Nicholas Stern: „Beim Klimaschutz versagen die Märkte“

Nicholas Stern: „Beim Klimaschutz versagen die Märkte“

von Benjamin Reuter

Der Ökonom Nicholas Stern warnt seit Jahren vor dem Klimawandel. Wie man ihn bekämpfen kann, erklärt er im Interview.

Wenn Nicholas Stern, Professor für Wirtschaft an der renommierten London School of Economics, über das größte Problem der Menschheit berichtet, dann reichen ihm ein paar Sätze, um ein Szenario wie aus einem Endzeitfilm zu entwerfen: Stürme, Verwüstung, Trockenheit, Überflutung, Völkerwanderungen, unbewohnbare Küstenstädte – in großen Schritten vermisst der britische Ökonom eine fünf Grad wärmere Welt.

Um diesen Wert, so sagt er, steigt die Temperatur auf der Erde, wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen nicht radikal senken. Wenn Stern heute spricht, dann klingt das noch dringlicher als all die Zahlen, die er 2006 in seinem berühmten Report über die Kosten des Klimawandels zusammengetragen hat.

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Wir von WiWo Green sind im Frankfurter Flughafen, wo Stern einen Vortrag hält. 15 Minuten hat der wahrscheinlich einflussreichste Klimaökonom der vergangenen Jahre Zeit für ein Interview, nicht mehr.

Stern wirbt seit Jahren für eine große Klimaschutzoffensive. Zum Beispiel sollen die Abgasrichtlinien für PKW verschärft werden. Derzeit verhindern aber vor allem deutsche Autobauer eine strengere Vorgabe. Aber eigentlich könnten sie sie erfüllen, sagt Stern. Denn von der Kreativität mit der die Autobauer in den vergangenen Jahren ihre Produkte umweltfreundlicher gemacht haben, ist er begeistert. „Von der Kreativität ihrer Lobbyisten gegen schärfere Vorgaben aber nicht so“, sagt er Interview.

Höherer Preis für VerschmutzungUnd das ist sein Appell an die Politik: „Seid selbstbewusster beim Klimaschutz!“ Zwar versuchten zum Beispiel Energieversorger einen höheren Preis für CO2-Zertifikate zu verhindern. Aber vor allem mit den Einnahmen eines solchen Emissionshandels ließen sich die Erforschung und Markteinführung erneuerbarer Energien finanzieren.

Bisher aber versage der Markt beim Kampf gegen den Klimawandel, sagt Stern. „Wer auch in Zukunft Märkte haben will, muss die Fehler korrigieren.“ Alles andere zerstöre sie.

Mr. Stern, als Ihr Report über die Kosten des Klimawandels im Jahr 2006 erschien, gab es viel Kritik, dass er übertrieben sei. Haben Sie damals die Folgen überschätzt?

Stern: Manche meiner Kollegen meinten ja, das seien sogar Fehler in dem Report. Mehrere Untersuchungen haben aber ergeben, dass das nicht stimmt. Wie aber manche Entwicklungen in dem Report betont und eingeordnet waren, vor allem was die konkreten Schäden durch den Klimawandel angeht – da glaube ich eher, dass wir sie unterbewertet haben.

Was bedeutet das konkret?

Stern: Ganz einfach: Wenn wir uns heute wirklich Gedanken darüber machen, was die Konsequenzen einer Temperaturerhöhung von fünf oder sechs Grad sind, dann sehen wir, dass die Schäden, die wir damals aufgeführt haben, zu gering waren.

Warum haben Sie die Konsequenzen damals unterschätzt?

Stern: Sehen Sie, ich bin Ökonom. Wir lieben Zahlen und wir haben uns damals sehr auf Modellrechnungen verlassen und haben dann die Kosten extrapoliert. Was wir aber nicht getan haben, ist in die reale Welt zu schauen. Was passiert denn eigentlich da draußen, wenn es wärmer wird?

Und, was sehen Sie da?

