Medien: US-Blog zeigt die Zukunft des Onlinejournalismus

Medien: US-Blog zeigt die Zukunft des Onlinejournalismus

von Benjamin Reuter

Steckt der Onlinejournalismus in einer tiefen Krise? Ein US-Blog beweist das Gegenteil - mit preiswürdigen Artikeln über Umweltskandale.

Der Journalismus steckt derzeit in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Das zumindest glauben viele, die von Zeitungssterben reden, von hunderten entlassenen Redakteuren, von Artikeln, die das Papier oder die Bytes nicht mehr wert sind auf denen sie geschrieben stehen.

Und tatsächlich: Seit Jahren gehen die Werbeeinnahmen von Magazinen und Zeitungen zurück, die Leserzahlen sinken und im Netz hat eine Gratiskultur dazu geführt, dass sich digitaler Journalismus nur selten rechnet.

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In Deutschlands Verlagen hat man bisher keine Antwort auf diese Krise gefunden. In den USA ist das anders. Dort zeigen Online-Portale wie die Huffington Post, Buzzfeed oder Treehugger, dass man auch mit Netzjournalismus Geld verdienen kann.

Die journalistischen Kinder des Internetzeitalters sind schnell, unterhaltsam und dank vieler Bilder und Videos auch leicht zu konsumieren. Wahrscheinlich zeigen sie eine Möglichkeit, wie in Journalismus künftig erfolgreich ist. Die Frage, die sich viele Beobachter stellen, ist aber: Können diese Onliner, die sich fern der großen Verlage etablieren, auch Qualität?

Redakteure treffen sich nur noch im NetzWer eine Antwort auf diese Frage sucht, kann nach New York fahren. Genauer gesagt nach Brooklyn, in den zwölften Stock eines Wolkenkratzers aus dem 19. Jahrhundert. Dort sitzt die Redaktion von InsideClimate News, einem Online-Portal für Klima- und Umweltjournalismus.

Vor einigen Monaten gewann die Seite einen Pulitzer-Preis für eine Reportage-Reihe über eine Ölkatastrophe im US-Bundesstaat Arkansas.

Der Pulitzer ist die renommierteste Medienauszeichnung der USA, vielleicht der Welt. Normalerweise sind Medienflagschiffe wie die New York Times, die Washington Post und der New Yorker auf die Trophäe abonniert.

Umso überraschter ist der Besucher, als im Redaktionsbüro in Brooklyn nur ein Mann sitzt: David Sassoon. Tiefe Stimme, hellblaues Hemd mit blauer Weste, fester Händedruck.

Sassoon spricht zufrieden von der Sonne, die den ganzen Tag in sein Büro scheint. Er hat es auf Craigslist gefunden, einer Kleinanzeigenseite. Eine nicht allzu erfolgreichen Anwaltskanzlei suchte einen Untermieter.

Mit einer Ein-Mann-Redaktion in einem untergemieteten Raum gewinnt man heute also Journalistenpreise? „Das Internet macht es möglich“, sagt Sassoon. Sein Team bestehe eigentlich aus acht festen und drei freien Redakteuren, die über die ganze USA verteilt sind – von Kalifornien, über den Mittleren Westen bis eben New York. Ihre Themen sind vor allem Energie- und Klimapolitik.

Die Folge der dezentralen Arbeitsweise aber sei gewesen, erzählt Sassoon lachend, dass bis zur Pulitzerverleihung in New York sich keiner der Redakteure je persönlich getroffen hatte. Dabei gibt es InsideClimate News schon seit 2007. Redaktionssitzungen finden nur über Skype oder Google statt.

Klicks sind keine WährungAber die Redaktionsstruktur ist nicht das einzig ungewöhnliche an InsideClimate News. Sassoon widersetzt sich auch allen Gesetzen, die angeblich für Onlinejournalismus gelten.

Das Portal verzeichnet im Monat gerade einmal 300.000 Seitenaufrufe (Spiegel Online kam 2012 auf knapp 900 Millionen) und Sassoon publiziert nur einen Text pro Tag. Alle anderen Artikel sind von anderen Online-Portalen übernommen.

