Ökologische Fußball-WM: Alles nur Greenwashing in Brasilien?

Ökologische Fußball-WM: Alles nur Greenwashing in Brasilien?

von Caroline von Eichhorn

Die Fifa verspricht ein grünes Fußballfest. Brasilianische Umweltexperten aber streiten sich, ob die Umweltinitiativen der WM mehr als PR sind.

Am 12. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Vorbild für das WM-Maskottchen "Fuleco" ist ein einheimisches Gürteltier, das als bedroht gilt. "Fuleco" ist außerdem eine Kombination aus den portugiesischen Wörtern für "Fußball" (futebol) und "Ökologie" (ecologia). Alles Öko also, beim Fußballfest in Brasilien? Eher nicht. Denn immer wieder sorgen unerfreuliche Themen im Vorfeld der WM für Schlagzeilen: Tote beim Bau von Stadien und absurd hohe Kosten. Ist die WM in Brasilien tatsächlich grüner als vorherige Weltmeisterschaften?

Auf keinen Fall, sagt der brasilianische Umweltschützer Dener Giovanini im Gespräch mit WiWo Green. Denise Rambaldi hingegen, ebenfalls Umweltexpertin, sieht Chancen für den Naturtourismus und die Favelas.

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Denise Rambaldi ist Forsttechnikerin, Anwältin und Vize-Vorsitzende der Umweltagentur von Rio De Janeiro. Dener Giovanini erhielt unter anderem den Sasakawa-Preis der UN und schrieb Bücher über Ökologie und innovative Umwelt-Strategien. Wir haben mit beiden über die WM in ihrem Land gesprochen.

WiWo Green: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass Brasilien die WM 2014 austrägt?

Denise Rambaldi: Erst war ich positiv überrascht. Doch bald verflog meine Euphorie, da ich mir Sorgen um die nötigen Investitionen machte, die für ein solches Großprojekt anfallen, und darüber wer am Ende die Rechnung zahlen wird.

Dener Giovanini: Ich fand, dass unser Land eine falsche Entscheidung trifft. Brasilien verpflichtete sich damit, viel Geld in ein Event zu investieren, das für das Land keine hohe Priorität hat. Ich hatte auch Zweifel, dass Brasilien diese Veranstaltung gut über die Bühne bringen kann oder dass sie für politische Zwecke ausgenutzt wird. Leider haben sich meine Befürchtungen erfüllt.

Die Fifa verkauft die WM als ein besonders grünes Fußballfest, etwa mit ihrem „Fuleco“-Maskottchen. Wie grün ist die WM 2014 wirklich?

Denise Rambaldi: Mit der WM in Deutschland 2006 und in Südafrika 2010 hat die Fifa gezeigt, dass ihr Umweltaspekte in den Austragungs-Ländern wichtig sind. Eine wichtige Neuerung war das Umweltschutzprogramm „Green Goal“, das den Ländern hilft, die ökologischen Auswirkungen eines solchen Riesenevents zu reduzieren. Der CO2-Fußabdruck Brasiliens ist zwar höher als der in Deutschland, aber niedriger als in Südafrika – wobei man bedenken sollte, dass er in jedem Land anders bemessen wurde. Brasilien hat ein sauberes Elektrizitäts-Netz mit viel Wasserkraft. Ich würde nicht behaupten, dass in Brasilien die grünste WM aller Zeiten stattfindet, aber Umwelt und Nachhaltigkeit wurden bei der Organisation tatsächlich mitbedacht.

Dener Giovanini: Ich glaube das alles nicht. Die Aussagen und Anstrengungen der Fifa sind nur ein Feigenblatt, nichts anderes als Greenwashing. Die WM in Brasilien bringt keinen effektiven Nutzen für die Umwelt.

Denise Rambaldi: Aber sie ist eine großartige Chance, um den Naturtourismus unseres Landes sichtbar zu machen und zu verbessern.

Dener Giovanini: Nein. Durch das Event haben wir nur ökologische und soziale Verluste.

Was sind die größten ökologischen Probleme, die die WM mit sich bringt?

Denise Rambaldi: Die Hauptprobleme sehen wir in den städtischen Gegenden. Dort wird es, zumindest zeitweise, Engpässe beim Wasser geben. Das gleiche gilt für die Stromversorgung. Aber auch die Müllabfuhr wird sich auf die Spielorte konzentrieren und andere Ecken in den Städten vielleicht vernachlässigen.

Dener Giovanini: Es geht um das Gesamtbild. Brasilien erweist sich als völlig unfähig darin, ein Großevent zu organisieren.

Es soll Solarpanels auf den Dächern der Stadien geben. Bringt das überhaupt etwas?

Denise Rambaldi: Alle Stadien sind mit Solarzellen ausgestattet und einige davon werden mehr Energie produzieren als sie benötigen. Der Mehrertrag wird ins Netz eingespeist. Außerdem orientieren sich die Stadien an den Richtlinien der LEED- Gebäude-Zertifizierung. Sie nutzen also möglichst viel natürliches Licht und verwerten Regenwasser. In dieser Hinsicht sind die Stadien tatsächlich auf dem neuesten technischen Stand.

Den Bau der Stadien haben mehrere Bauarbeiter nicht überlebt. 

Dener Giovanini: Es ist furchtbar beschämend für unser Land. Der Bau der Stadien ist völlig außer Kontrolle geraten, sowohl bei den Sicherheitsvorkehrungen als auch bei den Kosten. Ganz zu schweigen von den grünen Vorhaben für die Stadien. Die Pläne für die Solarzellen sind fehlerhaft, auch werden sie nicht rechtzeitig fertig.

Ist der Regenwald von der WM betroffen?

Denise Rambaldi: Nicht direkt, da keines der Stadien mitten in die Natur gebaut wurde. Indirekt aber schon, weil Ressourcen wie Wasser und Elektrizität zweitweise eine gewaltige Nachfrage erleben werden. Die ist untrennbar verknüpft mit der Gesundheit unserer Wälder.

Wie stark beeinflusst der WM-Tourismus die Natur in Brasilien?

Denise Rambaldi: Da Brasilien ein Reiseland ist, besonders für Naturtouristen, werden einige Destinationen natürlich starken Zulauf haben. Viele Orte haben sich bereits auf große Touristenströme vorbereitet. Zudem findet die WM in der Nebensaison statt.

Dener Giovanini: Die Infrastruktur-Pläne für Tourismus sind nicht ausreichend und kommen zu spät. Brasilianische Flughäfen sind ein wahres Chaos. Sie sind nicht gut vorbereitet auf die WM.

Man liest häufig, dass nur die reichen Gegenden von den WM-Investitionen profitieren. Wie wird das in Brasilien diskutiert?

Dener Giovanini: In Brasilien entsteht eine absurde Immobilienblase. Eine Menge Brasilianer wollen möglichst viel Geld aus der WM ziehen. Und ahnungslose Touristen geben hohe Beträge für wertlose Dinge aus. Den Favelas verkauft man eine Illusion - die ärmeren Gegenden profitieren nicht von der WM. Sie haben keine Chance, dass sich ihr Lebensstandard verbessert. Es ist beängstigend, was die WM mit Brasilien macht.

Denise Rambaldi: Es wurde viel Geld in die städtische Infrastruktur investiert, insbesondere ins öffentliche Verkehrssystem und in den Ausbau von U-Bahnen. Davon profitieren auch die Favelas. Ich denke also insgesamt, dass die WM uns weiterhilft.

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