Mogelpackung: Wie Discounter Verbraucher in die Irre führen

Mogelpackung: Wie Discounter Verbraucher in die Irre führen

von Peter Vollmer

Discounter wie Aldi buhlen mit Schummel-Etiketten um Kunden. Meist kommt das Schnitzel nicht wie suggeriert vom lokalen Metzger sondern aus der Fleischfabrik.

Ein Etikett in Pergament-Optik, ein friedlich grasendes Schwein und darüber der Schriftzug „Meine Metzgerei“. Geradezu idyllisch mutet die Verpackung an, in die Aldi Süd täglich hunderte Kilogramm Fleisch packen lässt.

Es scheint, als habe der Mülheimer Lebensmittel-Discounter ein Händchen für Verpackung, die Ware günstig, aber nicht billig aussehen lässt.

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Für den grünen Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff ist der Landhof-Metzger-Flair, den das Etikett verströmt, allerdings nichts als Schwindel: „Das ist ein geschickter Schachzug. Metzgereien sind ja positiv besetzt. Mit klassischem Fleischerhandwerk hat die Massenproduktion von Tönnies aber nicht viel zu tun.“

Hinter "Landhof-Flair" steckt MassenwareDas Tönnies Fleischwerk ist einer der größten Schlachtbetriebe Europas; beliefert Lidl, Rewe und eben auch Aldi. 16 Millionen Schweine wurden 2011 geschlachtet, alleine durch den Betrieb in Rheda-Wiedenbrück gehen laut Ostendorff täglich 25.000 Schweine.

„Viele Verbraucher beschäftigen sich mit den Verhältnissen in den Ställen, mit der Massentierhaltung, aber irgendwann finden sie sich dann doch im Discounter wieder, weil man beim echten Metzger eben 20 Euro für ein Filet hinlegt.“

Dann sehen sie in der Kühltheke verpacktes Fleisch mit dem Schriftzug "Meine Metzgerei". Er suggeriere, man kaufe Fleisch vom regionalen Kleinbetrieb. Das verführe die Kunden dazu, zuzugreifen. „Verbrauchertäuschung ist das“, meint Ostendorff.

In Billig-Fleisch stecken verdeckte KostenSchon 2011 führte Aldi die Marke „Meine Metzgerei“ für Wurstwaren ein. Der Deutsche Fleischer-Verband DFV mahnte Aldi damals ab, auch weil der Discounter Begriffe wie „aus eigener Schlachtung“ verwendete.

„Nach Auffassung des DFV wird insbesondere mit Aussagen wie ‚Nach guter handwerklicher Tradition hergestellt‘ der Unterschied zwischen Industrie und Handwerk verschleiert“, schrieb der Verband damals. Aldi sicherte zu, auf solche Formulierungen zu verzichten. Daran hielt sich der Discounter.

Die niedrigen Preise zu denen Discounter Frischfleisch anbieten, verdecken oftmals ökologische wie sozialen Kosten. Tiere müssen eingepfercht lange Transportwege bis in Schlachthaus ertragen.

Medien haben von südosteuropäischen Arbeitern berichtet, die ohne Versicherungsschutz zu Niedrigstlöhnen buckeln. Das sind nur einige der Probleme, die durch Intensivtierhaltung auftreten.

Auch Fleischproduzent Tönnies ist wegen zu niedriger Löhne und vermeintlich fehlendem Arbeitsschutz in die Kritik geraten.

"Tönnies attackiert die Fleischer"Jeder Deutsche verzehrt jährlich im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch. Der Löwenanteil kommt heute von großen Supermärkt-Ketten. Ostendorff ist daher „froh um jedes Handwerksfachgeschäft, das es noch gibt.“ Hier weiß man gewöhnlich, wo das Fleisch herstammt und wer die Tiere schlachtet.

Die kleinen Metzger genießen laut Ostendorff das Vertrauen ihrer Kunden. Von diesem will sich Aldi Süd mit seinen Etiketten gern eine Scheibe abschneiden.

Diese Markenstrategie komme aber nicht allein vom Discounter, vermutet Ostendorff: „Auch Tönnies attackiert die Fleischer.“ Er glaubt, dass Discounter und Fleischkonzern die Idee gemeinsam entwickelt haben. Tönnies verstecke seine Produkte hinter einer Vielzahl an Namen, nur nicht hinter dem eigenen.

Auch Lidl arbeitet mit irreführenden EtikettenAuf Anfrage heißt es dazu bei Aldi Süd: Bei der Eigenmarke ‚Meine Metzgerei‘ handele es sich um eine eingetragene Marke von Aldi Süd, die analog zu anderen Eigenmarken im Handel wie "Metzgerfrisch" (Lidl), "Meine Käserei" (ebenfalls Lidl) oder Wilhelm Brandenburg (Rewe) geführt werde.

Auch andere Ketten sorgen also mit ihren Marken für zweifelhaften, heimeligen Kleinbetriebsfair – denn auch sie werden von Tönnies mit Fleisch beliefert.

Weder bei Lidl noch bei Aldi kommt das Fleisch frisch von der kleinen Metzgerei, sondern vom Großschlachter. Hinter zahlreichen Marken, die die Landhofidylle im Namen tragen, steht der Tönnies-Konzern, der möglicherweise auch Ideengeber für die Aldi-Marke "Meine Metzgerei" war.

Eine Sprecherin von Aldi Süd rechtfertigt sich: „Neben den herkömmlichen Angaben auf den Verpackungen bietet Aldi Süd zusätzlich über eine Rückverfolgbarkeitsplattform herkunft.aldi-sued.de chargenbezogene Herkunftsinformationen".

Interessierte Verbraucher könnten dort ja erfahren, aus welchem Land die Tiere stammten, wo die Schlachtung stattfinde und wo das Fleisch verarbeitet werde.

„Jegliche Falschannahmen zur Herkunft oder Verarbeitung des Produktes möchten wir damit vorbeugen“, sagt sie.

Auch Ostendorff, selbst Landwirt, will den Verbraucher nicht aus der Verantwortung entlassen: „Es gibt Alternativen. Ein Tier zu halten ist teuer, auch wenn wir nicht von Bio reden, das braucht vor allem Platz. Und der Verbraucher weiß das.“

Wer nicht beim Metzger seines Vertrauens kauft oder sich etwa für Fleisch mit dem EU-Biosiegel entscheidet, muss sich wohl selbst informieren. Das gilt zumindest für die Verbraucher, die sich für die Produktionsbedingungen interessieren.

Nur so erfährt der Kunde, welchen Weg sein Schnitzel tatsächlich zurückgelegt hat - so schön die Verpackung auch sein mag.

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Wie sieht es aus in deutschen Ställen und Schlachtereien? WiWo Green widmet sich in einer Artikelreihe den „Schattenseiten der Massentierhaltung“. Wie eine verantwortungsvolle Tierhaltung aussehen kann, erfahren Sie im dritten Teil dieser Serie.

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