Klimademos und besetzte Kohlebagger: "Ziviler Ungehorsam ist unausweichlich"

Klimademos und besetzte Kohlebagger: "Ziviler Ungehorsam ist unausweichlich"

von Nora Marie Zaremba

Ein Interview mit dem Umweltaktivisten Tadzio Müller.

Das Thema Klimawandel in die Medien zu bringen ist seit jeher schwer. Oft heißt es, es sei doch einfach nicht sexy genug. Da braucht es schon ein politisches Ereignis wie die Klimakonferenz in Paris, deren Beschlüsse als bahnbrechend gefeiert wurden.

Nur drei Monate nach dem Gipfel aber ist es wieder ganz ruhig um das Thema geworden. Dabei gibt es auch in Deutschland mehr genug zu tun - und zu berichten.

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Tadzio Müller, Referent für Klima- und Energiepolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung und aktiv beim Anti-Braunkohle-Bündnis "Ende Gelände", spricht im Interview über falsche Klimakommunikation, Wendepunkte des Klimaprotest und "zivilen Ungehorsam" als Aktionsform.

Herr Müller, was ist über viele Jahre falsch daran gelaufen, wie über Klimawandel gesprochen wurde?

Da reicht ein Blick auf das Titelbild des Spiegels im Jahr 1986. Es zeigt einen absaufenden Kölner Dom und die fette Unterschrift: Die Klima-Katastrophe. Ähnliche Katastrophenberichterstattung gab es beim Ozon-Loch oder beim Waldsterben. Auch wurde und wird das Thema gerne über die moralische Schiene gefahren. Bestes Beispiel ist das Bild vom Eisbären auf der schmelzenden Scholle.

Welche Konsequenzen haben solche Bilder für unsere Wahrnehmung des Themas?

Das Bild des absaufenden Doms weckt beim Betrachter ein Gefühl der Entmächtigung. Da kommen Gedanken auf wie: Das ist ein riesiges Problem, was soll ich denn dagegen tun? Eine andere Konsequenz ist, dass die Menschen die Katastrophe und damit auch das Thema auf Jahrzehnte in die Zukunft verschieben. Dabei sind wir Menschen gar nicht darauf eingestellt, auf Probleme zu reagieren, die weit weg erscheinen.

Der Eisbär auf der Scholle wiederum vermag sofort Schuldgefühle wecken, aber das Bild führt doch dazu, dass Menschen die Auswirkungen des Klimawandel auf Tiere und das Ökosystem beschränken. Obendrein wird das Thema örtlich weit weggeschoben, in die Arktis eben oder nach Asien.

Die Menschen scheinen heute aber doch verstärkter wahrzunehmen, dass der Klimawandel vor Landesgrenzen nicht stoppt. Wie kam es dazu?

Ein zentraler Augenblick war wohl Hurrikan Katrina im Jahre 2005. Da wurde schlagartig klar, dass extreme Wetterereignisse keine Phänomene der Zukunft sind, sondern im Hier und Jetzt stattfinden. Deutlich wurde auch, dass Menschen in sehr reichen Regionen ebenso real betroffen sind. Aber natürlich haben unter Hurrikan Katrina vor allem die Menschen gelitten, die ohnehin sozial und wirtschaftlich benachteiligt sind – und manchen wurde 2005 auch das klar.

Gab es weitere Wendepunkte?

Zu oft wurde und wird auch heute noch der Klimawandel als ein "technisches Problem" wahrgenommen. Das suggeriert schnell, man könne ein bisschen am System drehen und schon sei das CO2-Problem gelöst.

Besonders nach der Klimakonferenz in Kopenhagen gab es einen Konsens in der Klimabewegung, dieser technischen Wahrnehmung kommunikativ entgegen wirken zu müssen. Da wurden dann verstärkt andere Themen auf die Agenda gesetzt wie beispielsweise die Energiewende als eine Möglichkeit für mehr Energiedemokratie und auch das Thema Klimagerechtigkeit.

Wie erfolgreich ist Klimakommunikation heute?

Kein politischer Akteur ist bisher in der Lage gewesen, den Menschen die Bedeutung des Klimawandels wirklich klar zu machen und auch ernsthafte eine Debatte darüber zu loszutreten, dass die Lösung keine technische sein kann, sondern dass sich die gesellschaftlichen Grundstrukturen grundlegend ändern müssen. Hören die Menschen das Wort Klimawandel, bleibt oft hängen, dass sie auf etwas in ihrem Leben verzichten müssten. Aber es ist ja viel komplexer als das. Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass wir das Licht früher ausschalten oder beim Fliegen unsere Emissionen absetzen.

Sie engagieren sich bei der Aktion "Ende Gelände“, bei der beispielsweise Bagger in Braunkohletagebauten besetzt werden. Die Aktivisten machen sich mit solchen Handlungen möglicherweise strafbar. Wann wird Ihrer Meinung ziviler Ungehorsam als Mittel legitim?

Ziviler Ungehorsam als Protestform ist vor allem dann zulässig, wenn die klassischen Mittel, die in einer Demokratie vorhanden sind, also Wahlen, Briefeschreiben oder auch Straßendemos, offensichtlich nicht mehr greifen, oder wenn mehrheitlich getroffene Entscheidungen eklatant menschenrechtsverletzend sind. Dass wir weiterhin eklatant fossile Brennstoffe verbrennen, ist so ein Entscheidung.

Ein anderes Beispiel: Vor zwei Jahren sind rund 400.000 Leute in New York gegen den Klimawandel auf die Straße gegangen, das war die bislang größte Klimademonstration. Meinungsäußerungen sind wichtig, aber in diesem Fall helfen sie nicht weiter. Den politischen Entscheidungsträgern bereiten sie keine Probleme. Ein anderer Faktor, der zivilen Ungehorsam als Mittel unausweichlich macht, ist der eskalierende Zeitdruck. Und der liegt hier vor: Trotz Klimaforschung und friedlicher Klimabewegung schreitet der Klimawandel ungehindert fort. Da folgt die Erkenntnis, dass man die Sache nun mit aller Entschlossenheit selbst in die Hand nehmen muss.

Wie kann eine solche Aktion aussehen?

Sie haben die Baggerbesetzungen genannt. Mit rund 1200 Leuten haben wir es an Polizeitruppen vorbei in den Tagebau Garzweiler geschafft und dort die riesigen Kohlebagger lahmgelegt - und das lediglich mit unserer physischen Anwesenheit in der Grube. Ein Bagger wurde sogar besetzt.

Aber im Prinzip waren wir einfach dort und das reichte aus, damit die Bagger für ein paar Stunden still standen. Jedem einzelnen hat das klar gemacht, dass man eben doch etwas machen kann, am besten in einer Gruppe zusammen und durch eine Aktion wie diese. Wir haben uns selbst diese Ermächtigung geschaffen. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Geht es bei solchen Aktionen auch um mehr Aufmerksamkeit?

Das gehört sicherlich dazu. Wir senden damit ein Signal an die Politik, dass es in Deutschland eine aktive und durchaus mächtige Anti-Kohle-Bewegung gibt. Und natürlich haben wir einiges an Medienaufmerksamkeit bekommen. In der Süddeutschen Zeitung beispielsweise war nach der Aktion zu lesen, dass das Rheinland das neue Wendland sei.

Wie viel Spinnerei für Tadzio Müller in dem Protest steckt, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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