Kleine Preise, großer Schaden: Warum wir Billigware doppelt und dreifach bezahlen

Kleine Preise, großer Schaden: Warum wir Billigware doppelt und dreifach bezahlen

von Jonas Gerding

Internetdienste, Jeans oder Fleisch sind viel teurer als wir glauben. Umweltschäden sind nicht eingepreist, meint ein Soziologe.

In einer seiner Vorlesungen wurde Professor Michael Carolan klar, dass selbst die engagiertesten und umweltbewusstesten seiner Studenten einem fundamentalen Irrtum aufsitzen können.

Einer von ihnen meldete sich zu Wort und erzählte stolz, wie er sein Leben umgekrempelt habe. Smartphone und Tablet versorge er mit Batterien, die er nur mit Solarstrom auflade. Selbst Internet-Serien würde er so abends streamen.

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Er konsumiere, so seine Formulierung, "digitally off the grid", also unabhängig vom Energienetz und dabei völlig CO2-neutral.

Das klingt beeindruckend, ist es aber nur zur Hälfte. Denn der Student blendet völlig aus, dass Soziale Netzwerke, Email-Anbieter und Suchmaschinen wahre Stromschlucker sind.

Die Firmen dahinter betreiben riesige, energieintensive Rechenzentren, die den Strom nutzen, der eben zur Verfügung steht. Nicht nur in den USA, wo der Soziologe Carolan lehrt, stammt dieser oft aus der klimaschädlichen Kohlekraft - selbst wenn einige IT-Firmen verstärkt auf Grünstrom setzen (wir berichteten).

Die Mär vom Gratis-Internet

CO2-Neutralität? Kostenloses oder billiges Internet? Von wegen, urteilt der Professor der Colorado State University. "Cheaponomics: The High Cost of Low Prices", heißt sein jüngstes Buch.

Es ist eine Antwort auf einen verbreiteten Trugschluss: “Ich mag vielleicht etwas gekauft, aber nicht dafür bezahlt haben”, formulierte er in dem Buch, das im Verlag Routledge erschienen ist.

"Ich mag vielleicht etwas gekauft, aber nicht dafür bezahlt haben", sagt Carolan (Copyright: Colorado State University)[/caption]

"Cheaponomics", das steht aus Sicht von Carolan für einen Billigkapitalismus, der überwunden werden müsse. Das klingt radikal.

Dem Vorwurf, dass er sich sozialistischer Instrumente bediene, kontert er jedoch vorauseilend mit einem Gedankenspiel: Die Exzesse der Wegwerfgesellschaft und der steigende Konsum zu immer niedrigeren Preisen führen doch erst zu einem "Kosten sozialisierendem Sozialismus".

Will heißen: Die eigentlichen Kosten der Billig-Produktion würden "sozialisiert", auf die Gesellschaft verteilt. Nicht der Verursacher müsse sie tragen.

Letztlich, so argumentiert er, seien es doch oft Staaten und damit Steuerzahler, die einspringen müssten, um Umweltschäden und prekäre Lohnverhältnisse teuer zu kompensieren.

Versteckte Kosten? Nein!Wie kann es sein, fragt der Soziologe, dass eine Mikrowelle bei Walmart nur zehn Dollar koste? Darin steckten schließlich Rohstoffe, die abgebaut und verarbeitet werden mussten, bevor das Gerät gefertigt, von China in die USA verschifft, auf LKWs verladen und zum Supermarkt transportiert wurde.

Der Preis an der Ladentheke decke daher nur einen Teil der echten Kosten. Das gelte auch für viele Kleidungsstücke oder Lebensmittel, besonders Fleisch.

"Lasst uns nicht die Armeen der Arbeiter vergessen, die auch bezahlen mit ihrer Gesundheit und dem Wohlbefinden ihrer Familien, damit wir so essen, wie wir es tun", schreibt Carolan.

Mitunter pauschalisiert der Autor, denn vielerorts engagieren sich Unternehmen für Mitarbeiter und Umwelt - auch weil sie so ihren Geschäftserfolg absichern. Dennoch haben solche Vorwürfe auch Substanz.

"Es ist verlockend, von 'versteckten Kosten' zu sprechen. Aber sind sie das?", fragt Carolan. Denn verschmutzte Ozeane, der Klimawandel und Konflikte um Ressourcen seien doch offenkundig.

Ronald Coase beschreibt das Kosten-Dilemma

Der vor eineinhalb Jahren verstorbene Ökonom und Nobelpreisträger Ronald Coase hat dieses Problem genau erkannt.

Auswirkungen wie Umweltschäden, die nicht direkt bei den verursachenden Unternehmen als Kosten zu Buche schlagen, bezeichnen Ökonomen als externe Effekte. Das Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage führt in dem Fall nicht zu einen optimalen Ergebnis für alle, weil die Anbieter einen Großteil der Kosten, die sie verursachen, nicht zahlen.

