Klimawandel: Wie das 2-Grad-Ziel noch zu schaffen ist

Klimawandel: Wie das 2-Grad-Ziel noch zu schaffen ist

von Jan Willmroth

Soll der Klimawandel in Grenzen gehalten werden, darf in 17 Jahren kein CO2 mehr ausgestoßen werden. Klingt utopisch? Lösungen für einen Aufschub gäbe es.

Die Zeit läuft ab: Ein weiterer Klimagipfel ist gescheitert, das Vorhaben, ein globales Abkommen im Kampf gegen den Klimawandel zu erreichen, ist erneut vertagt. Laut einer neuen Studie des Internationalen Instituts für angewandte Systemforschung (IIASA) aus Österreich ist die ständige Terminverschieberei das größte Risiko im Kampf gegen den Klimawandel.

Denn um das viel zitierte 2-Grad-Ziel noch zu erreichen, muss jetzt etwas passieren, und nicht irgendwann morgen. Die Autoren der Studie, die vergangene Woche in der Fachzeitschrift „Nature“  erschienen ist, entkräften endgültig das Argument vieler  Skeptiker, man sollte angesichts der vielen ungeklärten wissenschaftlichen Fragen mit Gegenmaßnahmen noch abwarten. „Mit einer Verzögerung von 20 Jahren kann man so viel Geld in die Lösung des Problems stecken, wie man will – bestenfalls gibt es dann noch eine 50-50-Chance, das 2-Grad-Ziel einzuhalten“, sagt Co-Autor Keywan Riahi.

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Bislang sei bekannt gewesen, dass die Kosten des Klimawandels steigen, je später Staaten Gegenmaßnahmen ergreifen. Unklar blieb jedoch, wie schnell. Die Antwort der Forscher: sehr schnell. In mehr als 500 Szenarien modellieren sie unterschiedlich stark steigende Emissionen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan und Sticktoffoxiden.

Die Berechnungen ergeben Kosten, die sich heute noch in keinem Zertifikatepreis wiederspiegeln. Mit den Zertifikaten sind Unternehmen angehalten, ihren Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren - stoßen sie mehr als eine bestimmte Menge aus, müssen sie dafür bezahlen. Wird CO2 nicht bald sehr viel teurer (momentan liegt der Preis für eine Tonne CO2 bei unter einem Dollar), wird das 2-Grad-Ziel unerreichbar. Steigt der Preis auf 20 Dollar pro Tonne, liegt die Chance bei 50 Prozent, ab 40 Dollar bei 66 Prozent. Bei einem Preis dazwischen schätzen die Autoren die Kosten für den Kampf gegen den Klimawandel auf 0,8 bis 1,3 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts bis 2100.

Dabei gehen diese Größen von heute aus. Bleibt CO2 bis 2020 so billig wie derzeit, fallen nach den Berechnungen dann schon Kosten von 150 Dollar pro Tonne an. Es lohnt also nicht, auf ein internationales Abkommen zu warten, das Emissionsgrenzen für die ferne Zukunft festlegt. Schon heute sind große Effekte möglich, indem Konsumenten, Unternehmen, Staaten und Staatengemeinschaften einzelne Stellschrauben ändern: Effizienterer öffentlicher Nahverkehr, Gebäudedämmung, Stadtplanung, Konsumgewohnheiten – Dinge auf der Nachfrageseite, die heute schon möglich sind, ohne auf bestimmte Technologien zu warten.

Wie ernst die Situation ist, zeigt schon eine einfache Rechnung: 2011 zum Beispiel lag der Ausstoß von Kohlendioxid weltweit bei rund 34 Milliarden Tonnen. China, die USA und die EU machen rund die Hälfte davon aus. Will die Welt das 2-Grad-Ziel noch einhalten, so glauben viele Forscher, dürfen bis 2050 nicht mehr als 565 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen. Sicher, diese Zahl ist nicht ganz exakt - sie stellt aber den Mittelwert dar, mit dem eine Erwärmung um rund zwei Grad am wahrscheinlichsten ist. Folgt man dieser Rechnung, ist das CO2-Budget in nicht einmal 17 Jahren aufgebraucht - also im Jahr 2030.

Hier sind fünf Maßnahmen, wie das CO2-Budget doch noch eingehalten werden kann:

1. Würde man rund die Hälfte aller 2300 Kohlekraftwerke weltweit abschalten, würde das bis zu 6 Milliarden Tonnen CO2 einsparen. (Ein Kraftwerk mit einem Gigawatt Leistung stößt rund 6 Millionen Tonnen CO2 im Jahr aus)

2. Würden die Menschen weltweit ihren Fleischkonsum um die Hälfte reduzieren, würde das wohl rund 4 Milliarden Tonnen CO2 einsparen. (Hier gehen die Schätzungen allerdings sehr weit auseinander, mehr dazu hier)

3. Würden die Menschen mit ihren Autos, Zügen und Flugzeugen nur noch die Hälfte der Strecke zurücklegen - oder elektrisch mit grünem Strom fahren - dann würde das jährlich rund 3,4 Milliarden Tonnen CO2 einsparen.

4. Würden ab heute keine Wälder mehr abgeholzt, würde das pro Jahr bis zu 6 Milliarden Tonnen CO2 einsparen (aber auch hier gehen die Schätzungen auseinander)

5. Würde die Welt von heute an nur noch die Hälfte des Öls verbrennen, sänken die Emissionen um rund 5 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. (Nach den Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA)

Würden wir die derzeitigen Emissionen um die Hälfte reduzieren, gäbe das immerhin Zeit, bis 2050 eine CO2-neutrale Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen.

Ist das alles wahrscheinlich? Mit Business as usual nicht. Denn die Treibhausgas-Emissionen sind in den vergangenen 20 Jahren um rund 40 Prozent gestiegen. Derzeit sind rund 1000 neue Kohlekraftwerke weltweit geplant.

 

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