Nuklear-Unfall in Majak 1957: "Noch heute sterben Menschen"

Nuklear-Unfall in Majak 1957: "Noch heute sterben Menschen"

von Caroline von Eichhorn

Der Atom-Unfall im russischen Majak gehört zu den schlimmsten der Geschichte. Die Juristin Nadezhda Kutepova kämpft für die Opfer.

Sie gehört zu den größten Atomkatastrophen der Welt, aber kaum jemand hat je von ihr gehört: Als 1957 in der sowjetischen Nuklearfabrik Majak an der Südseite des Uralgebirges ein Tank mit radioaktiven Abfällen explodierte, wurde zwanzigmal mehr Radioaktivität freigesetzt als beim GAU in Tschernobyl.

Bis heute sind keine genauen Zahlen über die Folgen des Unglücks bekannt, aber viele tausend Menschen wurden nach der Katastrophe evakuiert, die Krebsfälle in der Gegend häuften sich (einige aktuelle Daten zum Unglück finden sich in dieser Studie). Die Region ist laut dem Physiker Thomas Cochran von der US-Umweltschutzorganisation NRDC der „am schlimmsten verseuchte Fleck auf diesem Planeten“.

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Umweltkatastrophe nach mehr als 50 JahrenMehr als 30 Jahre lang verheimlichte die russische Regierung den Unfall vor den Bewohnern wie vor der Weltöffentlichkeit. Und trotz weiterer gravierender Zwischenfälle ist die Anlage bis heute in Betrieb: Das Unternehmen Majak Enterprises bereitet dort Brennstäbe aus Atomkraftwerken wieder auf und gewinnt waffenfähiges Plutonium. Umweltaktivisten glauben, dass immer noch radioaktives Material aus der laufenden Produktion in den Fluss Techa gelangt.

Für die Opfer der Atomkatastrophe setzt sich unter anderem die Umweltaktivistin und Juristin Nadezhda Kutepova ein. Sie wurde 1972 in der geschlossenen Nuklearstadt Osjorsk in der Nähe des Atomgeländes geboren und erlebt in ihrer eigenen Familie sowie im Umfeld die gesundheitlichen Folgen des Unglücks, die sich bereits in der dritten Generation zeigen.

Vor 14 Jahren gründete Kutepova die Organisation „Planet of Hopes“. Als Juristin verteidigt sie Opfer der Atomindustrie, auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Zwischen 2009 und 2013 hat sie 65 Gerichtsverfahren für Opfer von Atomunfällen gewonnen. WiWo Green traf Kutepova jetzt in Freiburg zum Gespräch.

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WiWo Green: Frau Kutepova, der Unfall von Majak liegt fast 60 Jahre zurück. Welche Schäden gibt es heute noch?

Nadezhda Kutepova: Noch immer befinden sich Dörfer im kontaminierten Bereich, etwa das Dorf Musljumowo, 80 Kilometer vom Atomgelände entfernt. Der Boden dort ist bis heute zu Teilen verseucht, aber keine Schilder weisen auf die gefährlichen Stellen hin. Vor kurzem hörte ich von einem sechsjährigen Mädchen, das an Leberkrebs starb. Ihre Großmutter war damals an den Aufräum-Aktionen beteiligt. So weit reichen die Folgen. Unsere Gene sind über Generationen hinweg zerstört. Das Krebsrisiko in der ganzen Region ist sehr hoch, und andere Krankheiten sind weit verbreitet. Es ist tragisch.

Was muss getan werden, um die radioaktive Verseuchung einzudämmen?

Das Allerwichtigste ist: Der nuklear verseuchte Fluss Techa muss vollständig isoliert werden. Er strahlt nach wie vor. Er ist die große Gefahr für jetzige und zukünftige Generationen. Aber die lokalen Behörden versuchen, das Problem zu umgehen. Sie glauben, dass das Thema Investoren verscheucht. Deshalb mögen sie auch mich und meine Arbeit nicht. Aber sobald der Fluss Techa abgesperrt ist, werde ich die Erste sein, die sagt: hier ist es neuerdings auch sehr sauber. Außerdem erhalten noch viel zu wenige Opfer des Majak-Unglücks Entschädigungs-Zahlungen. Dafür setze ich mich vor Gericht ein.

Wie groß ist die Gefahr, dass eine Katastrophe wie 1957 noch einmal passiert?

Es ist möglich, dass so etwas noch einmal passiert. Einige Geräte in der Majak-Fabrik sind zwar neu, aber einige auch alt. Früher waren sich die Mitarbeiter darüber bewusst, dass sie mit nuklearen hochgefährlichen Materialien arbeiten. Die neue Generation an Mitarbeitern bei Majak Enterprises versteht meiner Meinung nach nicht mehr, was sie tut.

Sie sind in der Nähe des Majak-Komplexes, in Osjorsk, geboren und wohnen noch dort. Warum ziehen Sie nicht weg?

Die Behörden behaupten, dass meine Heimatstadt Osjorsk nicht gefährdet sei. Aber ich glaube das nicht. Denn auch ich bin ein Opfer des Unfalls. Schauen Sie sich meine Familie an. Mein Großvater war Ingenieur bei Majak Enterprise. Er starb an Krebs bevor ich auf die Welt kam. Seine erste Tochter hatte eine Gehirnkrankheit, die auf einen Gendefekt zurückzuführen sein könnte.

Nach dem Atom-Unfall hatten wir viele solcher Fälle in Osjorsk. Mein Vater starb, als ich 13 war. Einer meiner Söhne hat eine schlimme Hautkrankheit, der andere hat einen sechsten Finger an der Hand. Eiegntlich würde ich gerne von Osjorsk wegziehen. Ich will nicht, dass meine Enkelkinder hier aufwachsen müssen.

Warum bleiben sie dennoch und setzen sich vor Ort für die Opfer ein?

Ich bin natürlich müde. Insbesondere enttäuscht mich die mangelnde Unterstützung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Häufig fühle ich mich wie ein weißes Schaf unter vielen Schwarzen. Aber für mich ist der Kampf Routine geworden.

Und wenn ich sehe, wie es den Leuten rund um die Anlage in Majak geht, weiß ich, dass ich das Richtige tue. Meine Arbeit ist mein persönliches Vendetta. Die lokalen Ämter hier machen bisher nichts. Aber ich spüre, dass ich künftig noch etwas verändern kann.

Hier ist Nadezhda Kutepova in einem Video-Interview zu sehen:



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