IPCC-Sonderbericht: Klimaforscher wollen den Weg zum 1,5-Grad-Ziel pflastern

IPCC-Sonderbericht: Klimaforscher wollen den Weg zum 1,5-Grad-Ziel pflastern

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Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, ist der Kohleausstieg einer der größeren Hebel, sagen die Forscher.

Ab Montag treffen sich Klimaforscher, um die Ziele der UN-Klimakonferenz zu durchleuchten. Die deutschen Wissenschaftler Sabine Fuss und Jan Minx erklären in WiWo Green, was sie dort erreichen wollen.

Seit Beginn der internationalen Klimaverhandlungen fassen Hunderte von Wissenschaftlern im Weltklimarat IPCC ehrenamtlich den wissenschaftlichen Sachstand in der Klimaforschung zusammen. Nur basierend auf einer solchen soliden wissenschaftlichen Grundlage war es möglich, das neue internationale Klimaabkommen von Paris zu verabschieden.

Schon gibt es neue, wichtige Wissenslücken für die internationalen Klimaverhandlungen zu füllen: Mitte August treffen sich über 60 Klimaexperten, um einen wissenschaftlichen Sonderbericht des Weltklimarats zum 1,5°C Ziel zu planen. Er soll Ende 2018 verabschiedet werden. Das Abkommen von Paris (WiWo Green berichtete) überraschte viele Wissenschaftler mit der Ambition den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 1,5°C zu beschränken.

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Anderthalb Grad auf dem wissenschaftlichen Prüfstand

Schon die Erreichbarkeit des 2°C-Ziels war im Vorlauf der Klimaverhandlungen von vielen angezweifelt worden. Weil bisher keine belastbaren wissenschaftlichen Ergebnisse vorlagen, wurde das 1,5°C-Ziel basierend auf dem Vorsorgeprinzip in das Paris Abkommen aufgenommen, um schwerwiegenden Klimarisiken vorzubeugen. Nun kommt es also auf den wissenschaftlichen Prüfstand.

Es gibt viel Klärungsbedarf im Bereich der Klimafolgen: Inwiefern kann eine stärkere Begrenzung der globalen Mitteltemperatur die Klimarisiken weiter reduzieren? Die zentrale Frage des Sonderberichts wird aber sein, ob und unter welchen Umständen globaler Klimaschutz den Temperaturanstieg tatsächlich auf 1,5°C begrenzen kann.

Das scheint momentan schwer vorstellbar: Die neusten wissenschaftlichen Studien weisen ein verbleibendes CO2-Budget in der Atmosphäre aus, das bereits so gut wie aufgebraucht ist. Schon in wenigen Jahren müsste jede Tonne CO2, die aus Schornsteinen, Auspuffen oder entwaldeten Landflächen in der Atmosphäre abgelagert wird, dieser später wieder entzogen werden.

Ohne negative Emissionen geht es wohl nicht

Bei der Begrenzung des Klimawandels auf 1,5°C benötigen wir also negative Emissionen – Optionen, die der Atmosphäre CO2 entziehen und aus dem Kreislauf entfernen. Und zwar viel davon. Dies kann zum Beispiel durch Aufforstung geschehen, aber auch durch CO2-arme Bioenergie, die gekoppelt mit Kohlenstoffabscheidung und –speicherung (BECCS) ebenfalls eine kohlenstoffnegative Bilanz erzielen kann.

Kohlendioxid-Speicherung Island testet Versteinerung von CO2

Mit einem speziellen Vorgang lässt sich Kohlendioxid fast vollständig mineralisieren. Grundvoraussetzungen für den Prozess sind aber eine basalthaltige Region und viel Wasser.

In Island wird seit 2012 Kohlendioxid in Basaltgestein im Boden gepresst. (Foto: OR)

Bei 1,5°C wird der Beitrag negativer Emissionen höher sein als bei 2°C. Jedoch wird Klimaschutz, der stark auf negative Emissionen setzt, von vielen als nicht nachhaltig empfunden - zum Beispiel aufgrund der großen Landflächen, die für manche der Optionen wie etwa BECCS benötigt würden. Solch negative Seiteneffekte müssen unter die Lupe genommen werden.

Negative Emissionen sind nicht beliebt, aber die Notwendigkeit steigt mit steigenden Ambitionen und längerer Zeit des Nicht-Handelns. Der Sonderbericht muss auch neuen Erkenntnissen in diesem Bereich Rechnung tragen. Negative Emissionen können auf sehr unterschiedlichen Wegen erreicht werden und müssen als Optionen und im Portfolio mit all ihren Risiken und Chancen besser verstanden werden.

Kurzfristige Maßnahmen von großer Bedeutung

Was wünschen wir uns für den Sonderbericht? Die größte Gefahr besteht darin, dass in der wissenschaftlichen Synthese die kurzfristigen Handlungsoptionen vernachlässigt werden. Die Etablierung des 1,5°C-Ziels hat die Diskussion wieder darauf gelenkt, was langfristig wünschenswert wäre. Es ist jedoch vielmehr erforderlich, herauszufinden welche konkreten Klimapolitikmaßnahmen kurzfristig sinnvoll und möglich sind, um die globalen Treibhausgasemissionen schnellstmöglich zu senken.

Interview „Es ist unsere Pflicht, den Klimawandel zu begrenzen“

Im Interview mit Wiwo Green spricht Professorin Dr. Daniela Jacob, Leiterin des Climate Service Center Germany, über die Auswirkungen des Klimawandels und welchen Einfluss Unternehmen und Industrie darauf nehmen können.

Die studierte Meteorologin forscht seit 2010 im Climate Service Center und übernahm im vergangenen Jahr dessen Leitung. (© Christian Schmid/HZG)

Als große offene Frage steht die Kohlenutzung im Raum: Wie kann die Kohlerenaissance beendet und der globale Kohleausstieg eingeleitet werden? Welche Politikinstrumente waren historisch erfolgreich? Welche Verteilungskonflikte stehen dem entgegen? Auf diese Fragen muss die Wissenschaft Antworten finden. Sonst steigen die globalen Treibhausgasemissionen weiter und wir verspielen nicht nur die Chance das 1,5°C-Ziel, sondern auch das 2°C-Ziel zu erreichen.

Dr. Sabine Fuss ist Leiterin der Arbeitsgruppe Ressourcen und Internationaler Handel am MCC Berlin. Sie nimmt als eine von sechs deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Expertenmeeting zum 1.5°C Sonderbericht teil. Sie ist auch Koordinatorin für negative Emissionen im Global Carbon Project.

Prof. Jan Minx hält den Lehrstuhl Science-Policy and Sustainable Development an der Hertie School of Governance und leitet die Forschungsgruppe "Angewandte Nachhaltigkeitsforschung" am MCC Berlin.

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