Mobilität: London investiert eine Milliarde Euro für Radler

Mobilität: London investiert eine Milliarde Euro für Radler

von Felix Ehrenfried

London will mit hohen Investitionen ein geschlossenes Netz an Fahrradwegen schaffen. Ein Plan, von dem deutsche Radlfans nur träumen können.

Es klingt beeindruckend: Boris Johnson, seines Zeichens Londoner Bürgermeister, will die Hauptstadt Großbritanniens zum Paradies für Radler umbauen. Dafür will die Stadt rund 914 Millionen Pfund (rund 1,01 Milliarden Euro) in den nächsten zehn Jahren ausgeben. Ziel des Projektes ist es, dass Fahrradfahren zu einem festen Bestandteil des Londoner Verkehrssystems wird.

Dabei soll unter anderem eine Art „Autobahn“ für Fahrradfahrer entstehen, die sich vom Osten der Megacity in den Westen Londons zieht. Um unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Fahrkönnen der Radler gerecht zu werden, soll es auf dem „Fahrradhighway“ mehrere Spuren geben: Eine für flotte und versierte Radler, eine für die eher Gemütlichen oder Unsicheren. Außerdem soll ein durchgehendes Netz an Fahrradwegen die englische Hauptstadt durchziehen - wie jetzt eben schon Gehwege oder Straßen für Autos.

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Die Vorteile des engagierten Plans liegen auf der Hand. Einen simplen ökonomischen Nutzen hat der Aufbau eines Netzes von Fahrradspuren: Er schafft zahlreiche Arbeitsplätze für den Aufbau und die Instandhaltung des Netzes. Bei den Ausmaßen des Projektes und der Fläche Londons könnten damit für lange Zeit zahlreiche neue Beschäftigungsplätze geschaffen werden.

Außerdem führen begeisterte britische Blogger das Argument an, dass durch die Fahrradnutzung die Leute Geld sparen würden, da sie  keine teuren Ausgaben für Autoinstandhaltung und hohe Tankrechnungen mehr hätten. Stattdessen werde das Geld dann woanders ausgegeben, nämlich in Großbritannien selber. Ein Argument dass für die automobiltechnische eher schwache Insel möglicherweise gelten mag, im „Land der Autobauer“, Deutschland, würden sicherlich eher Kritiker solch eines Fahrradprojektes dieses Argument nutzen.

Auch der Gesundheit nützt esAbgesehen von diesen ökonomischen Argumenten: Ein Ausbau des Fahrradnetzes ist aus gesundheitlicher Sicht von Vorteil. Sicherlich: Fahrradfahrer atmen die Abgase von Autos ein und laufen Gefahr, von solchen angefahren zu werden.

Dennoch steht diesen zwei Argumenten der Gesundheitsfaktor überlegen gegenüber. Regelmäßiges Fahrradfahren verringert das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung, der Volkskrankheit Nummer Eins im westlichen Europa. Außerdem werden durch extra Fahrradstraßen, wie in London geplant, Risiken von Zusammenstößen mit Autos so gut wie ausgeschlossen und auch die Belastung durch Abgase verringert sich deutlich. Dass das Ganze der Umwelt zu Gute kommt, sei der Vollständigkeit halber auch genannt.

Doch der Londoner Plan soll nicht nur durch eine bessere Infrastruktur Fahrradfahren sicherer machen, es soll vor allem auch an dem Image des Radlers gefeilt werden. Ist das Fahrradfahren in Städten wie Kopenhagen und Amsterdam schon längst Fortbewegungsmittel durch alle Gesellschaftsschichten hindurch, scheint in Europas Finanzmetropole dem Radeln noch ein leicht alternativer, vielleicht jugendlich hipper, Touch anzuhängen.

