscher der Welt

von Birk Grüling

Forscher haben die erste Gletscher-Datenbank geschaffen. Sie soll bei der Erforschung des Klimawandels helfen.

Für Klimaforscher ist das neugeschaffene Randolph Gletscher Inventar (RGI) ein Segen. Mit Hilfe von Satellitendaten hat ein internationales Team von 70 Wissenschaftlern aus 18 Ländern erstmals die Ausmaße aller weltweit rund 200.000 Gletscher genau dokumentieren.

„Endlich wissen wir, wie viele Gletscher es auf der Erde gibt, wo sie sich befinden, wie groß sie sind und wie viel Eis in ihnen gespeichert ist“, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Journal of Glaciology“ (hier als PDF). Insgesamt bedecken die Eisberge - Grönland und die Antarktis ausgenommen - eine Fläche von 730.000 Quadratkilometer. Das ist in etwa so groß wie Deutschland, Polen und die Schweiz zusammen.

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 Neue Aussagen zum Anstieg des MeeresspiegelsDie Datenbank soll nun helfen, die Folgen des Klimawandels auf die Gletscher besser zu verstehen. „Dieser Zugewinn an Daten bedeutet vor allem, dass die Wissenschaftler jetzt Berechnungen machen können, die zuvor schlichtweg unmöglich waren“, sagt Graham Cogley von der kanadischen Trent Universität. Möglich seien beispielsweise bessere Aussagen zum Einfluss der Gletscher auf den globalen Meeresspiegel und regionale Wasserhaushalte.

Das Abschmelzen der Gletscher trägt derzeit etwa ein Drittel zum beobachteten Anstieg des Meeresspiegels bei, genauso viel wie die beiden Eisschilde von Grönland und der Antarktis. Das letzte Drittel stammt von der thermischen Ausdehnung des Meerwassers im Zuge der Erderwärmung.

Würden alle Gletscher der Erde komplett abschmelzen, dann stiege der Meeresspiegel um etwa 35 bis 47 Zentimeter. Dieser Wert liegt deutlich unter den bisher geschätzten 60 Zentimetern.

Keine Entwarnung in Sachen GletscherschmelzeAls Entwarnung sehen die Forscher die neuen Zahlen allerdings nicht. Die Gletscher sind einem globalen Temperaturanstieg stärker ausgesetzt als die Eisschilde von Grönland und der Antarktis. Grund dafür: Ihr Eis befindet bereits am Schmelzpunkt, während sich die Eisschilde sich erst langsam erwärmen.

„Das rasche Schwinden der Gletscher während der letzten 20 Jahre kann auch in den Alpen eindrucksvoll beobachtet werden“, sagt Frank Paul von der Universität Zürich.

Am deutlichsten wird dieser Trend an einem der größten Gletscher Österreichs: In den 15 Jahren von 1998 bis 2012 verlor die Pasterze am Großglockner im Mittel 1,4 Meter an Eisdicke. Im untersten Bereich der Gletscherzunge beträgt der Verlust an Eisdicke sogar bis zu acht Meter pro Jahr. Im Zeitraum 1969 bis 1998 war der Verlust mit im Mittel 0,65 Meter pro Jahr nicht einmal halb so groß.

„Hier wie in vielen anderen Teilen der Welt wirkt sich der Gletscherschwund auch auf die Wasserverfügbarkeit, Naturgefahren und die Lebensbedingungen der Menschen aus“, erklärt Tobias Bolch, der ebenfalls an der Uni Zürich forscht. Die genaue Kenntnis dieser Wasserreserven und ihrer zukünftigen Entwicklung sei deshalb für die lokalen Behörden und die rechtzeitige Ausarbeitung von Anpassungsmaßnahmen von besonderer Bedeutung, erklären die Forscher.

Einzig ein paar Ungenauigkeiten bleiben bei den Prognosen trotz der modernen Satellitentechnik. Beispielsweise lassen sich aus dem All zwar die Veränderungen der Gletschergrößen relativ genau erfassen und auf die Gesamtfläche hochrechnen. Aussagen über die eigentliche Eisdicke sind aber nur durch punktuelle Bohrungen möglich.

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