Kampf gegen die Erderwärmung: Letzte Ausfahrt Lima

Kampf gegen die Erderwärmung: Letzte Ausfahrt Lima

von Benjamin Reuter

Zum 20. Mal trifft sich die Weltgemeinschaft zu einem Klimagipfel. Will sie die Erderwärmung stoppen, muss sie: handeln.

Der Klimagipfel der Vereinten Nationen, der heute in der peruanischen Hauptstadt Lima beginnt, hat im Vorfeld für auffallend wenig Aufsehen gesorgt. Wieder so ein Klimatreffen bei dem nichts herauskommt und zu dem tausende Vertreter von Regierungen und NGOs per Flugzeug anreisen, mögen sich viele Beobachter denken.

Und tatsächlich ist die Agenda der Klimakonferenz, der zwanzigsten seit dem ersten Treffen in Berlin im Jahr 1995, auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär und bürokratisch. Alle Augen richten sich jetzt schon auf den Klimagipfel aller Klimagipfel im Dezember 2015 in Paris. Dort soll dann endgültig die Welt vor einem verheerenden Klimawandel gerettet werden. Lima scheint dagegen wie Vorgeplänkel. Das ist es auch – aber ein ziemlich wichtiges.

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Letzte Runde im Kampf gegen ErderwärmungWir haben mit Vertretern deutscher Umwelschutzorganisationen gesprochen, die mitunter auch in den nächsten Tagen in Peru vor Ort sein werden, was sie sich von den Treffen erwarten und warum es essentiell für einen erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel ist.

Eine der zentralen Aufgaben der Delegierten vor Ort wird sein, eine Art Vorvertrag für das Treffen in Paris auszuhandeln. "Die Erfahrungen auf den vergangenen Klimagipfeln hat gezeigt, dass die Verhandler nicht bis zur letzten Nacht warten können, um sich auf Ziele zu einigen", sagt Lutz Weischer, Klimaexperte bei der NGO Germanwatch in Bonn. Meist sind die Verträge juristisch so komplex und auch umfangreich, dass die Delegierten mit der Masse auf einem einzigen Klimagipfel schlicht überfordert sind.

Für Weischer kann die Bedeutung des Treffens deshalb nicht überschätzt werden: "Der Erfolg der internationalen Klimaschutzpolitik steht und fällt mit dem Treffen in Lima." Der schlechteste Ausgang wäre für ihn deshalb auch, dass die Delegierten Entscheidungen vertagen und auf Paris verschieben. Das Scheitern dort wäre vorprogrammiert.

Auch Katja Eisenbrenner, Expertin für Klimapolitik bei Beratungsinstitut Ecofys ist sicher: "In Lima wird die Stimmung für Paris gesetzt und somit werden dort auch die Weichen dafür gestellt, dass der Klimagipfel im kommenden Jahr ein Erfolg wird."

100 Milliarden Dollar für EntwicklungsländerWeischer ist aber optimistisch: "Die Stimmung ist sehr viel besser als zum Beispiel vor dem Gipfel in Kopenhagen", sagt er. "Die USA und China haben sich für ihre Verhältnisse ambitionierte Klimaziele gegeben. Der positive UN-Gipfel diesen Herbst in New York zum Thema Klimaschutz und die Fortschritte beim Green Climate Fund kommen noch hinzu."

Dieser Klimafonds soll Entwicklungsländern helfen, sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen und selbst Klimaschutzmaßnahmen durchzuführen. Kürzlich sagten bei einer Konferenz in Berlin Geberstaaten schon einmal rund zehn Milliarden Dollar für die kommenden drei Jahre für den Fonds zu, darunter auch Deutschland.

"Das ist ein guter Anfang", sagt auch Regine Günther, Leiterin Klima und Energiepolitik des WWF Deutschland. Dennoch müssen in Lima weitere Zussagen kommen. 100 Milliarden Dollar sollen für Entwicklungsländer ab 2020 jährlich zur Verfügung stehen, einen Teil soll der Fonds tragen, den vorerst die Weltbank verwaltet.