Anders lässt es sich schwer erklären, dass Bürgermeister Johnson bei seiner Präsentation der Fahrradpläne erklärte: „Neben den bewunderswerten Lycra-Trägern  und beneidenswerten  Ost-Londonern auf ihren Fixies, möchte ich mehr Fahrradfahrer sehen wie man sie aus Holland kennt, unterwegs im gemütlichen Tempo auf ihren Drahteseln.“ Das klingt nach einem Fortbewegungsmittel für alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten.

Auch die Banker sollen RadelnDas Bild, einen Banker der Großbank Barclays im Anzug hinter einem Mitarbeiter von Starbucks und einer älteren Dame durch die Londoner East-Side radeln zu sehen, wirkt dabei durchaus charmant.

Der Plan hätte einen weiteren positiven Effekt. Weniger Autos würden in den Rushhours die Innenstadt verstopfen und das zügige Vorankommen von beispielsweise Rettungskräften behindern. Auch scheint das Argument, dass London mit seinem Regen ein ungeeignetes Pflaster für Fahrradfahrer sei, nicht ganz triftig. In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen regnet es ähnlich oft und hier wird trotzdem munter geradelt.

Die rund eine Milliarde Euro, die London in den nächsten zehn Jahren für seine Radler ausgeben will, klingt zunächst nach sehr viel Geld. Dennoch gibt es Kritik, dass die Gelder nicht ausreichen werden, um das ehrgeizige Ziel umzusetzen. So hätten sich zum einen die Unfälle durch das Fahrradfahren seit 2006 verdoppelt, wie das Londoner Transport-Komitee warnt. Auch am bestehenden System muss also nachgebessert werden.

Kritiker monieren zudem: Die 913 Millionen Pfund entsprächen auf ein Jahr herunter gerechnet lediglich dem Budget, das London 2010 für Fahrradfahrer ausgegeben hat – ohne großzügige Umbauten.

Deutsche Städte haben weniger als ein Zehntel des Budgets für FahrradfahrerTrotz der Kritik, die Pläne in der Metropole an der Themse klingen rosig, vergleicht man sie mit Deutschland. Bettina Cibulski, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), ist überzeugt, dass Fahrradfahren ein Schlüssel zur Attraktivität einer Stadt ist: „Wenn man wirklich Menschen aufs Fahrrad bringen möchte, braucht es einerseits politischen Willen, andererseits aber auch Geld. Denn nur durch konsequente Förderung des Radverkehrs und des ÖPNV, kann man den Verkehrskollaps in den Großstädten verhindern und die Städte wieder lebenswerter machen.“

Auch die Finanzierung in London sieht sie positiv, vergleicht man sie mit den Ausgaben hierzulande:  „Eine Milliarde Euro ist ein Vielfaches dessen, was die deutsche Bundesregierung für den Radverkehr ausgibt: nämlich 74 Millionen Euro.“  Und das, obwohl in deutschen Großstädten das Rad als Fortbewegungsmittel mindestens genauso verbreitet sein sollte wie in London.

Rechnet man das Londoner Budget auf ein Jahr hinunter, stehen der Großstadt jährlich rund 100 Millionen Euro zur Verfügung. Vergleicht man das mit Berlin, der einzigen deutschen Stadt, die annähernd an die Bevölkerung Londons herankommt, wird der Umfang des Projektes deutlich. In der deutschen Hauptstadt sind für 2013 rund 5,5 Millionen Euro für neue Radwege und deren Pflege eingeplant. Eine Erhöhung des Etats auf 17 Millionen für 2017 sorgte im Senat kürzlich erst für eine Debatte.

Doch ganz so dunkel  ist das Klima für Fahrradfahrer in Deutschland nicht. Städte wie Freiburg und Frankfurt setzen schon seit Jahren auf den beständigen Ausbau der Fahrradinfrastruktur. Wer wissen will, wie es um die Situation für Fahrradfahrer in anderen deutschen Städten bestellt ist, sollte sich den Fahrradklima-Test des ADFC vornehmen.

 

 

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