Philippinen: Umweltschutz hätte Taifun-Katastrophe gelindert

Philippinen: Umweltschutz hätte Taifun-Katastrophe gelindert

von Wolfgang Kempkens

Der Taifun Haiyan hat Verwüstungen und tausende Tote hinterlassen. Intakte Mangrovenwälder hätten das Ausmaß der Katastrophe mildern können.

Auf den Philippinen sind in den vergangenen Jahrzehnten 70 Prozent der Mangrovengebiete zerstört worden. Sie mussten unter anderem Platz machen für Fisch- und Garnelenfarmen. Die Tiere landeten anschließend auch in Europa auf dem Tisch. Die Wälder aus Bäumen und Sträuchern, denen Salz nichts anhaben kann, schützten das dahinter liegende Land vor Flutwellen und Taifunen, und sie boten Meerestieren und Vögeln Unterschlupf. Haiyan, der wohl stärkste Taifun in der Neuzeit, hat die Verwundbarkeit der ungeschützten Küsten jetzt gezeigt.

Die Philippinen besteht aus mehr als 7000 Inseln. Die Küstenlinie ist rund 36.000 Kilometer lang und größtenteils ungeschützt. Schon 2009 hatten Überschwemmungen riesige Gebiete verwüstet.

Anzeige

Steigende Durchschnittstemperaturen und der Anstieg des Meeresspiegels sorgen seitdem für eine Zunahme der Extremwetterlagen. Deshalb begannen die Behörden mit einem Aufforstungsprogramm. Ziel ist es, die „lebenden Dämme“, wie die Mangrovenwälder auch genannt werden, wiederherzustellen.

Auf der Insel Negros zum Beispiel hat das Wiederaufforsten bereits begonnen. Negros ist das drittgrößte Eiland der Philippinen und liegt südwestlich vom zerstörten Gebiet um die Stadt Tacloban. Doch es wird Jahrzehnte dauern, bis die neu angelegte Küstenwälder wieder Schutz bieten – wenn es überhaupt in großem Stil geschieht. Denn die Lobby der Fischfarmer ist groß. Dreimal im Jahr können sie beispielsweise Garnelen ernten und mit hohem Gewinn verkaufen. Angeblich stammen bereits 30 Prozent des weltweiten Verbrauchs aus solchen Farmen.

Auch in zahlreichen weiteren Ländern Südostasiens wie in Thailand, Vietnam, Indien oder Sri Lanka sind Mangrovenwälder rücksichtslos zerstört worden. Doch auch dort denkt man um, vor allem, weil Naturkatastrophen immer größere Schäden anrichten. In Sri Lanka etwa sollen bis 2014 rund 130.000 Mangrovenpflanzen gesetzt werden.

Mangroven sind eine natürliche SchutzbarriereDie Initiative hat ausgerechnet Yuu’n Mee ergriffen, ein Unternehmen, das Fischfarmen betreibt, allerdings ausdrücklich nicht in Mangrovengebieten.

Aber die Rekultivierung braucht viel Zeit. Setzlinge werden in noch intakten Mangrovengebieten gesammelt und in Baumschulen großgezogen. Nach drei bis sechs Monaten sind sie so groß, dass Helfer sie an ihren Bestimmungsorten einsetzen können.

Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit Jahren mit der natürlichen Schutzbarriere Mangrovenwald. Eine Studie indischer Forscher berechnete 2005 die Auswirkungen sogar auf den Cent genau. Dörfer, die einem Wirbelsturm schutzlos ausgeliefert waren, hatten Verluste von 153,74 US-Dollar pro Haushalt zu beklagen. Das ist viel Geld in einer Region, in der eine große Zahl von Menschen unter der Armutsgrenze von einem US Dollar pro Tag lebt. Jene Bewohner, die im Schutz eines Mangrovenwaldes leben, traf es durchschnittlich jedoch nur mit Schäden in Höhe von 33,30 US-Dollar.

Die noch existierenden Mangrovenwälder auf der philippinischen Insel Samal stehen mittlerweile unter Naturschutz. Ulrich Kronberg von „Rettet den Regenwald”, der dort lebt, hat eine Initiative ins Leben gerufen, um weitere Küstenbereiche zu bepflanzen. Bisher sind mehr als 200.000 Setzlinge gesteckt worden, viele von Schülern, die vom Gymnasium aufs College wechseln. Die Schulbehörde hat angeordnet, dass jeder von ihnen fünf Mangrovenbäume setzt.

Auch in Südindien gab es im Jahr 2004 eine verheerende Flutkatastrophe, ausgelöst durch ein Seebeben bei Sumatra. Der Hamburger Meeresschutzverein Deepwave hat gemeinsam mit örtlichen Umweltschützern das Projekt Mangreen (Mangrove Ecological Restoration in India) ins Leben gerufen, um die Mangrovenwälder wiederherzustellen.

Mangroven helfen auch dem KlimaschutzBisher sind die Renaturierungsprojekte im asiatischen Raum aber nur Einzelfälle. Immer noch verschwinden weitaus mehr Mangrovenwälder als neue angelegt werden. Dabei dienen sie nicht nur dem Schutz der Bevölkerung und der Sicherung der Küsten vor Erosion.

Die rund 70 salzresistenten Pflanzenarten, darunter bis zu 30 Meter hohe Bäume, binden pro Hektar und Jahr rund 1,5 Tonnen Kohlendioxid. In den vom Wurzelwerk festgehaltenen Sedimenten speichern sie weitere 700 Tonnen, so der Hamburger Meeresbiologe und Deepwave-Chef Onno Groß. Außerdem sind sie wichtige Laichgebiete für Fische.

Auch in Vietnam werden derweil Mangrovenwälder mit deutscher Hilfe aufgeforstet. Auftraggeber ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit leitet das Projekt in der Provinz Soc Trang. Um die frisch gesetzten Pflanzen zu schützen, wurden dort zunächst Wellenbrecher aus Bambus gebaut, die zusätzlich verhindern, dass Sand und Erde ins Meer gerissen werden.

Tausende Hektar Küstenfläche werden so renaturiert. Laut einer Studie von Yoshihiro Mazda vom Institut für Meereswissenschaften und -technologien der Tokai University in Japan reduziert ein neu angelegter 1500 Meter breiter Mangrovenwald, der fünf Jahre alt ist, die Höhe einer Ein-Meter-Welle auf nur noch fünf Zentimeter.

Ein intaktes Ökosystem Mangrovenwald hätte somit möglicherweise schlimmeres auf den Philippinen verhindern können. Angesichts von tausenden Toten und zehntausenden Menschen ohne Obdach, ist das eine traurige Erkenntnis.

Mitarbeit: Thiemo Bräutigam

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%