Neben einem soliden Vorvertrag, der die Grundlage für das Treffen in Paris schafft und den Gesprächen über den Klimafonds stehen aber noch zwei weitere essentielle Bausteine für eine erfolgreiche Klimapolitik in Lima auf der Agenda. Einmal geht es dabei um die Klimaziele, denen sich die einzelnen Länder verschreiben.

Versuchten frühere Klimagipfel noch einzelne CO2-Budgets auf die Staaten zu verteilen (was scheiterte), sollen die Staaten nun selbst Vorschläge unterbreiten, wie sie im eigenen Land zum Klimaschutz beitragen wollen – und zwar schon im Frühjahr.

Klimaziele sind kein Selbstzweck"Wichtig bei den Angeboten zur Bekämpfung des Klimawandels wird aber sein, dass sie überprüft werden und dass die Staaten gegebenenfalls nocheinmal nachlegen können", Wolfgang Obergassel, Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Neben Emissionszielen seien auch konkrete Maßnahmen bei den erneuerbaren Energieträgern, der Energieeffizienz und anderen Bereichen nötig.

Vor allem müssten die Ziele der einzelnen Staaten daran gemessen werden, ob sie "fair" sind, sagt Obergassel. Sie müssten also auch die jeweilige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die in der Vergangenheit ausgestoßene Menge an Treibhausgasen berücksichtigen. Ob die von den Staaten vorgelegten Ziele also nocheinmal verhandelbar sind, müssen die Regierungen jetzt in Lima festlegen.

Tun sie es nicht, könnten Staaten ihre Informationen zu Reduktionszielen einreichen, ohne dass diese vor dem Treffen in Paris weiter diskutiert würden. In Paris könnte diese Diskussion dann wertvolle Zeit rauben. Denn eines ist klar: Klimaziele sind schön und gut – sind sie zu unambitioniert, ist niemandem geholfen.

Als dritter Punkt auf der Tagesordnung in Lima stehen aber nicht nur die Ziele für die Zeit nach 2020, die das Treffen in Paris dann endgültig festzurren soll. Auch wie viel Minderung des Treibhausgas-Ausstoßes bis 2020 noch möglich ist, wird diskutiert werden. Je mehr die Weltgemeinschaft hier schafft, umso leichter und günstiger wird der Klimaschutz nach 2020. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass hier noch eine erhebliche Klimaschutzlücke offen steht, um auf einen Zwei-Grad-Pfad zu kommen", sagt Lutz Weischer von Germanwatch.

 Ambitionierte Ziele dank Energieeffizienz

Was bis 2020 noch getan werden könnte, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, hat die Internationale Energieagentur (IEA) ausgerechnet (siehe Grafik links). Sie setzt vor allem auf Energieeffizienz und saubere Energieträger. Gerade in Europa wäre mehr drinnen. Ihr Ziel, bis 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen um 20 Prozent gegenüber 1990 zu senken, hat die EU heute schon erreicht. Eine ambitionierte Marke wäre also problemlos möglich.

Allerdings reichen nicht nur die aktuellen Klimaschutziele der EU nicht aus. Auch China und die USA hinken dem Notwendigen hinterher, kritisiert Weischer. "Damit steuern wir zwar nicht mehr auf eine Erderwärmung von vier Grad zu, aber drei Grad sind wahrscheinlich." Vor allem die Entwicklungsländer, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, würden in einer drei Grad wärmeren Welt leiden. Sei es durch Dürren, Hitzwellen, Überflutunge, steigende Meeresspiegel.

Ein letzter Punkt wird sich in Lima auch noch zeigen: Europa hat seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz verloren, sagt Wolfgang Obergassel. Bei dem Ziel, bis 2030 eine CO2-Reduktion von 40 Prozent gegenüber 1990 zu erreichen, sei die EU  hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Aus wissenschaftlicher Sicht sei eine Reduktion um mindestens 55 Prozent möglich und nötig gewesen. "Dass Europa hier seinem eigenen Anspruch als Klimaschutzvorreiter nicht gerecht wird, sehen die anderen Staaten auch." Hoffentlich ist das kein schlechts Omen für Paris.

 

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