Massenerkrankung: Sind Kraftwerke die Schuldigen?

Massenerkrankung: Sind Kraftwerke die Schuldigen?

von Peter Vollmer

In Jülich erkrankten im Sommer mindestes 39 Menschen an einer Infektion durch Legionellen, einer starb. Die genaue Ursache ist bis jetzt ungeklärt.

Als in Jülich im August Dutzende Menschen an Lungenentzündungen erkrankten, waren Ärzte, Ämter und Medien zunächst ratlos. Die mikrobiologischen Untersuchungen der Patienten ergaben, dass es sich um eine seltene Legionellenart handelte. Die sogenannte Legionellose kann sich auch in anderen Krankheiten äußern, die Lungenentzündung ist davon allerdings die gefährlichste.

Legionellen wurden erst in den 1970er-Jahren entdeckt, auf einem Veteranentreffen in den USA – daher auch der Name. Die Bakterien sammeln sich vor allem in warmem Wasser. Es gilt als vergleichsweise ungefährlich, dieses Wasser zu trinken. Bildet sich allerdings aufgrund höherer Temperaturen ein Aerosol, dann können die Legionellen eingeatmet werden und sich in der Lunge festsetzen.

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In Jülich, einer kleinen Stadt zwischen Köln und Aachen, erkrankten daran in diesem Spätsommer mindestens 39 Menschen, mindestens einer starb daran. Es war die drittgrößte Legionellose-Epidemie seit Einführung der Meldepflicht 2001. Doch die zuständigen Ämter fanden die Quelle nicht: „Wir fanden andere Stämme, auch ähnliche, aber nicht den, den wir in einigen Patienten gefunden hatten“, erklärt Norbert Schnitzler, der Leiter des zuständigen Gesundheitsamtes in Düren.

Man nahm Proben in Klimaanlagen, Klärbecken und Kühltürmen, auch Rückkühlwerke genannt. Dort gibt es bislang nämlich nur freiwillige Grenzwerte, diese liegen bei 1000 sogenannten koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter. Zum Vergleich: In der Trinkwasserverordnung ist ein Maßnahmenwert von 100 KBE festgelegt, bei 10.000 KBE im Leitungswasser kann das Umweltamt ein Duschverbot verhängen.

Legionellen gefundenAm 26. September schien der Schuldige ausgemacht: Im Jülicher Forschungszentrum gab es eine erhöhte Legionellenkonzentration, das „FZJ“ schaltete ein Rückkühlwerk ab. Diese gelten als besonders anfällig für Legionellenbefall, da sie ideale Temperaturen bieten und Legionellen nur schwierig entfernt werden können. Allerdings stimmte der Legionellen-Typ auch hier nicht mit dem überein, der bei den Patienten gefunden worden war.

In den kommenden Tagen mussten auch zwei private Unternehmen ihre Rückkühlwerke außer Betrieb nehmen. Für überregionale Schlagzeilen sorgte allerdings schließlich das nahegelegene Kohlekraftwerk Weisweiler. Das NRW-Umweltamt hatte 61.500 Kolonien im Kraftwerksblock F gemessen. Ein erstaunlich hoher Wert, auch wenn sich Legionellen durchaus in kurzer Zeit explosionsartig vermehren können.

„Warum die Werte so hoch waren, kann man nicht genau feststellen“, sagt ein Sprecher. „Wir haben aber auch schon vorher monatlich gemessen.“ Da sei die Konzentration nicht so hoch gewesen. Der Betreiber RWE musste den 300-MW-Block vom Netz nehmen. Die anderen Blöcke, welche die freiwilligen Richtwerte ebenfalls vielfach überschritten hatten, wenn auch nicht im Ausmaß von Block F, liefen allerdings weiter. Das Aerosol verdünne sich so schnell, das keine Gefahr bestanden habe. Tatsächlich gab es unter den Kraftwerks-Mitarbeitern nach RWE-Angaben keinen Krankheitsfall.

Kritik an Kraftwerk-EmissionenUmweltschützer kritisieren das Braunkohlekraftwerk Weisweiler ohnehin schon lange, wenn auch wegen der Emissionen von Stickstoffoxiden, Schwefeloxiden, Quecksilber und Feinstaub. Die Umweltschutzorganisation WWF nahm das Kraftwerk dieses Jahr erneut in die Top 10 seiner Liste der „dreckigsten 30“ in Europa auf (wir berichteten.) Etwa ein Zehntel aller deutschen CO2-Emissionen kamen in den vergangenen Jahren aus den vier großen Kohlemeilern, die RWE in NRW betreibt.

Der konkrete Legionellen-Typ wurde allerdings auch im Rückkühlwerk des Blocks F nicht gefunden. „Das heißt nicht, dass die Legionellen nicht dort waren“, sagt Gesundheitsamtsleiter Schnitzler. Die Anlagen – nicht nur des Kraftwerkes – sind komplex, die Wasseroberflächen riesig: „Es ist eine schwierige Spurensuche.“

In Weisweiler brachten erneute Messungen immer noch eine Legionellenbelastung von 25.000 KBE hervor, was dem Betreiber RWE einen Rüffel der Bezirksregierung Köln einbrachte. Doch die Beseitigung, gerade in so großen Wasserbecken, ist schwierig. Das Wasser lässt sich nicht einfach – so die klassische Methode – auf 70 Grad erhitzen. Im Rückkühlwerk von Block F pumpten die Betreiber stattdessen das Wasser ab und reinigten die Wände – doch auch das reichte nicht. Am vergangenen Wochenende wurden nun – nach Rücksprache mit den Behörden - Biozide eingesetzt.

Mehr UntersuchungenSchnitzler will weitersuchen, auch wenn er zugibt: „Je länger das dauert, desto unwahrscheinlicher ist, dass wir etwas finden.“ Deshalb erstelle man schon Pläne, wie man im nächsten Jahr auf einen solchen Fall reagieren müsse. Immerhin gibt es in Jülich keine Erkrankungen mehr. Die Stadt profitierte außerdem selbst von Erfahrungen, die vor einem Jahr in Warstein gemacht wurden. Auch dort gab es eine Legionellose-Epidemie bei der mindestens drei Menschen starben. „Dort fand man die Erreger schließlich in jeder Pfütze“, sagt Schnitzler. Deshalb müsse man in Zukunft schneller sein.

Der Verein Deutscher Ingenieure arbeitet derzeit an einer Richtlinie, die noch im Winter veröffentlicht werden soll. Darin sollen Desinfektionswege und vierteljährliche Kontrollen festgelegt werden. Wichtig, findet Schnitzler. Gerade im Sommer müssten die Betreiber kontrollieren. Für ihn sind aber noch zwei weitere Punkte wichtig: Ärzte müssten Lungenentzündungen in jedem Fall darauf untersuchen, ob diese von Legionellen verursacht sein könnten. Häufig ist die Heilung dann einfacher. Doch in Tausenden, vielleicht Zentausenden Fällen passiert dies nicht.

Zudem seien die Vorhaltungen an Laboratorien mehr als unzureichend. In Jülich nahm das Gesundheitsamt die Hilfe des Konsiliarlaboratoriums für Legionellen der TU Dresden in Anspruch. Es hat einen ausgezeichneten Ruf. Doch es würden zu wenig Mittel in solche Labore gesteckt, findet Schnitzler. Denn auch wenn die Epidemien in den vergangenen Jahren eher lokale Themen waren – Legionellen dürften in den nächsten Sommern deutschlandweit Schlagzeilen machen.

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