Klimawandel: USA gegen den Rest der Welt

Klimawandel: USA gegen den Rest der Welt

von Jürgen Klöckner

Die USA wollen kein zweites Kyoto-Protokoll. Ist das die Kapitulation vor dem Klimawandel? Mitnichten. Es ist ein Modell für die Zukunft. Ein Kommentar.

Das Klimaabkommen 2015 soll kein Abkommen enthalten, fordern die USA. Jedes Land soll sich eigene Emissionsziele setzen und sie nach belieben einhalten oder nicht. Affront!, sagen Kritiker: Ausgerechnet die Nicht-Unterzeichner des Kyoto-Protokolls wollen ein zweites verhindern und Klimaverhandlungen wie bisher ad absurdum führen: Ohne Abkommen muss auch niemand verhandeln.

Bedeutet der Vorschlag der USA die Kapitulation vor dem Klimawandel? Keineswegs.

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Zu allererst ist der Vorschlag unrealistisch. Die Entwicklungsländer werden an der Seite von China und Europa ein zweites, verbindliches Klimaabkommen fordern, das gilt so gut wie ausgemacht. Die Pole schmelzen, das Wetter wird extremer, die meisten Länder emittieren trotzdem munter weiter - dagegen müssen alle Nationen dieses Planeten etwas unternehmen. Niemand bezweifelt das, auch die USA nicht.

Vergangene Klimaverhandlungen haben allerdings gezeigt, dass ein verbindliches, globales Abkommen ein - vorsichtig gesagt - ambitioniertes Ziel ist. Auch das Kyoto-Protokoll ist freiwillig: niemand zwingt Nationen, da mitzumachen - gäbe es eine globale Institution mit dieser Befugnis, wären Klimakonferenzen nunmal überflüssig. Es ist auch nicht verbindlich: Wer mitgemacht, sich aber an Emissionsziele nicht gehalten hat, wurde bis heute nicht bestraft.

Und global ist es auch nicht: Zwar beteiligen sich beinahe 200 Nationen, Emissionsziele gelten allerdings nur für Industrieländer. Die stoßen aber gemeinsam nur weniger als die Hälfte der weltweiten Emissionen aus. Entwicklungs- und Schwellenländer sind gänzlich davon befreit. Und die wollen auch, dass das so bleibt: Die scharfe Trennung zwischen sogenannten Annex-I und Non-Annex-I Ländern wird vermutlich auch bei einem zweiten Kyoto-Protokoll weiter bestehen. Mit den höchst zweifelhaften Folgen, dass China als Entwicklungsland kein einziges Gramm CO2 einsparen müsste, weltweit aber der größte Verschmutzer ist.

Modell für die Zukunft?So war auch das Kyoto-Protokoll ein freiwilliges Abkommen zwischen einzelnen Staaten - also genau das, was die USA nun für ein zweites Kyoto-Protokoll fordern.

Alle Aufregung also umsonst? Nein, im Gegenteil! Der Vorschlag ist wichtig. Denn er würde Klimaverhandlungen deutlich beschleunigen. Und das ist gut so:  Klimakonferenzen sind eine unglaublich zähe Angelegenheit, weil alle mitdiskutieren und -entscheiden wollen. 1997 wurde das Kyoto-Protokoll beschlossen, in Kraft trat es aber erst 2005. Die Fortschritte der Konferenzen sind meist nur mit der Lupe zu erkennen. Das Problem dabei ist, dass sie Zeit kosten, der Klimawandel aber nicht wartet.

Insofern könnte der Vorschlag der USA auch ein Modell für die Zukunft sein. Als ausgemacht gilt nämlich: Sollte ein zweites Kyoto-Protokoll 2015 scheitern, wird es wohl keinen erneuten Anlauf geben. Wird sich die Enttäuschung von Kopenhagen 2009 wiederholen, werden jahrelange Anstrengungen erneut umsonst sein, wird sich keine Nation mehr ernsthaft um eine gemeinsames Klimaabkommen bemühen.

Und dann läuft es zwangsläufig auf freiwillige, zwischen einzelnen Staaten und Regionen ausgehandelte Abkommen hinaus, wie es die USA fordern.

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