Meeresspiegel: Forscher streiten über Höhe des Anstiegs

Meeresspiegel: Forscher streiten über Höhe des Anstiegs

von Thiemo Bräutigam

Eines ist sicher: Der Meeresspiegel steigt. Aber wie sehr, darüber streiten sich die Forscher.

Steigt der Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten nur einige Zentimeter oder sogar mehrere Meter? Darüber streiten Wissenschaftler des Weltklimarates, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) derzeit.

Im Juni gelang ein Entwurf des fünften IPCC-Klimareports an die Öffentlichkeit - das Papier wird offiziell erst Ende dieser Woche vorgestellt. Die möglichen Ergebnisse werden allerdings bereits jetzt heiß diskutiert. Der umfassende Bericht gilt als wissenschaftliche Grundlage weltweiter Klimapolitik, an dem ein globales Netzwerk von hunderten Wissenschaftlern mitarbeitet.

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Der Anstieg des Meeresspiegels ist einer der Kernpunkte - ob er hundertausende oder gar mehrere millionen Menschen betrifft, darüber entscheiden Zentimeter. In dem an die Öffentlichkeit gelangten Entwurf ist nun zu lesen, dass der Anstieg des Meeresspiegels signifikant höher ausfallen wird, als noch 2007 vorhergesagt.

Aber wie kommt es dazu?

2007 hatten die Wissenschaftler noch einen Anstieg zwischen 18 und 59 Zentimetern bis 2100 vorhergesagt. Das fanden viele Forscher schon damals zu konservativ geschätzt. Sie fanden, dass auch das Schmelzen der Eisdecke von Grönland und der Antarktis in den Vorhersagen berücksichtigt werden müsse. Laut IPCC waren die Datenlage aber zu schwach, um diese Effekte einzubeziehen.

In den vergangenen sechs Jahren wurden die Modelle aber verbessert. Die Voraussagen seien nun genauer und es könne laut dem Entwurf des IPCC Berichts zu einem Anstieg von bis zu einem Meter im Jahr 2100 kommen. Dennoch gibt es weiter Unsicherheiten. Die Geschwindigkeit des Anstiegs, die globalen und regionalen Unterschiede sowie die Höchstmarke, die der Anstieg erreichen kann, seien ungewiss.

Einer der stärksten Kritiker der IPCC-Vorhersagen war damals der Ozeanograf Stefan Rahmstorf vom PIK in Potsdam. Anhand eines halbempirischen Verfahrens ermittelte er bereits 2007 einen Anstieg von bis zu 140 Zentimetern. Gegenüber den Ergebnissen des IPCC war dieses Ergebnis mehr als doppelt so hoch.

Der Bericht des IPCC wurde jedoch veröffentlicht, ohne dass Rahmstorfs Modell berücksichtigt wurde. Seine Studie erschien erst nach dem Stichtag für die Frist, die der IPCC ausgegeben hatte. Denn die Berichte sind in erster Linie eine Zusammenfassung des Forschungsstandes der vergangenen Jahre. Zur Zeit der Veröffentlichung des Sachstandsberichtes werden auf Kongressen meist schon wieder aktuellere Zahlen behandelt.

Wie kommen die Zahlen zustande?Rahmstorf ist auch ehemaliges Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung (WBGU) und an mehreren Gutachten beteiligt, die kontrovers diskutiert wurden. Sein Modell beruht auf einer vollkommen anderen Berechnungsgrundlage: Gängig sind sogenannte Prozessmodelle - dabei werden möglichst aktuelle Daten herangezogen und auf deren Basis Vorhersagen getroffen. Rahmstorf hingegen nutzt historische Daten: Er schaut auf den jährlichen Anstieg seit 1880. Verknüpft mit den Lufttemperaturen der jeweiligen Jahre ergibt sich ein sehr einfaches Verhältnis: Je wärmer die Luft, desto höher der Meeresspiegel.

