Klimaforscher Latif: "Da tickt eine Zeitbombe"

Klimaforscher Latif: "Da tickt eine Zeitbombe"

Heute stellt die UNO den fünften Welt-Klimabericht vor. Meteorologe Mojib Latif warnt im Interview vor einem rapiden Anstieg des Meeresspiegels.

Von Anna Gauto, Redakteurin des Magazins forum Nachhaltig Wirtschaften. Das Interview mit Klimaforscher Mojib Latif erscheint in voller Länge in der aktuellen Ausgabe, die Sie hier bestellen und herunterladen können.

Die CO2-Konzentration lässt unsere Meere langsam versauern, der Meeresspiegel wird dramatisch ansteigen - das sind Ergebnisse der heute vorgestellten Zusammenfassung des Welt-Klimareports der Vereinten Nationen. Was heißt das für das Leben unter Wasser? Welche Küsten sind vom steigenden Meeresspiegel besonders bedroht? Klimaforscher Mojib Latif im Gespräch.

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Herr Latif, man sagt, an den Ozeanen lässt sich der Zustand des Klimas am besten ablesen. Was können wir dort erkennen?

Zunächst einmal, dass sich auch die Ozeane erwärmen. Und zwar nicht nur die oberen Schichten. Bis in Tiefen von 2.000 Metern können wir das nachweisen. Außerdem nehmen unsere Meere einen Teil des CO2 auf, das wir in die Luft blasen. Das führt dazu, dass der PH-Wert sinkt und die Meere saurer werden. Der Meeresspiegel steigt natürlich auch, weil sich erwärmtes Wasser ausdehnt und das Eis der Erde schmilzt.

Was passiert, wenn die Meere saurer werden?

Das wirkt sich auf kleine Organismen wie Krebse oder Muscheln aus, die schlechter Kalkschalen oder andere Schutzhüllen ausbilden können. Sie stehen am Anfang der Nahrungskette. Und wenn die wegbleiben, dann pflanzt sich das in der Nahrungskette fort bis hin zu den Fischen.

Das saure Milieu der Meere tötet diese wichtigen Organismen?

Zumindest werden sie geschädigt. Wie schnell das geht, wissen wir nicht, aber da tickt potenziell eine Zeitbombe. Wenn irgendwann die Nahrungsquelle im Meer versiegt, haben wir ein großes Problem.

Welche Folgen hat die Erwärmung der Ozeane für unsere Küsten?

Das ist unsicher, weil es regionale Unterschiede gibt. An der amerikanischen Westküste ist der Meeresspiegel in den letzten Jahren größtenteils sogar gesunken. Das führt oft zu Konfusion, weil die Leute denken, hier steigt der Meeresspiegel gar nicht, ist doch alles Quatsch mit der globalen Erwärmung. Wir können die Klimaänderung am besten in den globalen Mittelwerten sehen.

Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass jedes Grad Erderwärmung die Ozeane um mehr als zwei Meter steigen lässt. Was heißt das für die Zukunft unserer Küsten?

Das ist eine Frage des Zeitraums. Wir gehen davon aus, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um maximal einen Meter steigt - wie gesagt nicht überall, sondern an einigen Küsten. Das ist natürlich schon bedrohlich für einige Inseln oder auch für Länder wie Bangladesch. Die leiden heute schon darunter. Insofern müsste der Meeresspiegel gar nicht um einen ganzen Meter steigen, um diese Länder in enorme Bedrängnis zu bringen.

Wenn der Meeresspiegel höher ist, richtet natürlich auch ein Tsunami mehr Schaden an.Welche Städte sind denn besonders betroffen?

New York zum Beispiel, besonders dann, wenn etwa ein Hurrikan New York heimsucht. Ein Hurrikan kommt immer mit Flutwelle, setzt also schon automatisch einige Teile von Manhattan unter Wasser. Wenn dann der Meeresspiegel noch mal einen halben oder einen Meter höher ist, hat das natürlich umso stärkere Auswirkungen. Stellen Sie sich vor, der Meeresspiegel wäre noch höher gewesen, als der Hurrikan Katrina 2005 über New Orleans gefegt ist. Bei solchen extremen Situationen entscheiden Zentimeter darüber, ob eine Region überflutet wird oder nicht. Das Gleiche gilt auch für Tsunamis. Wenn der Meeresspiegel höher ist, richtet natürlich auch ein Tsunami mehr Schaden an.

Sind deutsche Inseln wie Sylt auch gefährdet?

Ja. Wenn wir wirklich von einem Meter ausgehen, dann muss man sich darauf vorbereiten.

Wie würde man sich darauf vorbereiten?

Die Festlandküsten können die Deiche erhöhen. Ein Meter geht gerade noch. Aber was darüber hinausgeht, also jenseits des Jahres 2100, wird mit Deichen nicht mehr zu stoppen sein.

Das klingt schrecklich, dass wir uns zubauen müssen, um uns vor dem Meer zu schützen. Welche Rolle spielen die arktischen Meere für den Klimawandel?

Die Arktis erwärmt sich sehr schnell und ist von der Versauerung besonders betroffen, weil kaltes Wasser CO2 gut aufnimmt. Aber das ist ein ziemlich neuer Forschungszweig. Man weiß nicht genau, wie die arktischen Ökosysteme darauf reagieren. Man darf nicht vergessen, dass wir die Meere auch ohne Klimawandel belasten, etwa durch Überfischung und Verschmutzung. Wie das alles zusammenwirkt, ist schwer abzuschätzen. Wir führen gerade ein gigantisches Experiment mit unseren Weltmeeren durch.

Was müsste denn konkret passieren, wenn es nach Mojib Latif ginge?

Die Pläne, die unter Zusammenarbeit von Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern entstanden sind, liegen alle auf dem Tisch. Man muss sie nur umzusetzen. Dazu braucht es eine internationale Vereinbarung und einen internationalen Fonds, nicht nur einen für Europa. Die Menschen, die von den Reformen oder den Folgen des Klimawandels betroffen sind, wie Opfer von Überschwemmungen, will man ja nicht bankrott gehen lassen. Mit Hilfe eines internationalen Fonds kann man die langfristigen Strategien, die wir ja schon haben, endlich umsetzen.

Wie gut schlafen Sie?

Ich schlafe noch gut. Es ist wie beim Arzt, der lässt die Probleme seiner Patienten auch nicht an sich heran, sonst würde er verrückt werden. So ist das bei mir auch.

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