Klimawandel: Hat die Menschheit eine zweite Chance?

Klimawandel: Hat die Menschheit eine zweite Chance?

von Benjamin Reuter

Eine neue Studie lässt vermuten, der Klimawandel könnte weniger schlimm ausfallen als erwartet.

Wie schlimm wird der Klimawandel wirklich? Um diese Frage wird derzeit mehr denn je gestritten. Denn erstens erwärmt sich die Erde in den vergangenen Jahren schwächer als erwartet – die Gründe geben Klimaforschern dabei immer noch Rätsel auf. Zweitens werden derzeit die Prognosen für die Erderwärmung nach unten korrigiert.

Denn nach einer Studie norwegischer Forscher, die schon vor einigen Monaten für Schlagzeilen sorgte, hat nun ein internationales Wissenschaftlerteam - darunter Forscher der Universität Oxford und deutsche Wissenschaftler - einer Studie die Erwartungen für die künftige Erwärmung abgeschwächt.

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Konkret: Verdoppelt sich die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre, wird sich die Erde in der der Zeit nach 2100 wohl zwischen 0.9 und 5 Grad erwärmen. Steigt der CO2-Ausstoß im gleichen Tempo wie bisher, ist dieser Grenzwert ungefähr im Jahr 2050 erreicht. Die wahrscheinlichste Erhöhung liegt dann bei zwei Grad. Das ist gleichzeitig die Grenze, die Klimaforscher als gerade gerade noch akzeptabel ansehen und an der sich auch die Politik mit ihren Klimaschutz-Maßnahmen orientiert.

Bisher ging der Weltklimarat (IPCC) davon aus, dass sich die Erde bei einer CO2-Verdoppelung zwischen 2,0 und 4,5 Grad erwärmt – mit drei Grad als wahrscheinlichster Variante. Zu dem unterschiedlichen Ergebniss kommen die Forscher der Oxford-Studie, weil aktuelle Temperatur-Daten des vergangenen Jahrzehnts in die Rechnung einflossen. Sie wurden vom Weltklimarat in seinem Bericht von 2007 noch nicht verwendet.

Fließen die Daten aus der letzten Dekade in die Rechnung mit ein, verändern sich aber auch die Prognosen für die Erderwärmung in diesem Jahrhundert. So geht die Forscherguppe davon aus, dass bei einer Verdoppelung des CO2-Gehaltes die Temperatur auf der Erde zwischen 0,7 und 2,5 Grad steigen könnte. Der wahrscheinlichste Wert liegt bei 1,4 Grad. Bisherige Modelle hielten eine Erwärmung von rund 1,8 Grad für wahrscheinlich, der Rahmen lag zwischen einem und 2,5 Grad.

Alles halb so wild?Über die Interpretation der Ergebnisse gibt es nun aber verschiedene Ansichten – auch von den Autoren selbst; und deren Zusammensetzung ist durchaus interessant. Denn wohl erstmals in der Geschichte der Klimawissenschaft war mit Nicholas Lewis ein bekannter Klimaskeptiker an der Studie einer renomierten Universität beteiligt.

Lewis schreibt in einer E-Mail an WiWo Green:

“Die Ergebnisse der Studie liegen deutlich unter den Daten der meisten Klimamodelle, die von der Politik als Grundlage der Klimawandel-Strategie genutzt werden. Die Erwärmung, die wir in den kommenden 50 bis 100 Jahren erwarten, liegt knapp um die Hälfte niedriger als die des wichtigsten Modells, das der britische Wetterdienstes Met Office verwendet.” (mehr zu seiner Interpretation der Ergebnisse hier)

Alexander Otto, Forscher in Oxford und Leiter der Studie, interpretiert die Ergebnisse hingegen so: “Unsere Ergebnisse zeigen, dass die meisten Prognosen der Klimamodelle ziemlich genau sind, auch wenn wir die Daten aus den vergangenen zehn Jahren einbeziehen.” Nur lägen eben die Daten seiner Untersuchung für dieses Jahrhundert eher am unteren Rand der bisherigen Vorhersagen.

Hinzu kommt noch eine dritte Einschätzung der Ergebnisse. Sie kommt von Jochem Marotzke, Forscher am Max-Planck-Insitut für Meteorologie in Hamburg. Er sagte in einem Telefongespräch noch vor Erscheinen der Studie: "Man sollte die Daten aus einem einzelnen Jahrzehnt (also zum Beispiel die der vergangenen Jahre mit ihren stagnierenden Temperaturen Anm. d. Red.) nicht überbewerten."  Denn stiegen die Temperaturen bald wieder, könnten die Ergebnisse schon wieder anders aussehen.

Skeptiker als KlimaschützerBleibt jenseits des Akademikerstreites das Problem, was die Ergebnisse nun für die Klimaschutzpolitik bedeuten?

Der Klimaskeptiker Lewis weiß schon, was er tun würde:

„Da die Erwärmung geringer ausfällt, würde ich eher auf günstige Anpassungsstrategien an den Klimawandel setzen, bis grüne Technologien wirklich wettbewerbsfähig sind. Außerdem würde ich, um eine künftige Erwärmung zu verhindern, Kohle- durch Gas- und Atomkraftwerke ersetzen, saubere Dieselmotoren vorschreiben, die Energieeffizienz verbessern und Technologien zur CO2-Abscheidung entwickeln.“

Bis auf den Verzicht auf Wind und Solar zur Energieerzeugung und dem Pro für Atom könnten diese Vorschläge sicher auch die meisten Grünen unterschreiben. Die Frage ist nur: Reicht das?

Höchstwahrscheinlich nicht. Denn wie es derzeit aussieht, ist die Menschheit nicht nur auf dem besten Weg den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu verdoppeln, sondern ihn bis 2100 sogar zu verdreifachen. Bei zwei Grad Erderwärmung wird es dann nicht bleiben.

Die Ergebnisse der Studie – wenn sie sich als korrekt für die kommenden Jahrzehnte herausstellen sollten – sind also keinesfalls eine Entschuldigung für Untätigkeit. Eine zweite Chance, den Klimawandel zu stoppen bekommt die Menschheit nicht. Besser also, sie macht sich schleunigst an die Arbeit.

Anmerkung: Der fünfte Absatz über die Temperaturerhöhung in diesem Jahrhundert wurde zur Klarstellung nachgetragen.

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