MSC-Siegel aberkannt: Ostsee-Dorsch ist nicht mehr nachhaltig

MSC-Siegel aberkannt: Ostsee-Dorsch ist nicht mehr nachhaltig

von Lisa Hegemann

Die Dorsch-Bestände aus der östlichen Ostsee schrumpfen. Deshalb kassiert das MSC sein Siegel - und warnt die Politik.

Nachhaltigkeit ist auch an der Fischtheke im Supermarkt angekommen: Wer sicher sein will, dass der Thunfisch auf dem Teller aus einem umweltfreundlichen Fang stammt, achtet auf die Kennzeichnung. Das bekannteste Siegel stammt vom Marine Stewardship Council (MSC), der 1997 vom Naturschutzbund WWF und vom Lebensmittelkonzern Unilever gegründet wurde, heute aber unabhängig agiert.

Genau genommen zeichnet der MSC damit nicht den Fisch aus, sondern die Fischereien, die den Lachs, den Aal oder die Meeresfrüchte an Land ziehen. Sie verpflichten sich etwa, den Fischbestand nicht zu verändern oder das Ökosystem so wenig wie möglich zu belasten.

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Eine Warnung an die FischereiministerAbgesprochen wird ihnen die Zertifizierung, wenn einer dieser Punkte nicht erfüllt ist. Dafür prüft der MSC regelmäßig, ob die Fischerei zum Rückgang der Bestände führt. Bei einer dieser Kontrollen hat der Rat nun festgestellt, dass der Dorschbestand in der östlichen Ostsee sinkt. Am Donnerstag hat der MSC deshalb fünf Dorschfischereien das Siegel abgesprochen.

Für eine Zertifizierung müsse der Fangbetrieb nachweisen, dass die Fischbestände nicht zurückgingen, sagt Minna Epps, MSC-Programmdirektorin für Skandinavien und die Ostsee. „Leider kamen unabhängige Gutachter zu dem Schluss, dass diese Nachweise aktuell nicht erbracht werden können“, so Epps.

Man könnte nun meinen, es ginge nur um einen Fisch von vielen, um einen Einzelfall. Markus Knigge von der Non-Profit-Organisation The Pew Trusts sieht das anders. Für den Berater für europäische Meeresangelegenheiten geht es nicht um den Dorsch, sondern um einen „Weckruf“ an die Politik: „Das ist eine deutliche Warnung an die Fischereiminister der EU-Staaten“, sagt er. Sie sollten endlich „klare Fanggrenzen“ anerkennen, so Knigge.

EU-Fangquoten liegen über den EmpfehlungenDer Zeitpunkt dürfte vom MSC jedenfalls nicht zufällig gewählt sein. Am Donnerstag setzen sich das Europäische Parlament und der EU-Fischereirat zusammen, um über mehrjährige Fangquoten für bestimmte Fische in der Ostsee zu diskutieren.

Zwar hatte die EU schon 2013 die verbindliche Zusage gemacht, die Überfischung zu beenden. Trotzdem liegen die Fanggrenzen in der Staatengemeinschaft regelmäßig über den Werten, die die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) eigentlich vorgibt. The Pew Trusts geht davon aus, dass die Fangquoten 2016 zwischen 25 und 60 Prozent über den wissenschaftlichen Empfehlungen liegen könnten (siehe Grafik).

Dass der MSC dem Dorsch nun das Siegel entzogen hat, deutet ebenfalls auf diesen Missstand hin. Allerdings ist auch die Organisation selbst nicht unumstritten. So kritisiert Greenpeace beispielsweise, dass laut Regeln des MSC „erschöpfte Bestände unter bestimmen Umständen weiter befischt“ werden könnten. Das entspreche „keiner nachhaltigen Fischerei, da so eine Erholung der Bestände nicht gewährleistet ist“, heißt es auf der Webseite der Umweltorganisation.

Für Markus Knigge ist diese Kritik erst recht ein Zeichen dafür, dass der Dorsch in der östlichen Ostsee bedroht ist: Wenn schon der MSC eine Überfischung befürchte, stehe es wirklich schlimm um den Fisch, so der Experte.

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