Peinliches Greenwashing: Hannover 96 setzt auf "Biobecher" mit mieser Ökobilanz

Peinliches Greenwashing: Hannover 96 setzt auf "Biobecher" mit mieser Ökobilanz

von Anna Gauto

Bioplastikbecher sollen umweltfreundlich sein - totaler Quatsch, meinen Experten.

Mit einem Sieg gegen Schalke 04 - und neuen, als kompostierbar angepriesenen Getränkebechern, startete der Fußball-Bundesligist Hannover 96 vergangenen Sommer in die Saison.

Der Club krebst aktuell in der Nähe der Abstiegsränge herum. Vom furiosen Auftakt in der heimischen HDI-Arena ist außer viel Ärger wegen der vermeintlich biologisch abbaubaren Becher also nicht viel geblieben.

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Denn die neuen "Biobecher" lassen sich mitnichten, wie vom Verein suggeriert, in Humus verwandeln. Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist die Diagnose klar. „Das grüne Image, das sich Hannover 96 mit seinen Biobechern verpassen wollte, ist scheinheiliges Greenwashing und auch noch schlecht gemacht. Einfach völlig unprofessionell“.

Sinnlos und unökologischDenn anders als der Verein mit dem Begriff des "Kompostierens" nahe legte, zersetzen sich die Einwegbecher, die aus dem Biokunststoff Polylactid (PLA) bestehen, nicht in wertvolle Bodensubstrate. Kompostiert man PLA-Becher, entstehen nur Wasser und Kohlenstoffdioxid – also keine wertvollen Nährstoffe.

PLA-Becher zu kompostieren ist daher nicht nur sinnlos, sondern auch unökologisch, ärgert sich der DHU-Verpackungsspezialist Fischer. Denn PLA löst sich nur unter bestimmten industriellen Bedingungen auf, wahrscheinlich bedarf es zusätzlicher Energiezufuhr.

Es klingt absurd, doch umweltfreundlicher wäre es, die Becher zu verbrennen. Zwar gehen dann die Rohstoffe verloren - PLA wird aus Mais hergestellt - aber wenigstens könnte man einen Teil der Energie zurückgewinnen, indem man die Wärme nutzt.

Bewusste Täuschung oder Unwissenheit?Gut gemeint, schlecht gemacht? Daran und dass der Verein die Becher tatsächlich kompostiert hat, glaubt Fischer nicht.

Nachdem Hannover aus vermeintlichen Sicherheitsgründen (Becher wurden zu Wurfgeschossen) im August 2014 von Mehrwegbechern auf die angeblich umweltfreundlichen und weicheren PLA-Becher umgestellt hat, sucht die DUH mehrfach den Kontakt, informiert den Verein über die verheerende Ökobilanz, lädt zu Gesprächen mit Experten, fragt nach. Hannover blockt ab. Nachweise, ob und wie die Becher kompostiert werden, kommen nie.

Einzig auf der Vereinswebsite ist vom Stadionmanager Thorsten Meier zu lesen:

"Die Becher werden gesondert gesammelt und in den Tonnen bzw. einem Container im Stadion zwischengelagert. Anschließend werden die Becher in PLA-Säcken zu der Kompostieranlage gebracht, in der sie sich vollständig zersetzen." Und: "Der Prozess wurde vorab getestet und funktionierte damals wie heute einwandfrei.“ 

Wieso macht der Verein nicht transparent, wie er die Becher kompostiert, wenn der Ablauf so problemlos ist? Mehrere Male hat die DUH dem Club Fragen zu seinem Becherkonzept geschickt. Darin erkundigte sie sich nach der Anlage, den Kapazitäten und den Bedingungen der Kompostierung. Eine Antwort von Hannover 96 bekam sie bis heute nicht.

Auch auf eine Anfrage von WiWo Green, mit welcher Kompostieranlage der Club zusammenarbeite, reagiert Hannover 96 ausweichend. Man befinde sich in „diversen Abstimmungsgesprächen“, erst im Anschluss daran wolle man Fragen beantworten. Wann das sein soll, ist unklar, ob es überhaupt eine Kompostieranlage gibt, auch.

