Künstliche Riffe: Meerestiere ziehen zu Windrädern und Wellenbrechern

Künstliche Riffe: Meerestiere ziehen zu Windrädern und Wellenbrechern

von Peter Vollmer

Stillgelegte Ölbohrtürme, Bauschutt, Windrad-Fundamente: Meerestiere nutzen zunehmend künstliche Riffe als Lebensraum.

Ein Leben im Einkaufswagen oder im ausrangierten Pick-up ist Alltag für viele Meerestiere. Die Weltmeere sind voller Müll, schätzungsweise mehr als 100 Millionen Tonnen liegen in den Ozeanen. Davon sind drei Viertel Kunststoffreste, die von Licht und Wellen zu Kleinstpartikeln aufgelöst werden und danach dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit von Pflanzen, Fischen und schließlich auch Menschen haben. Manch menschliche Hinterlassenschaft bietet allerdings einen unerwartet geeigneten Lebensraum für Tiere.

Zum Beispiel stillgelegte Ölbohrtürme. Solche haben Forscher des Occidental College in Los Angeles an der kalifornischen Küste untersucht. Erstaunlicherweise fanden sie hier über Jahre hinweg mehr Fische als in Vergleichsriffen. Die Population stieg an – ohne dass sie sich andernorts reduzierte. Die Fische waren nicht hergezogen, sondern hatten sich zwischen den Fundamenten der Bohrtürme erstaunlich schnell fortgepflanzt.

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Eine Erklärung liefern Kollegen aus Schottland, die Seehunde in der Nordsee mit modernen GPS-Sendern verfolgt haben. Ein Seehund schwamm auffällig oft zu einer Offshore-Windanlage. "Man konnte sehen, dass dieses Tier anscheinend in geraden Linien zwischen den Turbinen wanderte, als würde es nach möglicher Beute schauen und dann anhalten, um an bestmimten Stellen herumzustöbern", erklärt Deborah Russel, Wissenschaftlerin an der University of St. Andrews, eine der ersten Beobachtungen.

Ihr Team beobachtete weitere Seehunde, von denen einer auch die deutsche Anlage Alpha Ventus besuchte. (Illustriert im online verfügbaren Paper.) Allerdings waren es nur einzelne Tiere, die solche Industriekonstruktionen als Revier ausgesucht hatten. Dennoch würden die Beobachtungen – beide Ergebnisse sind in diesem Jahr publiziert worden – gut zusammen passen. Die Tiere finden an den Konstruktionen mehr Nahrung, was bessere Bedingungen zur Fortpflanzung bietet.

 Betonbälle als KorallenheimatAuch wenn die Ergebnisse neu sind – bei der "Reef Ball Association" dürften sie niemanden überraschen. Die US-amerikanische Organisation setzt seit 1993 löchrige "Riffbälle" aus Beton ins Meer. An diesen siedeln sich viele Tierarten erstaunlich schnell an, ob Muscheln, Seesterne oder Korallen. Und so locken die Halbkugeln auch kleine und größere Fische an. Mittlerweile liegen über eine halbe Millionen Riffbälle in den Weltmeeren, teils auch zweckentfremdet: Stapelt man sie, können sie Wellen brechen und damit bedrohte Strände vor Erosion bewahren.

Erfolge, die auch Fischer auf den Plan rufen. Der Economist berichtete von dem Fischerei-Unternehmen "Walter Marine" aus dem US-Staat Alabama, das eigene künstliche Riffe versenkt. Die Konstruktion aus Stahl, Beton und Kalkstein koste zwar 2000 Dollar – doch für viele Fischer sei dies eine lohnenswerte Investition. Die Überfischung der Weltmeere könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass Seehunde zwischen Windrädern jagen. Denn diese Gebiete sind für Fischer gesperrt.

Gerade das mache Windkraftanlagen zu einem geeigneten Lebensraum, findet Olivia Langhamer von der Norwegian University of Science and Technology: Je nach Konstruktion des künstlichen Riffs gebe es "positive Effekte" und "ein hohes Potenzial dafür, dass Offshore-Anlagen und der dazugehörige Kolkschutz ein bestimmtes Maß an Lebensraum schaffen können." Allerdings, da ist sie sich mit ihren Kollegen aus Schottland und Kalifornien einig, brauche es weitere Langzeitbeobachtungen und Forschungsprojekte. Oft genug haben sich gut gemeinte menschliche Eingriffe in die Natur als problematisch erwiesen. Gerade deshalb seien die Windkraftanlagen, die ohnehin gebaut würden, eine Gelegenheit, bei der Forscher und Bauherren zusammenarbeiten sollten.

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