Ökostadt-Experiment: Sind Unternehmen die besseren Stadtplaner?

Ökostadt-Experiment: Sind Unternehmen die besseren Stadtplaner?

von Martin Fritz

Viele Projekte für Ökostädte sind gescheitert. Panasonic will es nahe Tokio jetzt besser machen.

Wo die Probleme der Menschheit gelöst werden müssen? In Städten, antworten viele Experten auf diese Frage. Schließlich werden bis 2050 80 Prozent der Menschheit in Metropolen wohnen.

Doch die Projekte für nachhaltige Städte, vor allem in China, sind bisher eine Enttäuschung. Über schicke Architekturzeichnungen ist bisher kaum eine Vision hinausgekommen. Denn das Problem ist: Zwar punkten die Siedlungen mit tollen Ökowerten, meist sind die Wohnungen oder Geschäftsräume dort zu teuer und zu unpraktisch.

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Nun soll es in direkter Nachbarschaft zu China besser laufen: Japans größter Elektronikkonzern Panasonic leistet sich zum 100. Firmengeburtstag, der im Jahr 2018 gefeiert wird, für umgerechnet 420 Millionen Euro ein grünes und soziales Langzeit-Experiment: Die weltweit erste Smart City - also eine Stadt, in der Vernetzung zur Nachhaltigkeit beiträgt - die kommerziell betrieben wird und ihre Bewohner auch mit Hilfe demokratischer Selbstbeteiligung zu einem nachhaltig ökologischen Lebensstil bewegen will. Das ist in neuen Wohnsiedlungen in Japan und Asien nicht selbstverständlich.

Fujisawa Sustainable Smart Town, kurz SST, heißt dieses Experiment, das auf 100 Jahre angelegt ist. Die Smart City für 3.000 Einwohner entsteht auf einem alten Fabrikgelände in Fujisawa eine Zugstunde westlich der japanischen Hauptstadt Tokio. Das Projekt symbolisiert den Unternehmenswandel von Panasonic vom Konsumelektronik-Produzenten zum Vollanbieter grüner Technologien, die von der Autobatterie bis zu einer kompletten Siedlung wie in Fujisawa reichen.

70 Prozent weniger CO2Weltweit sollen rund 400 sogenannte Smart Cities mit niedrigerem Energieverbrauch im Bau oder der Erprobung sein. Aber in praktisch allen Fällen handelt es sich um Projekte auf Zeit, die nur mit Hilfe von staatlichen Subventionen realisiert werden. Noch nie hat ein Privatunternehmen eine umweltfreundliche Smart City auf kommerzieller Basis und in der Größenordnung realisiert, wie es Panasonic jetzt in Fujisawa unternimmt.

Auf 19 Hektar entstehen im Verlauf der nächsten fünf Jahre 600 Einzelhäuser und 400 Apartments. Die ersten 100 Häuser sind im Bau und werden ab April bezogen. Panasonic konzentriert sich dabei weniger auf den allerletzten Hightech-Schrei, sondern auf einen möglichst grünen Lebensstil ohne Abstriche beim Komfort.

Die Idee hinter dem Projekt ist dabei klar: “Wir wollen möglichst viele Panasonic-Geräte verkaufen”, sagt Projektleiter Hiroyuki Morita. “Zugleich konzentrieren wir uns auf die Schaffung eines nachhaltigen Lebensstils.” So können die Bewohner anhand des hauseigenen Energie-Management-Systems, das den aktuellen Verbrauch dokumentiert, den besten Umgang mit Energie lernen.

Die ökologischen Ziele sind - gemessen an japanischen Standards - ehrgeizig. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll um 70 Prozent gegenüber einer Siedlung auf dem Niveau von 1990 sinken. Zum Vergleich: Ganz Japan wird laut Regierungsangaben 2020 rund 3 Prozent mehr Klimagase produzieren als 1990. Die Stadt soll 30 Prozent weniger Wasser verbrauchen (Vergleichsjahr 2006) und 30 Prozent erneuerbare Energien nutzen, drei Mal mehr als der landesweite Durchschnitt. Außerdem soll die Stadt im Fall einer Katastrophe, etwa einem Erdbeben, drei Tage energieautark sein können.

Brennstoffzellen im PraxiseinsatzAlle Einfamilienhäuser haben dafür jeweils eine Solaranlage mit 4,5 Kilowatt Leistung und eine Speicherbatterie für 4,5 Kilowatt Kapazität. Die Bewohner können den selbst erzeugten Strom speichern und ihn Abends nutzen oder an den regionalen Energieversorger Tepco zu einem vergleichsweise hohen Einspeisetarif verkaufen. Auch dafür nutzen sie das eingebaute Energiemanagement-System.

Dazu kommt die Option einer Brennstoffzelle, die Erdgas in Strom und heißes Wasser verwandelt. Da in Japan die Nutzung der Privat-Brennstoffzellen hoch subeventioniert ist, lohnt sich auch deren Nutzung. In Deutschland dagegen ist diese Technik bisher kaum verbreitet.

Die Häuser in Fujisawa, die teilweise von der Panasonic-Tochter PanaHome gebaut werden, haben im Vergleich zu den handelsüblichen japanischen Papp- und Plastikhäusern gut isolierte Wände und Fenster. Trotzdem sollen sie in der Anschaffung nicht deutlich teurer sein als Standardhäuser und zugleich niedrigere Betriebskosten haben.

Zwar hat jedes Haus wie gewohnt einen Parkplatz, aber die Bewohner können sich vom Betreiber der Smart-Stadt gegen Gebühr auch elektrische Autos, Fahrräder und Motorräder ausleihen. Die Batterien lassen sich auf kommunalen Parkplätzen aufladen und austauschen. Die Betreiber-Gesellschaft von Fujisawa erzeugt dafür ihren eigenen Strom mit 100 Kilowatt-Solarpanelen am Rande der Siedlung.

Bisher liegt der Fokus vieler Smart-City-Projekte auf der technischen Seite. Möglichst viel und neuartige Elektronik soll die Energiekosten senken - das treibt häufig aber auch die Investitionskosten und die Mieten.

Keine grüne SchlafstadtFujisawa soll auch keine grüne Schlafstadt werden. Stattdessen richtet Panasonic in der Mitte der Stadt eine "Magazin-Straße" und "Lifestyle-Zone" mit Läden für Bücher und Nahrungsmittel ein. Ein Gesundheitszentrum ist der Zugang zu Kindergarten, Altersheim, Nachhilfeschule, Ambulanz und Apotheke mit Diensten rund um die Uhr. Jung und Alt sollen sich dort regelmäßig begegnen.

Vertreter der Bewohner und Betreiber der Stadt sitzen in einem Aufsichtsgremium, das in Absprache mit der Management-Gesellschaft die Dienstleistungen überwacht und verbessert. Die Bewohner sollen auf demokratische Weise in der Stadt mitwirken, während die Betreiberfirma für die Organisation von Diensten verantwortlich ist.

Ein so langfristig angelegtes Experiment kann wohl nur ein japanisches Unternehmen wagen - und es interpretiert den Begriff der "Smart City" in einer bisher unbekannten Weise neu. Ob das Projekt deshalb am Ende erfolgreicher ist als bisherige Ökostadt-Visionen wird sich schon bald zeigen, wenn die ersten Bewohner einziehen.

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