Die Idee für InsideClimate News kam Sassoon im Jahr 2007 als der Journalismus in den USA seine größte Krise erlebte. Hunderte Redakteure verloren ihren Job und vor allem die Umweltberichterstattung wurde in vielen Zeitungen zurückgefahren. „Das war unsere Chance, in eine Lücke zu stoßen“, sagt Sassoon.

Nur wo sollte das Geld herkommen? Zuvor war der Journalist mit zwei Projekten gescheitert: Einem Online-Portal über Erziehung und Ausbildung und einem über Menschenrechte. Beide Male fehlte das Geld.

Doch für seine Umweltseite konnte er von drei Stiftungen Geld einwerben. Seitdem hat er 800.000 Dollar im Jahr zur Verfügung, um die Redakteure zu bezahlen und Programmierer für seine Seite. Das gibt ihm die Freiheit, nicht auf Masse setzen zu müssen, wie andere Online-Portale, die sich über Werbung finanzieren. Ihr Kalkül: Je mehr Klicks, desto mehr Einnahmen.

Reichweite schaffen die anderenStatt auf Artikel, die möglichst viele Klicks generieren, will Sassoon Geschichten veröffentlichen, die „beeinflussen, wie wir über den Klimawandel oder Energieerzeugung reden und denken.“ Dass seine Seite von Politikern in Washington, Umweltaktivisten und den wichtigen Leuten in der Wirtschaft gelesen wird, reicht ihm.

Um eine größere Anzahl Leser mit einzelnen Themen zu erreichen, setzt Sassoon auf Kooperationen. Derzeit drehen seine Redakteure zusammen mit einem Team des US-Weather-Channel eine Reportage über den Zusammenhang von Naturkatastrophen und Klimawandel. Der Wetterkanal erreicht in den USA mit seiner Webseite mehr als 100 Millionen Amerikaner pro Monat. Die Artikel von Sassoon und seinem Team erscheinen auch im englischen Guardian und laufen über den Nachrichtendienst Associated Press.

In Deutschland sucht man Projekte wie InsideClimate News, die unabhängig von Verlagen relevanten Journalismus bieten, noch vergeblich (ausgenommen vielleicht Angebote wie die Kulturseite Perlentaucher). Wahrscheinlich weil Journalisten hierzulande zu wenig unternehmerisch denken. Sassoon ist gerade dabei, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das den Bestand über die nächsten Jahre sichert – und mit dem er sogar expandieren kann.

Recherche über mehrere MonateSein Ziel: Ein Budget von vier Millionen Dollar pro Jahr und 25 fest angestellte Redakteure. Um das zu schaffen, wird demnächst ein Werbe- und Wirtschaftsfachmann zur Redaktion stoßen. Er soll Unternehmen als Werbepartner gewinnen, wohlhabende Einzelpersonen zu Großspenden animieren und das Crowdfunding ausbauen, so dass auch die Leser mehr für das Projekt geben. Erst kürzlich spendeten die Leser innerhalb von drei Wochen 25.000 Dollar für Recherchen.

Ganz neu ist Sassoons Idee nicht. Auch das renommierte Journalistenkollektiv ProPublica finanziert sich in den USA seit Jahren durch Spenden von Wohlhabenden und Stiftungen, denen kritischer Journalismus am Herzen liegt. Bisher aber wurde dieses Modell eher als Einzelfall gesehen und nicht als Vorbild für eine ganze Branche, die nach einer Zukunft sucht. Ist Sassoon erfolgreich und sollte sein Team bald wieder einen Pulitzer gewinnen, könnte er als Vorbild für viele weitere ähnliche Projekte in anderen Themenbereichen dienen. Vielleicht auch in Deutschland.

Auch an der nächsten großen Geschichte arbeitet InsideClimate News schon. Und das seit einigen Monaten. Eine durch Gas-Fracking ausgelöste Umweltkatastrophe ist das Thema. Erscheinungstermin: Ende des Jahres.

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