Müllproblem: Hamburg produziert nicht zu viel, sondern zu wenig Abfall

Müllproblem: Hamburg produziert nicht zu viel, sondern zu wenig Abfall

von Michael Billig

Um ihre Verbrennungsanlagen auszulasten, muss die Hansestadt wertvolle Materialien verheizen, statt sie zu recyceln.

Im Minutentakt fahren Müllfahrzeuge auf das Betriebsgelände der kommunalen Stadtreinigung Hamburg (SRH) im Stadtteil Bahrenfeld. Dort steht die älteste noch aktive Verbrennungsanlage der Hansestadt.

Ihr Schlot ragt bereits seit 1973 in den Hamburger Himmel. Obwohl sie mittlerweile ein Sanierungsfall ist und gar nicht genug Abfall anfällt, liefert die Müllkolonne ständig neues Futter für den Dino. Dieses fast schon sture Festhalten an der Verbrennung ist es, das der Stadt immer wieder neuen Ärger beschert. Kritiker wie etwa der renommierte Hamburger Wissenschaftler Michael Braungart werfen ihr eine verfehlte Abfallpolitik vor. „Das Recycling steht in Hamburg auf verlorenem Posten“, sagte Braungart in verschiedenen Interviews.

Anzeige

Müllverbrennung hat in Hamburg TraditionDoch Müllverbrennung hat in Hamburg eine lange Tradition und durchaus einen Nutzen. In der Hansestadt wurde im Jahr 1896 die erste Müllverbrennungsanlage (MVA) auf europäischem Festland errichtet. Mit der Anlage wollten die Stadt-Oberen die Vermüllung ganzer Quartiere und somit die Ausbreitung von Krankheiten bekämpfen.

Damals wurde Müll einfach auf die Straße oder in den Hinterhof gekippt. Typhus, Ruhr, Pocken und andere Seuchen fanden in den großen deutschen Ballungszentren einen idealen Nährboden. In Hamburg hatte wenige Jahre vor der ersten MVA eine Cholera-Epidemie rund 8000 Menschen dahingerafft. Die Verbrennung gilt seitdem als eine Art Prophylaxe. Im Jahr 1912 nahm die Hansestadt eine zweite Anlage in Betrieb. Mit beiden Anlagen konnte Hamburg seinen gesamten Hausmüll aus der Welt schaffen.

Die Müllverbrennung ist zum Fluch gewordenHeute tun in und um Hamburg insgesamt vier Verbrennungsanlagen ihren Dienst. Sie befinden sich zum Teil im Besitz der kommunalen Stadtreinigung, zum Teil gehören sie großen Konzernen wie Vattenfall, EEW (Eon Energy from Waste) und EWE (Energieversorgung Weser-Ems). Einst galten die Verbrenner als Segen. Sie bewahrten die Hamburger vor Abfallbergen. Doch heute sind sie ein Fluch.

Sie sind zu groß und zu viele geworden. Das Problem: Die Hansestadt hat sich durch millionenschwere Investitionen und langfristige Lieferverträge mit Laufzeiten von 20 Jahren an die Verbrennung gebunden. Die vier Anlagen zusammen verfügen über eine Kapazität von mehr als einer Million Tonnen. Das reicht für zwei Städte wie Hamburg.

Um den riesigen Bedarf zu decken, verbrennt Hamburg nicht nur den Müll der eigenen Bürger. Die Hansestadt schickt auch im großen Stil den Abfall von Unternehmen, der Schätzungen zufolge ein höheres Wertstoffpotenzial als Hausmüll birgt, direkt in ihre Öfen. Sie karrt außerdem Müll aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie aus anderen Ländern wie Irland und England heran.

