Plastik im Meer: Forscher rätseln, wo der Kunststoffmüll geblieben ist

Plastik im Meer: Forscher rätseln, wo der Kunststoffmüll geblieben ist

von Tobias Finger

Australische Forscher finden in Wasserproben nur geringe Plastikmengen. Für Entwarnung ist es jedoch zu früh.

Plastikmüll erregt unter Meeresforschern immer größere Besorgnis, weil er eine akute Gefahr für Fische, Seevögel und Kleinstorganismen aller Art darstellt. Besonders bedrohlich ist das sogenannte Mikroplastik. Das sind kleinste Kunststoffteile, deren Durchmesser unter einem Millimeter liegt. Sie entstehen, wenn Plastikabfall in die Ozeane gelangt und die Sonneneinstrahlung ihm so lange zusetzt, dass sich mikroskopisch kleine Teile abspalten.

Bei mehreren Millionen Tonnen Plastik, die jährlich in den Meeren dieser Welt enden, dürfte entsprechend viel Mikroplastik im Wasser treiben – könnte man meinen.

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Weniger Mikroplastik als angenommen?Doch Forscher der University of Western Australia haben in einer jetzt veröffentlichten Studie weit weniger der kleinen Kunststoffteilchen in Wasserproben gefunden, als anzunehmen wäre. Für ihre Studie werteten sie mehr als 3000 Oberflächenproben von 141 verschiedenen Orten rund um den Globus aus, die von der „Spanish Circumnavigation Expedition Malaspina“ im Jahr 2010 genommen wurden. Die Expedition hatte eigentlich die Aufgabe, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane zu untersuchen.

In ihrer Studie konnten die Wissenschaftler zwar in 88 Prozent der Proben Plastikteile von unterschiedlicher Größe finden, die Konzentration von Plastikpartikeln und insbesondere von Mikroplastik war jedoch gering.

Eine Möglichkeit, diese Erkenntnis zu deuten, wäre nun, die Plastikverschmutzung als wenig gravierend einzuschätzen. Wahrscheinlicher sind aber andere Erklärungen. Zumindest ein Teil des Mikroplastiks könnte durch die Nahrungsaufnahme zum Beispiel im Körper von Meerestieren landen.

Plastikpartikel in der NahrungsketteFür Organismen, die Plastikteile mit ihrer Nahrung aufnehmen, bedeuten sie zunächst eine körperliche Gefahr – Fotos toter Meeresbewohner, deren Bäuche mit Plastik gefüllt sind, gibt es mehr als genug.

Das Mikroplastik konzentriert zusätzlich bereits im Meerwasser vorhandene Giftstoffe und wird damit zusätzlich zu einer globalen Bedrohung: Sobald die mikroskopisch kleinen Partikel einmal „gegessen“ werden, sind sie und ihre Gifte aus der weltweiten Nahrungskette nicht mehr zu entfernen.

Das Mikroplastik, das nicht von Meeresbewohnern geschluckt wird, kann auf eine weitere Weise verschwinden. „An Plastikteilen, die auf der Oberfläche treiben, können sich viele Kleinstorganismen festsetzen“, weiß Andrés Cózar, Wissenschaftler von der Universität Cadiz und Teilnehmer der Malaspina Expedition. „Dadurch können sie Orte kolonisieren, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten.“

Andererseits könnten die Plastikteile durch das zusätzliche Gewicht in tiefere Wasserschichten absinken. Deshalb warnt Cózar, „dass die meisten Einflüsse der Plastikverschmutzung in den Ozeanen bisher noch nicht bekannt sind.“

Dass die Kleinstpartikel nicht in größeren Mengen im Meerwasser nachweisbar seien, sei kein Grund für Entwarnung, finden auch die Wissenschaftler Kara Lavender Law von der Forschungsorganisation Sea Education Association in den USA und Richard Thompson von der englischen Plymouth University.

Plastik auch in der ArktisDa Mikroplastik mittlerweile sogar in arktischem Eis und in den unterschiedlichsten Meeresbewohnern vom kleinen Fisch bis zum großen Meeressäuger gefunden werde, müsse endlich etwas gegen die Verschmutzung der Meere getan werden, schreiben sie in einem kürzlich im Magazin Science veröffentlichten Artikel.

Thompson, der 2004 den Begriff des „Mikroplastik“ einführte, kritisiert, dass sich die Untersuchungen zur Konzentration der Kleinstteile zu häufig auf die Meeresoberfläche beschränkten (wie eben die der Malaspina). „Große, unbeantwortete Fragen bleiben deshalb bezüglich der Menge von Mikroplastik, das sich womöglich auf dem Meeresboden angesammelt hat.“ Die Suche nach den Kleinstteilen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass niemand genau weiß, wo am meisten Plastikmüll in die Ozeane gelangt.

Recycling als Lösung

Trotz dieser offenen Fragen bezeichnen die britischen Wissenschaftler Mikroplastik als globale Bedrohung. Um diese zu bekämpfen, müsse entweder der Müll aus dem Wasser gefiltert, oder „der Hahn abgedreht“ werden, fordern Law und Thompson.

Plastikmüll gelangt vor allem über Abwasser ins Meer, über Müll an Stränden, die Fischerei und die Schifffahrt (links eine übersichtliche Grafik des WWF zu den Quellen des Plastikmülls).

Da verwundert es nicht, dass sich die beiden Experten klar für Recycling-Initiativen aussprechen. Plastikmüll solle als wertvolle Ressource betrachtet und wiederverwendet werden. Startups wie Plastic Bank oder Protoprint, die Menschen in Entwicklungsländern für das Plastiksammeln bezahlen, wollen genau das erreichen.

Jeder kann den Unterschied machenAber auch jeder einzelne kann durch sein Verhalten die Meere schützen: "Wenn jeder von uns kleine Veränderungen in seinen alltäglichen Gewohnheiten vornimmt – beispielsweise wiederverwendbare Kaffeebecher benutzt – können wir unsere Abhängigkeit von Wegwerfgegenständen verringern, die sonst in unserer Umwelt verloren gehen," sagt Law.

Beim Mikroplastik, das schon in den Ozeanen und dessen Bewohnern vorhanden ist, wird das aber nicht mehr helfen.

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