Der Vorteil dieser halbempirischen Methode ist, dass sie den historischen Anstieg genau berechnet. Warum der Meeresspiegel steigt, spielt in dem Modell allerdings keine Rolle. Gleichzeitig kann das Ergebnis auch keine wirkliche Aussage für die Zukunft machen. Denn ob das Verhältnis Lufttemperatur-Meeresspiegel so bestehen bleibt, weiß niemand.

Soviel ist klar: Je nach Modell variiert das Ergebnis. Auf welches sollen sich Wissenschaftler und Politiker also am Ende berufen? Die Prozessmodelle haben in den vergangenen Jahren klare Steigerungen in der Genauigkeit erreicht. Immer mehr Faktoren wurden in der Berechnung berücksichtigt. Dazu gehören die möglichen Verschiebungen der Landmassen, die vorherrschende Lufttemperatur aber auch der Einfluss von Strömungen wie dem Golfsstrom und den Passatwinden.

Dennoch bleiben die Wissenschaftler selbstkritisch. Das Verhalten der großen Eisflächen in der Antarktis und Grönland bleibt schwer zu erfassen. Ob dieses Landeis schmilzt, wie schnell das passiert kann und wie hoch dadurch der Meeresspiegel steigt - diese Fragen können die Forscher nicht abschließend beantworten.

Welches Modell ist das Bessere?Dass der IPCC die Werte nun nach oben korrigiert kommentierte Rahmstorf gegenüber WiWo Green mit den Worten: "Es ist bemerkenswert, dass der IPCC jetzt unabhängig von uns zu höheren Projektionen kommt - was meine Einschätzung bestätigt, dass die Modelle 2007 nicht ausgereift waren. Trotzdem: Die Ergebnisse stehen nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich," so Rahmstorf. Wichtig sei doch die Erkenntnis, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 und darüber hinaus ansteige.

Für einige Wissenschaftler des IPCC sind die halbempirischen Modelle jedoch weiterhin unbrauchbar. "Der einzige Vorteil ist, dass sie leicht zu berechnen sind", kritisiert der Glaziologe Philippe Huybrechts im Fachmagazin Nature. Huybrechts geht noch weiter: Er hält die Zahlen der Rahmstorf-Modelle schlicht "für falsch".

Rahmstorf selber räumt in dem Nature-Artikel ein, dass das Modell "für die nächsten 50 oder 100 Jahre richtig sein kann. Wir wissen es nicht." Gegenüber WiWo Green ergänzt er: "Besser im Sinne von erstrebenswert sind natürlich immer auf physikalischen Prozessen basierte Modelle. Es gibt aber Fälle, wo die Zusammenhänge zu komplex sind und die Verwendung einfacher Modelle Sinn macht." Viel verlässlicher als sein Modell seien aber die Berechnungen des IPCC auch nicht. Zum Beispiel könnten sie das Verhalten der Kontinentaleismassen nicht berücksichtigen.

Bei aller Uneinigkeit scheint eins jedoch gewiss: Der Meeresspiegel steigt. Die zahlreichen Faktoren wie Lufttemperatur, die Eismassen und die Meeresströmungen beeinflussen das Phänomen. Ob sich der Anstieg damit tatsächlich auf den Zentimeter genau ausrechnen lässt, ist bisher ungeklärt. Das Problem dabei: Im Küsten- und Hochwasserschutz kann eine Fehlplanung tragische Folgen haben.

Aktuell wird an den deutschen Küsten mit einem ortsabhängigen Anstieg zwischen 15 und 30 Zentimetern  in den nächsten 100 Jahren gerechnet. Ob diese Werte reichen, müssen Ingenieure auch anhand solcher Gutachten entscheiden. Dass diese Entscheidung aufgrund der unterschiedlichen Szenarien keine einfache ist, liegt auf der Hand.

Fest steht aber auch, dass die Menschheit immer noch genügend Zeit hat, sich der Entwicklung anzupassen – auch wenn das bedeuten mag, ganze Landstriche dem Meer zu überlassen.

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