Statt zu kompostieren will Hannoverplötzlich recyceln„Trotz des nachweislichen Wissens, dass diese Becher die unökologischste Variante sind, hält der Club daran fest“, sagt Fischer. Mit dem Start der Rückrunde Ende Januar 2015 hat Hannover allerdings seine Strategie geändert.

Obwohl sie "einwandfrei" laufe, erklärt der Verein die Kompostierung der in der HDI-Arena eingesetzten Bioplastikbecher plötzlich für beendet. Jetzt will Hannover die Becher recyceln, also daraus neue Becher oder andere Produkte machen.

Thomas Fischer bezweifelt auch das. "Wir machen jedes Jahr eine Umfrage zum Abfallmangement der Bundesligisten. Mir ist kein Verein bekannt, der PLA-Becher tatsächlich recycelt.“

Erfahrungen zeigten, dass das Recycling von PLA-Bechern nicht funktioniere. Sie müssen vorher sortiert und von anderen Kunststoffen getrennt werden, das macht die Sache aufwändig. Gerade in den Fußballstadien landen häufig auch andere Abfälle in den Sammeltonnen für PLA-Becher.

Manche Vereine wie der FC Bayern lagern ihre gebrauchten Einwegbecher laut Fischer über Jahre, was weder hygienisch noch ökonomisch sei. Denn dafür fallen Lagerkosten an. Neue Produkte und Verpackungen entstehen nicht, meist landen die "Biobecher" im Ofen.

Ob Hannover nach der "Kompostaffäre" nun zur grünen Recyclingfee mutiert, ist daher eher unwahrscheinlich. Auch jetzt verschweigt der Verein laut Fischer, wo und wie die Becher recycelt werden sollen - obwohl er das zum Jahresanfang bekannt geben wollte.

Ist Bioplastik per se Unfug?Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen sind nicht per se die schlechtere Alternative zu Rohöl-basierten Materialien. Das gilt allerdings nur, wenn der Anbau der Rohstoffe die Ökobilanz nicht verhagelt.

Das aber passiert, wenn für den PLA-Rohstoff Mais Düngemittel, Pestizide, Wasser, Landmaschinen und möglicherweise Gentechnik, wie bei Maissorten aus den USA, zum Einsatz kommen.

Dass es im Stadion auch umweltfreundlich geht, zeigt der SC Freiburg. Die Breisgauer sind einer der ersten Vereine, die ein Mehrwegsystem eingeführt haben. Auch während der Fußballweltmeisterschaften der Herren und Frauen in Deutschland waren Mehrwegbecher an den Spielstätten Pflicht.

Etwa die Hälfte der Bundesligisten setzt Mehrwegbecher ein. Ein Mehrwegbecher kann 41 Einweggefäße ersetzen. Wolle man die Umwelt tatsächlich schützen, führe daran kein Weg vorbei, sagt Fischer.

Warum setzen nicht alle Vereine auf Mehrweg? Sie scheuen offenbar den Entsorgungsaufwand und die Logistik hinter dem Pfandsystem. Dabei könnten sie Kosten sparen, da der Einkauf neuer Einwegbecher entfalle.

Es bleibt abzuwarten, wie lange Hannover 96 noch an seinen „Recyclingbechern“ festhält, deren Ökobilanz sogar schlechter ist, als die herkömmlicher Plastikbecher. Die nämlich, sagt Fischer, können problemlos recycelt werden.

Bis dahin türmen sich die Abfallberge. Trotz der Fan-Proteste, die sich gegen die "Bio-Einwegbecher" richten. Die Zuschauer müssen ihr Bier weiter aus Bechern trinken, auf denen steht: „Ich bin kein Plastik“.

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Gut gemeint, schlecht gemacht? Bei WiWo Green wollen wir uns regelmäßig vermeintlich umweltfreundlichen Initiativen, Gesetzen und Projekten widmen, die mehr schaden als nutzen. Hinweise nehmen wir gern entgegen - schreiben Sie uns einfach: green.wiwo@gmail.com

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