Lösung für das Hungerproblem? Student baut Zu-Hause-Farm für Insekten

Living: Lösung für das Hungerproblem? Student baut Zu-Hause-Farm für Insekten

von Jan Willmroth

Grillen statt grillen: Ein Architekturstudent will mit Zuchtboxen für Insekten unsere Ernährungsgewohnheiten ändern.

Jakub Dzamba interessierte sich eigentlich für Weltraumarchitektur. Raumstationen, Außenposten auf dem Mond, Raumschiffe, solche Sachen. Als Architekt bei der NASA – das war bis vor kurzem sein Traumjob.

Jetzt promoviert Dzamba in Architektur und hat sich mit seinen Ideen einer ganz irdischen Mission verschrieben. Wenn schon heute rund eine Milliarde Menschen Hunger leiden müssen, wie sollen wir alle ernähren, wenn es immer mehr werden?

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Dzamba hat darauf eine Antwort, bei der auf den ersten Blick nicht sonderlich vielen Menschen das Wasser im Mund zusammenlaufen dürfte: Third Millennium Farming, kurz 3MF. Dahinter verbrigt sich keine neuartige Feldbewirtschaftung, keine Gewächshaus-Architektur, sondern so genannte „Grillen-Reaktoren“, Aufzuchtboxen für Insekten. Ein Teil der Lösung des Hungerproblems, glaubt Dzamba, könnten Kriech- und Krabbeltiere sein, die zu Hause im Terrarium wachsen.

Die säulenförmigen Module von 3MF seien für Haushalte und Büros gedacht, heißt es bei dem Unternehmen. Sie passen auf einen Küchentisch. Bis zu 10.000 Grillen finden darin Platz, man füttert sie mit Biomüll aus Küche und Garten – und kann offenbar nichts verkehrt machen. „Die Reaktoren sind für Laien gemacht, mit minimalem Aufwand von maximal 15 Minuten pro Tag und ohne Fluchtmöglichkeit für die Grillen“, preist 3MF die Entwicklung an.

Eine Farm auf dem KüchentischDie Grillenpopulation erhalte sich selbst, man müsse nicht regelmäßig Insekten nachfüllen. Zur Ernte werden die Grillen einfach heruntergekühlt und somit eingeschläfert, bis sie gefrieren. „Grillen-Reaktoren verwandeln Biomüll in Fleisch mit einer Methode, die weit biologischer, ethisch korrekter, nachhaltiger und lokaler als jede andere Form der industriellen Fleischproduktion“, sagt Dzamba.

Aber wer soll sich ein solches Ding zu Hause hinstellen? Noch dazu, wenn es zwischen 200 und 300 Dollar kostet? Laut 3MF umfasst der potenzielle Markt für die Grillenzucht rund 80 Prozent der Weltbevölkerung. Diese lebt in Regionen, die einen historischen oder aktuellen Hang zur Entomophagie haben, wie der Verzehr von Insekten in der Fachsprache heißt.

Wer diesen Hang noch nicht verspürt, sollte ihn nach Meinung einiger Experten besser bald entwickeln. Den bis 2050 könnte die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen anwachsen. Um deren Hunger zu stillen, müsste sich die aktuelle Nahrungsproduktion laut UN beinahe verdoppeln. Man muss kein Experte sein, um zu erahnen, wie schwierig das mit konventionellen Methoden wird: Die Ozeane sind überfischt, die Ausweitung von Farmland befördert den Klimawandel, Wasser und Düngemittel könnten knapp werden.

Insekten als Mittel gegen HungerkrisenRund 1.900 Insektenarten werden weltweit gegessen, die meisten in Entwicklungsländern. Als Kaltblüter verwerten Insekten ihre Nahrung sehr effizient. Verglichen mit Rinderherden emittieren sie nur einen verschwindend geringen Bruchteil an Treibhausgasen. Vor allem aber sind sie eine einfache und gesunde Protein- und Mineralienquelle und enthalten gesunde Fette – das macht sie zu einer umweltfreundlichen Fleischalternative.

Im Mai erregte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weltweite Aufmerksamkeit mit einer 200 Seiten starke Studie, in dem sie all die Vorteile der Entomophagie aufzählte.

Für den Report trugen Forscher unter der Leitung von Entomologen der Universität Wageningen alles zusammen, was zum menschlichen Hunger auf (oder Ekel vor) Insekten verfügbar ist: Die Geschichte von Insekten als Nahrungsquelle, Zuchttechniken, beliebte Spezies, die ökonomischen Effekte, die Vorteile für den Umweltschutz, die Vorurteile in westlichen Ländern. Rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde äßen bereits Insekten. Wenn es nach den Autoren der Studie geht, sollten es viel mehr sein.

Und es sollte mehr Menschen wie Jakub Dzamba geben. Über seine Ideen sprach er bereits auf Veranstaltungen in Bangladesh, Tschechien, Kanada und Deutschland, er war im Fernsehen und zuletzt auf einer Konferenz in New York. „Wenn alle in der Welt vegan lebten, gäbe es vermutlich keine Hungerkrise“, sagte er dort. „Das war aber noch nie so und wird auch in Zukunft nicht passieren. Es ist deshalb sinnvoll, endlich mit der Suche nach anderen Quellen tierischer Proteine zu beginnen.“ Recht hat er. Und er ist mit seiner Suche schon ziemlich weit.

Wie bekommt man Menschen in westlichen Ländern dazu, Insekten zu essen? Jakub Dzamba hat einige Vorschläge:

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