Käfer gegen Obstmaden: Biologischer Pflanzenschutz auf dem Vormarsch

Käfer gegen Obstmaden: Biologischer Pflanzenschutz auf dem Vormarsch

von Julia Schulte

Immer mehr Bauern gehen mit Insekten oder Bakterien gegen Schädlinge vor. Allerdings ist auch das nicht ohne Tücken.

Der Apfelwickler hat es in Deutschland nicht leicht. Denn den grau-braunen Schmetterling, dessen Larven sich am liebstem vom Kerngehäuse saftiger Äpfel ernähren, bekämpfen Landwirte mit allen Mitteln. Längst sind dazu nicht mehr bloß chemische Insektizide im Einsatz.

Auch der biologische Pflanzenschutz hat in seinem Arsenal einiges zu bieten: Auf den Schädling, wenig schmeichelhaft auch als Obstmade bezeichnet, werden zum Beispiel Schlupfwespen angesetzt, die ihm den Garaus machen sollen. Pheromonwolken verwirren die Apfelwickler-Männchen so sehr, dass sie nicht mehr im Stande sind, die Weibchen zur Paarung zu finden. Und zwischen 2002 und 2010 stieg die Anbaufläche auf der zusätzlich Viren zum Einsatz kommen, die zu tödlichen Infektionen bei den Larven führen, um 20 Prozent.

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Die Zahl der eingesetzten Viren stagniert zwar seitdem, weil neue chemische Wirkstoffe auf dem Markt sind. Biologischer Pflanzenschutz wird aber immer häufiger in der Landwirtschaft eingesetzt. Nicht nur der ökologische Anbau ist darauf angewiesen. Kombiniert mit chemischen Mitteln setzen auch konventionelle Betriebe die Verfahren inzwischen ein.

Im Juli hat das Julius-Kühn-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, einen Statusbericht zum biologischen Pflanzenschutz vorgelegt – den ersten seit zehn Jahren.

Invasive MarienkäferSo hat etwa der Einsatz von Insekten, die Schädlinge vernichten, sogenannten Nützlingen, deutlich zugelegt. "Heute sind circa 80 Nützlingsarten im Einsatz, vor 19 Jahren waren es noch 70", sagt Johannes Jehle, Experte für biologische Pflanzenschutzmittel und Co-Autor des Berichts. Dass der Einsatz nicht immer ganz unproblematisch ist, hat die Invasion durch Asiatische Marienkäfer in den vergangenen Jahren gezeigt, die die heimischen zu verdrängen drohen.

Die Käfer waren ursprünglich in Gewächshäusern ausgesetzt worden, weil sie besonders eifrige Blattlausfresser sind. Leider büchsten sie aus und seit sie auch in der freien Natur ausschwärmen, ist ihre Population stark gewachsen.

Jehle sieht darin aber eher die Ausnahme als die Regel. "Viele Nützlingsarten kommen aus subtropischen oder tropischen Gebieten. Sie können in den gemäßigten Breiten nicht überwintern.", sagt der Biologe. Die meisten halten dem Frost außerhalb der Gewächshäuser nicht stand.

Selbst wenn sie also entkommen - eine Plage ist eher unwahrscheinlich. Die Einführung eines Genehmigungsverfahrens für gebietsfremde Nützlinge hält Jehle dennoch für sinnvoll. "Das wird bereits in mehreren Staaten der EU praktiziert.", sagt er.

Viren, Bakterien und Pilze im EinsatzDie EU, Bund und Länder fördern den Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel. 191 Euro pro Hektar gab es etwa 2012 im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes für die Verwendung von Viren gegen Apfelwickler.

Die Förderung ist ein wichtiger Baustein für den Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel. Denn der erfordert einen erhöhten Beratungsaufwandb bei den Landwirten. Nützlinge wirken zudem nur sehr selektiv. Für jeden neuen Schädling muss erst der passende Feind gefunden werden. Der Forschungsaufwand ist hoch.

Das breit gefächerte Angebot bedarf zudem stetiger Weiterentwicklung. Neben Viren kommen inzwischen auch Bakterien und Pilze zur Vernichtung von Schädlingen zum Einsatz. Einige Apfelwickler weisen allerdings mittlerweile Resistenzen gegen die eingesetzten Granuloviren auf. Verbesserte Isolate konnten zwar Abhilfe schaffen, wichtig ist aber auch, nicht nur auf ein Präparat zurückzugreifen.

"Beim Resistenzmanagement vermeidet man die Entstehung von Resistenzen durch Anwendung verschiedener Wirkstoffe einschließlich biologischer Verfahren.", sagt Jehle.

Schnell und rückstandsfrei abbaubarÖko-Bauern schöpfen diese Vielfalt aus dem Arsenal, dass der biologische Pflanzenschutz bereitstellt. Das hilft auch anderen Arten, wie Vögeln, die durch bestimmte künstliche Pestizide ebenfalls gefährdet sind (WiWo Green berichtete). Naturstoffe, wie etwa für Schädlinge giftige Pflanzenextrakte, können zwar auch für andere als die anvisierten Tiere ungesund sein. "Die aktiven Inhaltsstoffe werden aber binnen sehr kurzer Zeit durch UV-Licht abgebaut und somit ist die Nebenwirkung zeitlich stark begrenzt.", erklärt Jehle.

Manchmal helfen allerdings sogar Stoffe, die sich Konsumenten auch über den Salat kippen würde: In Niedersachsen wurde 2010 auf 8,3 Prozent der Gemüseanbauflächen Rapsöl eingesetzt. Das verschmiert Blattläusen die Atemwege. Die meisten anderen Insekten bleiben unbehelligt.

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Über neueste Forschungsergebnisse zum biologischen Pflanzenschutz tauschen sich die Forscher vom Julius-Kühn-Institut vom 3.-7. August mit Kollegen aus 47 Ländern in Mainz auf der Tagung der Society for Invertebrate Pathology aus. Die Konferenz findet zum ersten Mal seit 22 Jahren in Deutschland statt.

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