Stern: Eine fünf Grad höhere Durchschnittstemperatur hatten wir seit 40 Millionen Jahren nicht mehr. Eine drei Grad wärmere Welt hatten wir seit drei Millionen Jahren nicht. Als Homo Sapiens sind wir ja erst seit 250.000 Jahren überhaupt auf der Erde und unsere Zivilisation hat sich erst nach der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren herausgebildet: Ackerbau, Viehzucht, technische Innovationen, unser Wohlstand heute. Die Grundlage dieser Entwicklung war aber ein weitgehend stabiles Klima, das hat unsere Entwicklung befördert.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Stern: Wenn Sie mich fragen, was die wirklichen Kosten, was die wirklichen Schäden des Klimawandels sind, dann sind es die Völkerwanderungen, die durch eine Erwärmung von fünf Grad ausgelöst werden. Das ist das eigentlich Beunruhigende an der Erderwärmung. Wenn man sich vorstellt, dass Südeuropa wie die Sahara aussieht, dann sind das keine guten Aussichten ...

... Jetzt malen Sie aber schwarz!

Stern: Natürlich, all diese Szenarien sind mit Unsicherheiten behaftet. Aber es sind dennoch wahrscheinliche Szenarien. Hunderte Millionen Menschen könnten sich auf den Weg machen. Allein wenn die Wetterzyklen rund um den Himalaya sich verändern, sind davon ein bis zwei Milliarden Menschen betroffen. Ihre Ernährung hängt vom Monsun ab. Viele weitere leben in Küstenstädten und sind verwundbar durch Stürme und den Anstieg des Meeresspiegels.

Also geht den Menschen durch den Klimawandel der Lebensraum verloren?

Stern: Nicht unbedingt der Lebensraum. Die Gründe dort zu leben, wo man lebt – also zum Beispiel ausreichend Regen für die Landwirtschaft – gelten nicht mehr; das führt natürlich zu Konflikten. Wenn man hier nur über einen Rückgang des Bruttosozialprodukts redet, wie wir in unserem Report damals, trifft es das Problem einfach nicht. Es geht hier um Menschenleben – das geht über wirtschaftliche Aspekte hinaus.

Brauchen wir dann die Klimaökonomen überhaupt noch?

Stern: Natürlich ist es auch wichtig aufzurechnen, wie viel Infrastruktur durch den Klimawandel verloren geht und was er uns damit kostet. Wenn Kairo und London untergehen kann man berechnen, wie viel Infrastruktur im Wasser versinkt. Aber wie sich dadurch das Leben der Menschen verändert und wie viele Leben das kostet – das müssen wir in die Betrachtung einbeziehen.

Kommen wir zu den Lösungen, um die Katastrophe zu verhindern. Was schlagen Sie vor?

Stern: Ganz einfach: Wir müssen Technologien entwickeln, die uns helfen, dagegen anzugehen. Wir brauchen eine industrielle Revolution.

Ein Beispiel, bitte?

Stern: Eine dringende Maßnahme ist es zum Beispiel, die Emissionsrichtlinien für die Autobauer zu verschärfen. Die Hersteller könnten das auch locker erfüllen. Für deren technische Kreativität habe ich viel Respekt, für deren kreatives Lobbying nicht so sehr. Eigentlich wissen die Autohersteller auch, dass sich etwas ändern muss. Und so wie bei den Autobauern und bei den Autos lassen sich in allen Industrrien und bei allen Produkten signifikante Senkungen beim CO2-Ausstoß erreichen.

Sie meinen also, beim Klimawandel müsste der Staat stärker in die Wirtschaft eingreifen?

Stern: Ich bin Ökonom, ich bin für den freien Markt. Aber ein Scheitern des Marktes nicht zu korrigieren, ist am Ende Anti-Markt. Und beim Klimawandel versagt der Markt schlicht, das muss man sagen. Deshalb brauchen wir einen Preis für Kohlendioxid, der viel höher ist als heute beim Emissionshandel. Dann kommen grüne Technologien auch schneller zum Einsatz. Da muss die Politik dringend selbstbewusster agieren.

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