London: Ampeln erkennen Fußgänger und regeln Verkehr von selbst

London: Ampeln erkennen Fußgänger und regeln Verkehr von selbst

von Tobias Finger

Die Hauptstadt verpasst ihren Ampeln ein Upgrade, das Fußgängern die Wartezeit verkürzt - Datenschützern sind dagegen.

Manchen Verkehrsteilnehmer machen Ampeln aggressiv: Immer bleiben sie zu lange rot, dann schalten sie um, obwohl niemand kommt und am besten hat auch noch ein Kind im Vorbeigehen auf den Fußgängerknopf gedrückt. Besonders Autofahrer beißen da schon mal vor Wut ins Lenkrad.

London will den Menschen, die auf seinen Straßen unterwegs sind, den Zahnarztbesuch jetzt ersparen – denn die Ampelanlagen in der Metropole sollen „smart“ werden.

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Sensoren, Kameras und die nötige Software analysieren dazu das Verkehrsaufkommen und verändern je nach Situation die Ampelphasen. Erstmals erprobte London das System während der Olympischen Sommerspiele 2012. Der unglaubliche Zuschaueransturm von 8,8 Millionen Ticketbesitzern hätte den ohnehin chronisch überlasteten Verkehr der britischen Hauptstadt ohne das SCOOT genannte System vermutlich vollends zum Erliegen gebracht.

Fußgänger-Upgrade für SCOOTDer Name des Systems steht für „Split Cycle Offset Optimisation Technique“ und wird auch in Großstädten wie Peking, Sao Paulo oder Toronto eingesetzt. Dort soll es Staus vermeiden und den Verkehr flüssiger machen. In einem Pilotprojekt sollen jetzt auch Fußgänger in London von der intelligenten Ampelsteuerung profitieren.

Bisher regelt das System nämlich lediglich den motorisierten Verkehr an der Hälfte der rund 6.000 Londoner Ampeln. Je nach Verkehrsaufkommen variiert es die Ampelphasen, um eine möglichst konstante Fließgeschwindigkeit mit weniger Stop & Go zu ermöglichen.

Mit der Erweiterung Pedestrian SCOOT erkennen die Ampeln neben dem motorisierten Verkehr per Kamera auch die Anzahl der wartenden Fußgänger, die eine Kreuzung überqueren wollen. Für sie bleibt das Licht anschließend so lange grün, bis alle Wartenden über die Straße gegangen sind.

Ampelknöpfe, die an vielen Fußgängerampeln zum Standard gehören, bekommen ebenfalls ein Upgrade: An den Kreuzungen in der Nähe der U-Bahn-Stationen Balham und Tooting Bec können die Grünphasen in einem ersten Versuch „auf Bestellung“ wieder storniert werden.

Auf dem Weg zur smarten Metropole?Der Hintergrund des Scoot-Projekts für Fußgänger ist einfach: Künftig sollen keine Auto- oder Radfahrer mehr an überflüssig auf Rot geschalteten Ampeln warten müssen. Die neue „Call Cancel“-Funktion soll die Ampeln zudem gegen menschliche Ungeduld oder kindlichen Spieltrieb wappnen. Wer für Grün gedrückt hat, kann, sobald er die Straße überquert hat, per Knopfdruck die Rotphase für Autos beenden.

Außer einer geringeren Umweltbelastung will die Londoner Stadtverwaltung mit dem neuen System auch die Zahl der Verkehrsunfälle in der Acht-Millionen-Metropole reduzieren. Denn insbesondere zur Rush Hour sind dort Verkehrsteilnehmer stark gefährdet.

Für Londons regierenden Bürgermeister Boris Johnson und die Transportbehörde der Stadt ist das neue System ein erster Schritt in Richtung einer „smarten Metropole“. Um den tatsächlichen Nutzen abzuschätzen, scheint es aber noch zu früh. Einen weit kritischeren Blick auf die neue Technik werden aller Voraussicht nach Datenschutz-Verfechter haben.

Denn London als Stadt und Großbritannien als Ganzes gilt ohnehin als führend bei der Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Dass jetzt auch noch die Ampeln unter dem Vorwand der Verkehrssicherheit mit Kameras ausgestattet werden, dürfte erneut die Überwachungsgegner auf den Plan rufen – wohl nicht zu Unrecht.

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