Ist es möglich, Nutzen und Schäden besser auszugleichen, sie in wirtschaftliche Berechnungen einzubeziehen? Ja, dem Markt müsse da nur etwas auf die Sprünge geholfen werden. Das nach dem Ökonomen benannte “Coase-Theorem” sieht Verträge zwischen den Parteien vor.

Das können Nutzungsreche sein, wie bei dem Handel mit Emissionszertifikaten in der Europäischen Union. Andere Wissenschaftler, wie Arthur Cecil Pigou schlagen vor, dass Unternehmen für die Verschmutzung mit Steuern belasten werden müssen - den Versuch macht die deutsche Ökosteuer.

In aktuellen Debatten stehen sich - wie so oft - zwei Denker unvereinbar gegenüber: Naomi Klein und Jeremy Rifkin.

Das einzige was sie eint, ist die Annahme, dass fundamentale Umwälzungen bevorstehen.

Naomi Klein, die kanadische Ikone der Globalisierungkritiker, hat in ihrem im März erschienen Buch eine finale Entweder-oder-Frage gestellt:

"Die Entscheidung: Kapitalismus vs Klima", heißt es im deutschen Titel. Ihre These: So wie die Marktwirtschaft jetzt organisiert sei, führe sie in eine fürchterliche Klimakatastrophe mit Ungleichheit, Verteilungskämpfen und Hungersnöten.

Staaten müssten daher hart durchgreifen, Öl-Konzerne zerschlagen werden.

Tech-Optimist vs Globalisierungskritikerin

Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Tech-Optimist und Zukunfsforscher, hat im vergangenen Sommer das Eintreten der "Null-Grenzkosten-Gesellschaft" prognostiziert.

Smarte, vernetzte Technologien würden das Energiesystem in Zukunft zunehmend selbst steuern, versorgt durch erneuerbare Ressourcen. Das Internet der Dinge werde in allen Lebensbereichen wirken.

Für die Bereitstellung zusätzlicher Einheiten eines Produktes oder einer Dienstleistung fallen in seiner digitalen Utopie kaum noch Kosten an.

Der Soziologe Carolan bewegt sich zwischen beiden Polen. "Leider motivieren die Anreize einer freien Marktwirtschaft Unternehmen dazu, Kosten zu externalisieren", also nicht einzupreisen, schreibt er.

Wie Klein glaubt er daran, dass Staaten regulierend eingreifen müssen.

Er befürwortet ein progressives Steuersystem. Jeder Haushalt solle über eine festgelegte Menge an Energie oder Wasser steuerfrei verfügen.

Mit steigendem Verbrauch würden dann auch die Steuern steigen. Wohlhabende Haushalte oder große Unternehmen mit energiehungrigen Serverfarmen würden stärker belastet.

Die Share Economy soll's richten

Carolan ist wie Klein ein Kritiker einer auf Wachstum ausgerichteten Wegwerfgesellschaft, schränkt jedoch ein: "Wir sollten grundsätzlich skeptisch gegen Lösungen sein, die gänzlich auf einer Rhetorik des 'weniger' oder 'mehr' beruhen".

Ihm geht es vor allem darum, es 'anders' zu machen.

Und da nähern sich seine Ansichten denen Rifkins: Sie eint der Glaube an die Share Economy, die Ökonomie des Teilens. Daran, dass der Zugang zu Gütern wichtiger sei als Eigentum.

Würden sich etwa mehr Menschen ein Auto teilen, müssten weniger Fahrzeuge produziert werden. Die Kosten für die Umwelt sänken - genau wie die Kosten einzelner Fahrten.

"Grünere Technologie alleine kann uns nicht helfen", schreibt er. Wie auch, wenn ein sparsameres Fahrzeug von nur einer Person genutzt werde, wegen niedrigerer Energiekosten aber öfter fahre.

Fazit:

Den Werkzeugkasten, der externe Effekte wie Umweltschäden für immer aus der Welt räumt, hat auch Carolan nicht parat. Und doch lohnt es sich, über Ideen jenseits radikaler Marktbefürworter und ihrer Gegnern nachzudenken.

Zu einer Diskussion darüber hat Carolan schon deshalb beigetragen, weil er die Illusion entlarvt, die billigen Preisen oft zugrunde liegt.

"Cheaponomics lebt teilweise von einer Hoffnung, dass geringe Einkommen, instabile Arbeitsmärkte und geringer Wohlstand ausgeglichen werden können durch die Produktion immer günstigerer Güter und Dienstleistungen", schreibt er.

"Aber hier liegt das Problem: Das eine hängt mit dem anderen zusammen".

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