Laute Motoren: Warum auch E-Autos Vögeln schaden könnten

Laute Motoren: Warum auch E-Autos Vögeln schaden könnten

von Sabrina Keßler

Vögel mögen keine vielbefahrenen Straßen. E-Autos könnten das Problem lösen – wenn der Mensch nicht wäre.

In ihrer Umwelt sind Vögel darauf angewiesen, akustische Signale wahrzunehmen, die beim Finden und Auswählen eines Partners dienen, die Reviergrenzen der Konkurrenz erkennen lassen, das Auffinden von Nahrung erleichtern und auf Gefahrenquellen hinweisen. Lärm, der ihre akustischen Signale jedoch durchkreuzt, erschwert ihr Überleben zunehmend.

Dazu zählen auch die lauten Geräusche von Benzin- oder Dieselmotoren. Wie sehr sich vor allem Verkehrslärm auf die Gesundheit von Vögeln auswirkt, untersuchte kürzlich die Idaho Boise State Universität. Für ihre Studie kreierten die Forscher eine „Phantom-Straße“, auf der das Geräusch von zwölf Autos pro Minute simuliert wurde, die mit einer Geschwindigkeit von knapp 72 Kilometer pro Stunde über die Straßen rauschten. Eine Situation wie auf einer gut befahrenen Straße oder einem Highway.

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Lärm schwächt Vögel langfristigDie Ergebnisse der Untersuchung alarmierten die Forscher zutiefst: Der simulierte Lärmpegel vertrieb knapp ein Drittel aller Vögel, die an dieser Straße lebten. 20 von 21 Spezies verloren darüberhinaus an Körpermasse. Der Dickichtwaldsänger legte sogar nur ein Zehntel des Gewichtes zu, das er sich in einer ruhigeren Umgebung angefuttert hätte. Lediglich eine Vogelart, der Cassingimpel, nahm unter höherem Verkehrslärm zu – vermutlich durch die verringerte Nahrungskonkurrenz.

Der Gewichtsverlust hat dramatische Folgen für das Überleben der Vögel – vor allem während des Vogelzugs. „Wenn Vögel migrieren stoßen sie an ihre physiologischen Grenzen“, sagt Heidi Ware, Pressesprecherin des Intermountain Bird Observatory an der Idaho Boise State. Hätten die Vögel im Vorfeld ihrer Reise nicht genügend Reserven angefressen – weil sie durch den Lärm vom Fressen abgehalten werden – könnten sie den anstrengenden Flug gen Süden nicht bewältigen. Das geringere Gewicht verringere zudem die Brutchancen im darauffolgenden Frühling.

Limits und SpezialasphaltDabei könnten schon kleinste Veränderungen helfen, um den Verkehrslärm zu reduzieren. Ware verweist auf gummierten Asphalt, der bereits in einigen amerikanischen Nationalparks eingesetzt würde. Geschwindigkeitsbegrenzungen und weniger Autos im Allgemeinen würden ihr übriges tun.

Auch E-Autos wären eine Lösung: Die Modelle surren nur noch, die Motoren sind kaum hörbar. „Elektrofahrzeuge sind vor allem beim Anfahren, Rückwärtsfahren oder Einparken sehr leise“, äußert sich Akustik-Experte Wolfgang Foken gegenüber der Deutschen Welle. Alle Manöver unter 25 km/h seien nahezu geräuschlos.

Eigentlich wären sie damit perfekt für Vögel. Doch was für den Piepmatz gut ist, ist nicht automatisch auch für den Menschen gut: Elektroautos ohne den gewohnten Klang konventioneller Motoren werden nämlich schnell überhört – und das steigert das Unfallrisiko für den Menschen.

Lautere E-Autos schützen den Menschen, aber nicht den VogelWeil Mensch vor Vogel geht, hat die erhöhte Gefahr auch die UNO alarmiert. Die Wirtschaftskommission für Europa hat sich der Bedenken angenommen und nach Absprache mit den Regierungen großer EU-Mitgliedsländern, Autoherstellern und Organisationen wie Blindenverbänden dafür ausgesprochen, dass E-Fahrzeuge künftig auch laut sein sollen, damit man sie im Straßenverkehr rechtzeitig wahrnimmt. In den USA ist man inzwischen schon einen Schritt weiter: Hier sind die Verhandlungen über künstliche Motorengeräusche bereits in den letzten Zügen.

Auch einige Hersteller haben bereits auf die Sorgen der Politiker reagiert. Nissan, Toyota und Peugeot liefern ihre Fahrzeuge bereits mit entsprechenden Soundsystemen aus. Der Tesla Roadster kommt in seiner Spezialvariante gar mit vier verschiedenen Soundkits daher: Die Modi „Beam“, „Warp“, „V8“ oder „Formel 1“ werden wahlweise per Lautsprecher nach außen übertragen, um Fußgänger und Radfahrer vor einem heranfahrenden Tesla zu warnen.

Was den Menschen retten soll, ist für den Vogel fatal. Denn für ihn bleiben Bäume und Wälder an vielbefahrenen Straßen somit ein Stressfaktor. Für Elektroautos fordert Heidi Ware deshalb einen Maximalpegel. „Wenn wir über ein Minimum-Geräusch bei diesen Fahrzeugen reden, um sie sicherer zu machen, müssen wir auch über einen Höchstwert reden“, sagt Ware.

Deutsche Forscher sehen die Gefahr durch Verkehrslärm weitaus weniger dramatisch. „Die zunehmende Fragmentierung der Landschaft durch zusätzliche Straßen mit steigendem Verkehrsaufkommen ist sicherlich ein Faktor, der sich negativ auf Vogelbestände auswirkt“, sagt Lars Lachmann, Vogelschutzreferent des Naturschutzbund Deutschland (NABU). „Allerdings liegen die Hauptursachen für den Rückgang der Vogelbestände meistens woanders.“

Der Zwang eines satteren Sounds stört übrigens nicht nur die Vögel, sondern auch manchen Autohersteller. „Unsere Kunden schätzen das elegante Surren ohne penetrantes Motorbrummen“, argumentiert beispielsweise Elon Musk, Chef des Elektro-Pioniers Tesla. „Sie möchten die Vögel singen hören.“

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