Klimagipfel müssen sich neu erfinden - so könnte es gehen

Living: Klimagipfel müssen sich neu erfinden - so könnte es gehen

von Benjamin Reuter

Die Erwartung an das Klimatreffen in Doha sind gering. Kein Wunder, denn die Megakonferenzen sollten sich schleunigst neu erfinden.

Vorhang auf für einen weitere Klimagipfel: Wenn sich heute bis zu 17.000 Politiker, Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen in Doha im Emirat Katar versammeln, startet das 18. Klimatreffen seit 1995. Die Erwartungen der Kommentatoren, seien es Journalisten oder Klimaforscher, vor dem Gipfel als gering zu bezeichnen, wäre stark übertrieben.

Stellvertretend für die allermeisten Einschätzungen im Vorfeld des Gipfels teasert der Spiegel in seiner Doha-Geschichte: „Die Klimaverhandlungen in Doha geraten zur Farce.“ Ganz ähnlich lauteten die Schlagzeilen vor den letzten Treffen in Durban und dem vorletzten in Cancun. Und dem vorvorletzten Mega-Rendezvous in Kopenhagen. Von Klimakonferenzen allgemein, scheint kein Mensch mehr etwas zu erwarten.

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Warum eigentlich?

Ein Teil der Antwort ist sicherlich eine Mode unter Kommentatoren, die sich Klimagipfel-Bashing nennt und seit Jahren beliebt ist.

Dass die letzten Treffen durchaus Ergebnisse brachten, wird dabei oft übersehen. So beschlossen die Politiker in Kopenhagen die Einrichtung eines Klimafonds, der bis 2020 rund 100 Milliarden Dollar in die Entwicklungsländer transferiert. Die ärmeren Staaten sollen damit Anpassungsmaßnahmen finanzieren, zum Beispiel den Küstenschutz. Mit REDD wurde außerdem ein anspruchsvolles Programm zum Erhalt der Wälder auf den Weg gebracht. Sicher, die derzeitige Umsetzung der Maßnahmen ist umstritten - dass sie die richtigen Instrumente gegen den Klimawandel wären, dagegen nicht.

Die zweite Antwort, warum die Erwartungen an den Gipfel in Doha so gering sind: Weil die CO2-Werte in der Atmosphäre Rekordwerte erreicht haben und weiter beharrlich klettern. Die 17 bisherigen Konferenzen haben daran wenig geändert. Und auch Doha, so die landläufige Meinung, wird es nicht tun.

Kein Zweifel, die Mammuttreffen in Namen des Weltklimas haben ein mieses Image und Glaubwürdigkeitsproblem – teilweise zu Unrecht, teilweise zu Recht. Denn dass sich die Staatengemeinschaft in Zukunft auf einen verbindlichen Weg einigt, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, ist tatsächlich höchst unwahrscheinlich. Blickt man in die Zukunft, ist eine Erkenntnis aber viel wichtiger: Es ist auch gar nicht nötig!

Denn mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es viel bessere Lösungen gibt, um gegen den Klimawandel zu kämpfen, als sich auf politischer Ebene über Reduktionsziele zu streiten. Deshalb ist es höchste Zeit, dass sich die Klimagipfel neu erfinden.

Hier vier Vorschläge, wie diese Neuerfindung aussehen könnte:

1. Klimagipfel müssen zu Technologiekonferenzen werden: Es ist heute schon technisch – und demnächst auch wirtschaftlich – möglich, den Strombedarf eines Landes aus erneuerbaren Quellen zu decken. Auch Mobilität und Wärmeversorgung werden auf kurz oder lang durch neue Antriebe und Effizienzmaßnahmen in Gebäuden unabhängiger von fossilen Energiequellen. Wie die Markteinführung der grünen Technologien am besten gelingt, müssen Klimatreffen künftig stärker thematisieren.

2. Klimagipfel müssen zu Anpassungskonferenzen werden: Wie sich Länder an den Klimawandel anpassen können, war ein Tabu auf den Treffen vor Kopenhagen. Dass Anpassung nötig ist, hätte ja bedeutet, sein eigenes Scheitern einzugestehen. Mittlerweile steht fest: Der Klimawandel wird kommen. Best-Practice-Strategien, um stärkeren Stürmen, Hitzewellen und längeren Trockenperioden zu begegnen, müssen deshalb künftig ein Hauptthema der Gipfel werden. Ideen und Technologien für eine erfolgreiche Anpassung sind vorhanden.

3. Klimagipfel müssen zu Konferenzen über eine grüne Wirtschaft werden: Klimaschutz und eine Low-Carbon-Economy gelten in Politiker- und Unternehmerkreisen zu häufig noch als sicherer Weg zurück ins ökonomische Mittelalter. Aber das Gegenteil ist der Fall: Klimaschutz und Umweltmaßnahmen machen Unternehmen und Wirtschaft wettbewerbsfähig, wie Bundesumweltminsiter Peter Altmaier gerade im Interview mit WiWo Green bekräftigte.

Nur ein Beispiel: Ein großer deutscher Autobauer bemerkte bei einer Untersuchung seiner Produktionsstandorte, dass Deutschland zwar die zweithöchsten Strompreise und die strengsten Umweltauflagen hat. Aber die heimischen Fabriken gehörten durch Energie-Effizienzmaßnahmen zu den wettbewerbsfähigsten und profitabelsten in ganz Europa.

Der Kaufmann könnte denken: Gut, dass die Chinesen noch nicht gemerkt haben, dass CO2-Reduktion ihre Wirtschaft stärkt. Dem Klima wäre eine schnelle Einsicht allerdings zu gönnen.

4. Klimagipfel müssen zu Treffen von Pragmatikern werden: Heimliche Klimakiller wie Ruß, der in die Atmosphäre aufsteigt, lassen sich leicht bekämpfen – mit Filtern für Dieselmotoren zum Beispiel oder modernen Kochanlagen für die Landbevölkerung in armen Ländern. Daran haben auch Entwicklungsländer Interesse, weil das der Gesundheit der Menschen hilft und die Maßnahmen günstig sind. Unfruchtbare Palaver zur CO2-Reduktion sollten die Gipfelteilnehmer in ihrer Prioritätenliste auf die hinteren Plätze verbannen.

Sicherlich, alle vier Forderungen lösen Klimakonferenzen wie in Doha teilweise schon ein. Allerdings sind Themen wie eine grüne Wirtschaft und Cleantech noch zu häufig in Nebenkonferenzen mit einigen Dutzend Experten ausgelagert. Dass sie künftig in den Fokus rücken, ist aber dringend nötig – sowohl für die Glaubwürdigkeit der Klimagipfel als auch für das Klima selbst.

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