Kino: Was der neue Hobbit über den Klimawandel sagt

Kino: Was der neue Hobbit über den Klimawandel sagt

von Benjamin Reuter

Wir alle sind Zwerge! Peter Jacksons "Der Hobbit" ist nicht nur ein Blockbuster-Spektakel. Er behandelt auch eines der größten Probleme unserer Zeit.

Für alle Tierschützer und BUND-Mitglieder muss es die herzergreifendste Szene des Films „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ sein: Radagast – ein Zauberer und Wurzelmensch mit einer Leidenschaft für psychedelische Pilze – versucht in seiner Baumhöhle, einem schwerkranken Igel das Leben zu retten. Das stachelige Tierchen hat etwas Übles im Wald genascht.

Da liegt er nun, der Igel, auf dem Tisch des Zauberers, krümmt sich, röchelt und leidet unter schweren Magenkrämpfen. Nach einigem Abrakadabra und kurz bevor das Tier wirklich verendet, kann Radagast ihm aber im letzten Augenblick das Leben retten. Für Tierliebhaber ist die Szene durchaus dramatisch.

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Dabei ist der Igel nur eine Kreatur, der es in diesem Augenblick schlecht geht. Denn im Zauberwald scheint einiges nicht zu stimmen. Pilze sind auf einmal giftig, Bäume morsch, die Vegetation insgesamt schwächelt. Und dann tauchen auch noch scheinbar mutierte und aggressive Riesenspinnen am Haus des Zauberers auf.

Der Befund des drogenafinen Magiers ist deutlich: „Der Wald ist krank“. Verantwortlich dafür sei eine „dunkle Macht“. Natürlich ist diese Macht in Peter Jacksons neuem Blockbuster ein ganz konkreter Bösewicht, der nach der Herrschaft über Mittelerde schielt.

Zwerge werden zu KlimaflüchtlingenMan kann das Böse und die verschiedenen Bedrohungen im neuen Hobbit aber auch als eine Metapher des Regisseurs für eine abstraktere Gefahr sehen: Nämlich den zunehmenden Raubbau an der Natur und deren Zerstörung. Der Autor Dietmar Dath hat nicht von ungefähr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Zwerge im Hobbit-Film mit künftigen Klimaflüchtlingen verglichen.

Insofern ist der neue Jackson-Streifen nicht nur eine unterhaltsame und sündteure Megaproduktion, sondern er spart auch an erhobenen Zeigefingern nicht.

Schon bei den Filmen der Herr-der-Ringe-Trilogie lag der Reiz für den Zuschauer in einer Belebung der Natur. Da gab es die Baumriesen, die für das Gute kämpften; Vögel, die den Zwergen aus der Not halfen und beeindruckende Kamerafahrten über gigantische Berggipfel oder Urwälder. „Staunt und seht her, wie fantastisch die Natur ist!“, scheint Regisseur Jackson seinen Zuschauern sagen zu wollen. Diese Natur ist im Hobbit nun bedroht.

Auch davon, wie Mensch und Natur eigentlich zusammen leben sollten, hat Jackson eine sehr genaue Vorstellung. Die zeigt er in Hobbingen, dem Dorf der Hobbits und Wohnort der Hauptperson Bilbo Beutlin. Es ist ein glücklicher Urzustand – eine Art Vorzivilisation – in dem die Minimenschen dort leben.

Ihre Häuser sind in die Hügel eingelassen und verschmelzen so mit ihrer Umwelt - Vorbild scheinen hier ganz reale Bauten grüner Architekten zu sein. Überall blüht, grünt, zwitschert und summt es. Einklang von Natur und Zwerg allerorten. Pures Paradies!

Der Alltag und die Welt der Kinogänger hat mit diesem Idealbild nicht das Geringste zu tun. Das zeigte sich erst kürzlich auf der Klimakonferenz in Doha wieder: Falls die Wissenschaft nicht irrt, schlittert die Welt offenen Auges in die Klimakatastrophe und niemand unternimmt etwas. „Der Wald ist krank“, das gilt nicht nur für Mittelerde, sondern auch für die ganz reale Erde anno 2012.

Den Grund allen Übels benennt Jackson gleich zu Anfang seines Films. In den ersten Sequenzen taucht der Zwergenkönig Thror auf – eine Art Schrumpfversion von Onkel Dagobert. Er hortet in seinem riesigen Palast unendliche Goldschätze. Auf die hat es auch ein vom glänzenden Edelmetall begeisterter Drache abgesehen. Der kommt nun, brennt ganze Dörfer nieder und erobert den Palast. Das Volk der Zwergen muss ins Exil – die Karawane der Klimaflüchtlinge beginnt. Das Böse hält Einzug in die Welt und damit auch die Zerstörung der Natur.

Das Streben nach Reichtum ist bei Peter Jackson also eine Art Ursünde, der die Zerstörung der Natur notwendig folgen muss. Deutlicher – und auch simplistischer – lässt sich Kapitalismuskritik nicht darstellen. Zuviel Komplexität hätte an dieser Stelle wohl nur gestört. Es ist ein zutiefst romantisches Naturverständnis mit Kitschgefahr, das Jackson zu treiben scheint. Aber vielleicht will er ja den Zuschauer einfach nur gut unterhalten? Niedliche und kränkelnde Igel kommen da immer gut an.

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