Hamburg recycelt nur 35 ProzentDass es Recycling unter diesen Bedingungen schwer hat, liegt auf der Hand. Die Zahlen bestätigen Kritiker wie Braungart. Hamburgs Recyclingquote liegt bei nur rund 35 Prozent. Bundesweit ist sie fast doppelt so hoch. Nun könnte man mit den Abfallforschern argumentieren, die sagen, dass Großstadtmenschen per sé schlechte Mülltrenner sind und das zulasten des Recyclings geht.

Großstädter wohnen in Mehrfamilienhäusern, häufig zur Miete, teilen sich mit anderen Bewohnern eine oder mehrere Tonnen und die Abfallgebühr wird auf alle gleichermaßen umgeschlagen – egal wer wieviel Müll produziert. Also kann auch alles in eine Tonne, folgert der Verbraucher. Das erklärt aber noch nicht, warum das Restmüllaufkommen nirgendwo in Deutschland so hoch ist wie im Stadtstaat Hamburg.

2011 landeten in seinen grauen Tonnen fast 280 Kilogramm pro Haushalt, 40 Kilo mehr als im dichter besiedelten Berlin. Heute ist es zwar etwas weniger, doch bundesweit ist Hamburg weiterhin Spitze. Blaue, gelbe und braune Tonnen sind noch längst nicht in allen Straßen und Höfen angekommen. Wertvolle Materialien, die Firmen recyceln oder zu einem hochwertigen Brennstoff aufbereiten könnten, landen unsortiert in der grauen Restmülltonne und von dort direkt in einer MVA.

Politiker Bill: "Verbrennung hemmt Recycling"Daran hat auch die Einführung der sogenannten Hamburger Wertstofftonne, die nicht nur Verpackungen, sondern alle möglichen Abfälle aus Kunststoff einsammeln soll, nicht viel geändert. Die Hansestadt hängt sogar ihren selbst gesteckten Zielen einer im Jahr 2011 gestarteten „Recyclingoffensive“ hinterher.

In ihrem aktuellen Konzernbericht macht die Stadtreinigung Hamburg (SRH) hiesige Wohnungsunternehmen, die sich – vermutlich aus Platzgründen – weigern, Tonnen in allen Farben aufzustellen, für nicht erreichte Sammelmengen verantwortlich. Politiker wie Martin Bill sehen die Ursache eher bei der Stadtreinigung selbst: „Sie steht in dem Konflikt, einerseits die Müllverbrennungsanlagen füttern zu müssen, andererseits das Recycling fördern zu wollen“, sagt der umweltpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft. Politiker Bill sieht es wie Forscher Braungart: „Die Verbrennung hemmt das Recycling“, sagt er.

Ob es nun die mahnenden Worte der Kritiker sind oder ökonomische Rechenspiele – Anfang dieses Jahres hat die SRH den Liefervertrag über 300.000 Tonnen Abfall mit der Hamburger Verbrennungsanlage Borsigstraße auslaufen lassen. Aber nur, um die 1994 erbaute Anlage von ihren Eigentümern, Vattenfall und EEW, später zu übernehmen. Kostenpunkt: 78 Millionen Euro.

Im September wurde der Deal unterzeichnet und mit einem Versprechen garniert: „Der Kauf bedeutet für alle Bürger langfristige Entsorgungssicherheit und Gebührenstabilität“, warb SRH-Geschäftsführer Rüdiger Siechau für das Geschäft, das der Hamburger Senat noch absegnen muss. Ob sich die Hamburger aber wirklich darüber freuen dürfen, wird stark davon abhängen, ob Siechau auch ein anderes Versprechen einlöst: Den Liefervertrag mit der MVA Stapelfeld über Ende 2016 hinaus nicht zu verlängern und die MVA in Bahrenfeld zu schließen. Wann der Dino in den Ruhestand geht, steht noch nicht fest. Solang tuckern noch viele, mit Wertstoffen beladene Müllfahrzeuge durch das Werkstor.

***

Dieser Text ist Teil eines größeren Features zum Thema Abfall in Deutschland. Hier gelangen Sie zum Text.

 

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%