Klimaschutz: Neues Vergleichsportal ruft Kommunen zum Klima-Wettrennen auf

Klimaschutz: Neues Vergleichsportal ruft Kommunen zum Klima-Wettrennen auf

von Angela Schmid

Die deutschen Kommunen gehen Klimaschutz noch sehr unterschiedlich an. Ein Vergleichsportal soll das ändern.

Schafe, endlos lange Deiche und Windenergieanlagen soweit das Auge reicht. Nordfriesland ist ein ruhiger und beschaulicher Landstrich - aber mit großen Ambitionen. Bis 2020 will die nördlichste Ecke der Republik Deutschlands klimafreundlichster Landkreis werden.

"Es gibt starke Konkurrenten in Süddeutschland", schränkt Klimaschutzmanager Gunnar Thöle ein. Doch der Rückhalt der Menschen sei groß. Von Husum aus versucht er, die Menschen zu motivieren. Denn er weiß: "Ihnen ist Klimaschutz wichtig."

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2007 begann das Projekt, mit dem sich der Kreis zum deutschlandweiten Vorbild machen will. Das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie erstellte ein Klimaschutzkonzept, ein Bündel von Maßnahmen wurde geschnürt und Thöle als Koordinator eingestellt. Als eine Art Lobbyist für die Energiewende. Denn der Kreis allein kann wenig bewirken. Neidisch schaute man zuletzt nach München, wo ein 22,2 Millionen Euro-Programm die Elektromobilität ankurbeln soll. Das ist bei knapp 170.000 Einwohnern deutlich schwieriger.

Die Nordfriesen helfen sich selbst. Beispielsweise gründeten die Bürger eine Genossenschaft, um Autoherstellern größere Rabatte abzuluchsen. Deshalb fahren nun 200 Fahrzeuge durch den Kreis - pro Kopf die meisten in Deutschland. Und ein guter Anfang. Die Kreisverwaltung ist mit einem guten Beispiel vorangegangen und hat ebenfalls in ein Elektroauto investiert, der es immerhin bis zu jedem Ort im über 2000 Quadratkilometer großen Kreis schafft. Für kurze Strecken gibt es ein Dienstrad mit E-Antrieb.

Wenig Geld, viel grüner StromDafür ist das Laden mit Öko-Strom einfach: Fast nirgends drehen sich so viele Windenergieanlagen wie in Nordfriesland: 855 mit einer installierten Leistung von 1636 MW sind es zurzeit. Mehr als das Kernkraftwerk Brokdorf leistet. Jährlich erzeugen die riesigen Windmühlen 3,5 Millionen Megawatt Strom. Fünfmal mehr als im Kreis verbraucht wird. Hinzu kommt die Photovoltaik mit nochmal etwa 25 Prozent der Windkraftstrommenge.

Für Gunnar Thöle erklärt sich das auch damit, dass der Kreis die Auswirkungen von Klimagasen als erster zu spüren bekomme: "Nordfriesland hat über 400 Kilometer Küstenlinien und ein nicht zu unterschätzender Anteil davon liegt unter dem Meeresspiegel. Wir sind damit direkt vom Klimawandel bedroht", sagt er.

Doch für die Emissionen ist der Kreis mitverantwortlich: Husum ist die Stadt in Deutschland, in der die größte Heizmenge pro Wohnfläche verbraucht wird. Das liege unter anderem am ständigen Wind, der die Häuser auskühlt, so Thöle. Um die Menschen zu mobilisieren, den Verbrauch und damit die Treibhausgase zu reduzieren, veranstaltet der Kreis Energieberatungspartys in den betroffenen Häusern.

Klima-Benchmarking für KommunenUm das Siegel des klimafreundlichsten Kreises zu erlangen, braucht es aber mehr als das. Für einen sachlichen Vergleich müssen feste Kriterien verglichen werden können. Das bietet ein Benchmarking des Klimabündnisses, einer Lobby-Organisation aus Frankfurt. 200 Kommunen beteiligen sich am sogenannten Benchmarking Kommunaler Klimaschutz. Dieses soll die kommunalen Erfahrungen sammeln, strukturieren und bei Weiterentwicklungen helfen. 32 Kriterien werden derzeit miteinander verglichen. Aber ein Ranking gibt es nicht, eher wolle man gute Ideen herausstellen: "Kommunen sollen sich im Vergleich zu anderen einschätzen können", erklärt Koordinator Dag Schulze.

Künftig soll dieses Benchmarking auch öffentlich werden - bislang ist es das nicht. Damit wollen die Organisatoren noch mehr Kommunen erreichen: "Weil sich immer noch viele von ihnen gar nicht mit Klimaschutz beschäftigen", erklärt Schulze. Dann könne jede Kommune entscheiden, was sie öffentlich stellt. Nordfriesland nimmt zurzeit am Beta-Test teil und will auf jeden Fall seine Daten veröffentlichen.

Dann sollen die Klimaschutzaktivitäten einer Kommune in den Bereichen Klimapolitik, Energie, Verkehr und Abfallwirtschaft dargestellt, Schwachstellen aufgegriffen und gezielt Anregungen und Vorschläge aus einer Datenbank mit mehr als 400 Best-Practice-Beispielen vermittelt werden. "Damit haben Gemeinden ein Monitoring für Klimaschutzmaßnahmen. Sie können sehen, wo es sinnvoll ist, etwas zu tun und es kann aufzeigen, welche Maßnahmen sich auf Umwelt und Klima auswirken", erklärt Schulze.

Nicht nur auf CO2-Werte schauenNur Projekte zu verfolgen, bei denen eine CO 2-Verringerung gemessen werden kann, hält Schulze beispielsweise für falsch. Einem neuen Radwege könne zwar kein CO2-Abzeichen angehaftet werden, aber auch dieser helfe. "Wird ein Stahlwerk in Deutschland ab- und in China aufgebaut, ist es in der heimischen Bilanz verschwunden. Weltweit hat sich aber nichts geändert."

15 Indikatoren zeigen die Fortschritte auf, die sich nicht direkt durch CO2-Bilanzen abbilden lassen. Die Werte der Kommune werden im Vergleich mit dem Durchschnittswert von Deutschland, dem Durchschnitt aller Kommunen und dem Wert der besten Kommune Ihrer Größenkategorie dargestellt. In diesem Monat soll unter www.klimaschutz-planer.de das neue Portal online gehen, das neben einer Energie- und Treibhausgasbilanzierung auch das Benchmarking enthält. Trotz einer staatlichen Initialförderung wird das Programm allerdings nicht kostenlos sein, sondern Gebühren von bis zu 2000 Euro erheben.

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